Meinung eines jungen Mädchens über die Grausamkeiten der Vergangenheit ihres Landes
Heute war ich mit meinem Geschichtskurs in Sandbostel. Dies liegt in der Nähe von Bremen und war im zweiten Weltkrieg ein Kriegsgefangenenlager. Es war eines meiner schlimmsten Gefühle, die ich von dort mit nach Hause gebracht habe. Klar, ich bin 16 Jahre alt. Einiges weiß ich bereits über die schreckliche Zeit von damals. Sei es durch den Unterricht in meiner Schule, durch diverse Gesprächen mit Zeitzeugen oder eben einfach durch einige Besuche an Orten, wie solche, die ich heute besichtigt habe. Ich bekomme die Bilder nicht mehr aus meinem Kopf, die ich heute zu Gesicht bekommen habe. Oft habe ich Bilder, aber auch Videos aus diversen Kriegen gesehen. Doch heute war es anders. Vermutlich lag es daran, dass ich an dem Ort stand, an dem die Bilder, die ich wenige Augenblicke zuvor gesehen habe, gemacht wurden. Es war kalt. Es war so bitterkalt. Nein, es lag nicht nur an dem Aprilwetter, dass uns am heutigem Tag Regen und teilweise sogar Gewitter geschenkt hatte. Es lag an den Geschichten. Die Gänsehaut war ständiger Begleiter, während uns die Historikern alles gezeigt und erklärt hatte. Wir liefen über einige Grasflächen hin zu porösen Baracken. Mein Blick blieb starr auf den Boden gesengt. Ich suchte ständige körperliche Nähe zu meinen Freunden. Ich wollte nicht das Gefühl haben allein zu sein. Ebenso konnte ich es mir einfach nicht alles anzusehen. Es war grausam! Ich bin ein sechzehnjähriges Mädchen. Ich schäme mich für meine Herkunft, für mein Land, in dem ich geboren bin. Sollte ich es nicht eigentlich lieben und verehren? Ich tue es nicht. Nachdem ich endlich wieder am frühen Abend zu Hause in meinem Zimmer saß, schämte ich mich für all das, was mich umgab. Ich hatte mich schlecht gefühlt, als ich gegessen habe, als ich in gemütlichere Klamotten geschlüpft bin, ja sogar, als ich nur die Toilette benutzt hatte. Ich weiß, ich kann die Vergangenheit nicht rückgängig machen. Ich kann auch nichts dafür was passiert ist. Niemand in meiner Familie, soweit ich das weiß, war ein Angehöriger der Nationalsozialisten. Ich trage eigentlich keine Schuld... Völlig aufgelöst saß ich nun auf meinem Bett. Vor mir mein Spiegel, der wiederum mein Fenster spiegelte. Es regnete. Es blitzte und dann ein Donner. Lauter als, ich einen je zuvor gehört habe. Leise Tränen kullerten meine Wange hinunter, ohne dass ich es in den ersten Momenten gemerkt hatte. Nach wie vor: Ich hatte Schuldgefühle. Nach wenigen Minuten kam meine Mutter, eine sehr kluge und gebildete Frau, in mein Zimmer. Sie setzte sich zu mir. Es hätten damals ganz andere Wertvorstellungen geherrscht, sagte sie mir, um mich zu beruhigen. Hat sie recht? In so wenigen Jahren soll sich alles von Grund auf geändert haben? Auf einmal ist ein Menschenleben doch wieder viel mehr wert? Ich verstehe kaum was sie versucht mir damit zu sagen. Auch andere Länder hätten schon viel Schlimmes in der menschlichen Vergangenheit angerichtet. Es würde wahrscheinlich noch viel folgen, so ihre weiteren Worte. Klar, denkt man nun an die Krimkrise oder Syrien, nur um einige aktuelle Themen zu nennen. Aber werden Menschen dort gleich vergast, nur weil sie eine andere Nationalität haben? Wohl kaum. Also wieso das Ganze? Was haben diese 60 Millionen Opfer alleine nur durch einen Krieg gebracht? Vielleicht ein Ende vom Anfang von rechten Parteien an der Spitze der Politik, wenn man es auf Deutschland bezieht. Aber 60 Millionen Menschen? Wirklich? War das wirklich nötig, um das zu kapieren? Diese Menschen, die aus so vielen verschiedenen Ländern kamen, überlebten nur selten länger als ein Jahr in diesem Lager. Hungertod und Erfrierung waren die häufigste Todesursache. Es haben bis zu 300 Menschen auf einmal in einem Raum "gelebt". Darunter mit Sicherheit einige bereits tot. Der Gestank, so hörte ich von Zeitzeugen, sei wohl das, was sie niemals vergessen können aus dieser Zeit. Eigene Fäkalien und Leichen häuften sich auf dem Gelände. Menschenwürde? Gab es nicht. Doch wie konnte es sich so stark in die Köpfe von diesen Menschen (Nationalsozialisten) einbrennen, dass sie dies tolerierten und sogar erwünschten? Was wäre passiert, hätte Hitler den Krieg nicht verloren, sondern gewonnen? Würde Deutschland noch immer unter den Händen eines Diktators leben? Oder was wäre passiert, wenn Hitler niemals so stark an die Macht gekommen wäre? Der Antisemitismus war bereits in den Köpfen verankert, doch gäbe es Menschen, die ihn genauso ausgelebt hätten? Fragen über Fragen quälen mich vor dem Schlafengehen. Bilder über Bilder schwirren in meinem Kopf herum. Schuldgefühle, aber auch Dankbarkeit, dass ich in der heutigen Zeit mit diesem Lebensstandard leben darf, kann ich deutlich in meinem kleinen und noch jungen Körper spüren. Niemals werden ich anders darüber denken können, vermute ich. Meine Fragen werden unbeantwortet bleiben. Meine Gefühle werden verblassen, doch niemals ganz verschwinden... Ein Land mit einer Geschichte, die nicht in Vergessenheit, aber die nicht auf die heutige Generation übertragen werden darf! Verantwortung ist nicht dasselbe wie Schuld. Wir sind eine Nation, ich wurde in diese nunmal hineingeboren, wir haben eine gemeinsame Vergangenheit und wir nehmen Verantwortung dafür, was passiert ist, auch wenn die "schuldige Generation" ausstirbt. Ich akzeptiere die Vergangenheit. Ich schäme mich dennoch für sie. So ist meine Meinung. Ich erinnere mich noch. Vor wenigen Stunden standen wir vor einer Baracke. Nach wie vor beobachtete ich das grüne Gras, die mittlerweile verwelkten Löwenzahnblüten, die Erde, die von Maulwürfen ans Tageslicht hochgebracht wurde und die zahlreichen Kleeblätter zu meinen Füßen. Überall waren Kleeblätter und nun stand ich da. Mein Blick auf einen kleinen Punkt vor mir auf dem Boden gerichtet. Vier Blätter. Und ich fragte mich, wie etwas, das man mit so viel Glück verbindet, an einem Ort wie diesem, an dem Schreckliches vor gerade mal gut 70 Jahren passiert war, wachsen kann. Ein vierblättriges Kleeblatt. (23:36 Uhr, 09.05.2014)










