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17.
Ich habe immer geglaubt, das Leben sei eine Einladung mit TischkĂ€rtchen. Als mĂŒsste man sich, schon aus GrĂŒnden der Höflichkeit, auf den Stuhl setzen, der einem zugewiesen wird, auch wenn es am anderen Ende des Tisches viel lebhafter zugeht.
Ich möchte Ihnen sagen: Das ist ein Irrtum. Es ist eine Einladung mit freier Platzwahl.
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âTeebeutelphilosophieâ
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âWas man von hier aus sehen kannâ
Unter einem Apfelbaum blieb Alaska stehen und fand einen aus dem Nest gefallenen Vogel. Er lebte noch und hatte schon Gefieder, konnte aber noch nicht fliegen. Ich wollte den Vogel sofort zu Selma bringen. Ich war sicher, dass Selma ihn aufziehen, dass sie dafĂŒr sorgen könne, dass der Vogel obwohl er als Meise geboren war spĂ€ter als Bussard malerische Kreise ĂŒber der âUhlheckâ ziehen könnte.
âWir nehmen ihn mitâ, sagte ich.
âNeinâ, sagte Martin, âwir lassen ihn in Ruhe.â
âDann stirbt er.â
âJa, dann stirbt er.â
Ich versuchte Martin anzusehen, wie jemand aus Selmas Vorabendserie und sagte:
âDas dĂŒrfen wir nicht zulassen.â
âDochâ, sagte Martin, das sei der Lauf der Welt, sagte er, und auch das hatte schon mal jemand in Selmas Vorabendserie gesagt.
âHoffen wir, dass der Fuchs schnell kommt.â
Da kamen die Zwillinge aus dem Oberdorf angelaufen. Sie hatten den aus dem Nest gefallenen Vogel offenbar vor uns entdeckt.
âWir haben nur schnell Stöcke geholtâ, sagten sie.
âWir erschlagen den jetzt.â
âAuf keinen Fallâ, sagte ich.
âWir verkĂŒrzen nur sein Leidenâ, sagten die Zwillinge.
Sie sagten es so wie Martins Vater âIch tue nur etwas fĂŒr den Umweltschutzâ sagte, bevor er auf die Tiere im Wald ballerte.
âKönnen wir nicht auf den Fuchs warten?â fragte ich, aber die Zwillinge schlugen schon zu.
Der erste Schlag traf nicht. Der zweite Schlag verrutschte und war nicht entschlossen genug.
Er streifte den Vogel am Kopf. Ich sah noch wie sein winziges Auge innen rot wurde. Dann nahm Martin meinen Kopf und drĂŒcke mein Gesicht an seinen Hals. âSchau nicht hinâ, sagte er. Ich hörte noch einen Stockschlag. Ich hörte wie Martin sagte: âIhr Idioten! Jetzt trefft doch endlich mal.â
Ich beschloss Martin spÀter zu heiraten, weil ich fand, der Richtige sei der, der einem das Hinsehen erspart, wenn die Welt Ihren Lauf nimmt.
aus: Mariana Leky
âWas man von hier aus sehen kannâ
âNĂ€heââŠâŠâŠ
Jemandem nah zu sein ist leicht, jemandem nah zu bleiben, aber fast unmöglich. Zum Beispiel Freunden, zum Beispiel Hobbies, sogar Ideen.
NÀhe kann man nur auf eine Weise erhalten, indem man festhÀlt, was einem nah sein soll; damit kÀmpft, es zu Boden ringt, wie Jakob den Engel und sich weigert loszulassen.
Liebe ist nicht die Abwesenheit von Ringen, Liebe ist Ringen.
aus: Hier bin ich
Jonathan Safran Foer
âSchlafen werden wir spĂ€ter...â
23.Juli 2009 â 06:01
Liebste Johanna,
zwei Zeilen, bevor der Tag beginnt und die Welt tosend laut hereinbricht, wild streitende Vögel haben mich aus dem Bett gejagt und meine Nacht abschĂŒtteln lassen, die kaum an einer Stelle dunkelruhig geworden ist. Immerhin ist der Sommer auf seine entwaffnende Art zurĂŒck, wenn die tĂŒr geschlossen wird, sind auch die hunde still in ihren hĂŒtten, kein weckerticken, nichts stört, nur der Rasensprenger im Nachbargarten geht in kurzen AbstĂ€nden an und lĂ€sst mich zusammenfahren, setzt seine Wassertropfen Regenbögen in die Luft, bevor sie auf Beton landen, hĂŒbsch sieht das aus.
Ich vermisse Dich, Johanna, in den jĂŒngsten Tagen hĂ€ttest du in meiner KĂŒche sitzen, den Kopf schĂŒtteln oder andere sinnvolle Dinge fĂŒr mich tun können, wie Schnaps aus meinen GlĂ€sern trinken und mir beim Reden zuschauen. Ich winde mich aus einer fis-Moll-Stimmung, die an mir klebt und ihre unauflösbaren FĂ€den zieht.
aus: Zsuzsa Bånk, Schlafen werden wir spÀter
Erstrebenswert...
âDer Zustand, da Hoffnung und Zorn, Trauer und Freude sich noch nicht regen, heiĂt die Mitte. Der Zustand, da sie sich Ă€uĂern, aber in allem den rechten Rhythmus treffen, heiĂt Harmonie. Die Mitte ist die groĂe Wurzel aller Wesen auf Erden, die Harmonie ist der zum Ziel fĂŒhrende Weg auf Erden. Bewirke Harmonie der Mitte, und Himmel und Erde kommen an ihren rechten Platz, und alle Dinge gedeihen.â
~aus dem chinesischen âBuch der Riten, Sitten und GebrĂ€ucheâ (Li Gi, Liji)
âDie Samenkraft des Lichtes (Yang) heiĂt Geist, die Samenkraft des Dunklen (Yin) heiĂt Seele. Geist und Seele sind die Wurzel aller Lebewesen und der Anfang von Sitte und Musik, GĂŒte (Menschlichkeit) und Gerechtigkeit und die Quelle von Gut und Böse, Ordnung und Verwirrung. Wenn das Dunkle (Yin) und das Lichte (Yang) ihre KrĂ€fte an der ihnen gebĂŒhrenden Stelle leben lassen, dann herrscht Ruhe.â
Aus dem chinesischen âBuch der Riten, Sitten und GebrĂ€ucheâ (Liji)
âVerachte nicht den Tod, sondern befreunde dich mit ihm, da auch er naturgewollt ist âŠ
Du wirst in dem verschwinden, was dich erzeugt hat ⊠Durchwandere das Winzige deiner Zeit naturgemÀà und beende es heiter, als fiele die reif gewordene Olive herab, preisend den Boden, der sie trug und dankend dem Baum, der sie nĂ€hrte.â
~ Marc Aurel
âRuhig zu sitzen in Einsamkeit ist auch eine Freude; diese stille Freude ĂŒberragt bei weitem die Freude opulenter Feste.â
~Kaibara Ekiken
Ein Jahrtausend von TrĂ€nen und Schmerzen vermöchten die Seligkeit nicht aufzuwiegen der ersten Blicke, des Zitterns, Stammelns, des Nahens, Weichens â des Vergessens sein selbst â den ersten flĂŒchtigen, feurigen KuĂ, und die erste, ruhigatmende Umarmung.
[Johann Wolfgang von Goethe]
Was er tat, war grausam, Breuer wuĂte es wohl. Doch er wuĂte auch: Jetzt nicht grausam zu sein wĂ€re die noch gröĂere Grausamkeit. Die Gelegenheit, die sich bot, war einmalig, sie wĂŒrde sich nie wieder bieten.
âVergeben Sie mir meine harschen Worte, Friedrich, aber ich folge nur dem Rat eines groĂen Lehrers. âSei den Leiden des Freundes eine RuhestĂ€tteâ, sagt dieser, âdoch gleichsam ein hartes Bett, ein Feldbett.ââ
âMan muss dem Wissen eine Grenze setzen, um fĂŒr den Glauben Platz zu schaffen.â
-Immanuel Kant
âAch ja! Dieser wilde, windige Streifzug! Ein wundervoller Spaziergang! Und ein schrecklicher! Sie haben recht: Als wir beim Fiaker anlangten, war ich am Ende. Ich fĂŒhlte mich wie ein AmboĂ; Ihre Worte waren wie HammerschlĂ€ge. Sie hallten noch lange nach, vornehmlich ein Satz.â
âWelcher?â
âDas der einzige Weg, meine Ehe zu retten, der sei, sie aufzugeben. Einer Ihrer orakelnden AussprĂŒche; je lĂ€nger ich ĂŒber ihn nachdachte, desto mehr schwindelte mich!â
âDann hĂ€tte ich mich wohl klarer ausdrĂŒcken mĂŒssen, Josef. Ich meinte lediglich, eine treffliche Ehe könne es nur geben, wenn sie nicht fĂŒr beider Ăberleben notwendig sei.â
Da Breuer ihn fragend anblickte, fĂŒgte Nietzsche hinzu: âIch meinte: Um sich wirklich gegenseitig gut zu sein, mĂŒsse sich jeder erst einmal selbst gut sein. Solange wir nicht anerkennen, daĂ wir allein sind, benutzen wir den anderen nur als Schutzschild gegen die Einsamkeit. Nur wer herzhaft leben kann wie der Adler- dem kein Zeuge zuschaut-, kann sich einem anderen in Liebe zuwenden; nur der ist fĂ€hig, die Erhöhung des anderen Daseins, das Wachstum zu wĂŒnschen. Also ist eine Ehe, die man nicht aufgeben kann, zum Scheitern verurteilt.â
-aus âUnd Nietzsche weinteâ
Irvin D. Yalom