Werkbetrachtung: Kunstvermittlerin Sara Grütter rätselt über Kelterborns «Rheinweise»
Während dem Lockdown haben wir die Mitglieder unseres Teams gebeten, sich je ein Werk aus den dazumal geschlossenen Ausstellungen auszuwählen, um es unserem Publikum in Erinnerung zu rufen und auf ihre ganz persönliche Art vorzustellen.
Seit dem 12. Mai ist das Museum nun ja wieder offen – Wir laden Sie deshalb mit dieser Werkbetrachtung herzlich dazu ein, den Kunstwerken in unseren Ausstellungen auch im Original zu begegnen. Sollen Sie selbst Lust haben, eine – wie auch immer geartete – persönliche Werkbetrachtung mit uns und anderen Besucher*innen zu teilen, freuen wir uns über Ihre Zusendung auf [email protected]
Sara Grütter aus dem Kunstvermittlungsteam wählt ein Exponat aus der Ausstellung «Rendezvous. Kostbarkeiten aus der Sammlung der Stiftung für Kunst des 19. Jahrhunderts und des Kunstmuseums Olten» (Kunstmuseum Olten, 26.1.–16.8.2020):
Ludwig Adam Kelterborn (Hannover 1811 – 1878 Basel)
Die Rheinweise, 1835
Öl auf Leinwand, 54.2 x 65.2 cm
Stiftung für Kunst des 19. Jahrhunderts, Inv. 2000.G.1299,
Geschenk der UBS-Kulturstiftung
Sind die zwei ganz links eigentlich ein Liebespaar?
Bildbeschreibung oder so
Lauscht S dem Schnarchen?
P ein eher männlicher, fülliger,
vollgefressener Körper – oder ist P
einfach hart betrunken? – in einem
Blumenkleid, komatös sitzend.
Hat P grad einen Herzinfarkt?
Daneben S eine jung und weiblich
erscheinende Figur, die im dunklen
unauffälligen Kleid hinter P verschwindet.
Freut sich S, da endlich Ruhe herrscht?
Eine Hand von P ruht oberhalb
des eigenen Ranzens,
ziemlich bequem sieht das aus.
Schläft P?
Eher unbequem hingegen
scheint es für S zu sein.
Was hat S vor?
Die linke Hand von P ist in S`s
Schoss zum liegen gekommen,
P umschliesst dabei S`s Handgelenk.
Vor was hat P Angst?
P`s Augen sind geschlossen,
S lächelt ein wenig und starrt ins Leere.
Wer hängt da an S`s Hinterkopf?
Und was ist mit denen ganz rechts?
Sara Grütter
Kunstmuseum Olten, Kunstvermittlung, 30.4.2020
Veröffentlicht am 9. August 2020
Werkbetrachtung: Maura Künzli aus dem Empfangsteam blickt auf Kelterborns «Rheinweise»
Während dem Lockdown hatten wir die Mitglieder unseres Teams gebeten, sich je ein Werk aus den dazumal geschlossenen Ausstellungen auszuwählen, um es unserem Publikum in Erinnerung zu rufen und auf ihre ganz persönliche Art vorzustellen.
Seit dem 12. Mai ist das Museum nun ja wieder offen – Wir laden Sie deshalb mit dieser Werkbetrachtung herzlich dazu ein, den Kunstwerken in unseren Ausstellungen auch im Original zu begegnen. Sollen Sie selbst Lust haben, eine – wie auch immer geartete – persönliche Werkbetrachtung mit uns und anderen Besucher*innen zu teilen, freuen wir uns über Ihre Zusendung auf [email protected]
Maura Künzli aus dem Empfangsteam wählt ein Exponat aus der Ausstellung «Rendezvous. Kostbarkeiten aus der Sammlung der Stiftung für Kunst des 19. Jahrhunderts und des Kunstmuseums Olten» (Kunstmuseum Olten, 26.1.–16.8.2020):
Ludwig Adam Kelterborn (Hannover 1811 – 1878 Basel)
Die Rheinweise, 1835
Öl auf Leinwand, 54.2 x 65.2 cm
Stiftung für Kunst des 19. Jahrhunderts, Inv. 2000.G.1299,
Geschenk der UBS-Kulturstiftung
Die Rheinweise
Auf den ersten Blick scheint es eine fröhliche Gesellschaft bei einem Picknick zu sein. So etwas mutet in Zeiten von Corona-Pandemie und social distancing schon fast etwas seltsam an.
Aber betrachten wir uns die Szene doch einmal genauer:
Zum Beispiel springt uns da ein schlafender Mann ins Auge. Anscheinend hat er gewusst, dass er einschlafen wird, er trägt nämlich bereits sein geblümtes Nachthemd und eine Schlafkappe.
Die junge Frau neben ihm hält seine Hand, dazwischen etwas verborgen eine weitere Person. Ein junger Mann, vermutlich ihr Geliebter, der sich eifersüchtig nach seiner Angebeteten sehnt.
Dahinter noch ein Mann, eventuell der Bruder, jedenfalls sieht er ihm sehr ähnlich. Er hält eine Pfeife in der rechten und ein Glas in der linken Hand und macht eine ausladende Geste. Er scheint eine Rede zu halten, oder er singt zur Musik des Gitarristen hinter ihm.
– Aber Moment, der kann ja gar nicht Gitarre spielen, denn er hält ebenfalls ein Glas in der Hand! Die Männer scheinen anzustossen, vermutlich auf das Leben und die Liebe.
Dann haben wir da noch dieses Paar rechts im Vordergrund, der Dame zu Füssen ein Hund, links einen Jüngling. Die beiden scheinen sich flüchtig zu berühren; ist das etwa ein Techtelmechtel?
Fast unter dem Tisch, sitzt ein kleiner Junge. Es sieht fast so aus, als würde der kleine Schlingel heimlich Wein trinken, wenn die Erwachsenen gerade nicht hinschauen.
Im Hintergrund, oben rechts am Hang, befinden sich, ganz klein, nochmals zwei Personen. Sie sind vermutlich auf dem Weg ins nächste Dorf oder am Heuen einer Bergwiese. Hinter ihnen ragt ein Fels empor, es könnte aber auch eine Burgruine sein.
Das Bild hat mich fasziniert, weil man so viel hineininterpretieren und sich die unterschiedlichsten Geschichten zu den Personen ausdenken kann.
Maura Künzli
Kunstmuseum Olten, Empfang / Aufsicht
Veröffentlicht am 9. August 2020
Werkbetrachtung: Claudia Kissling aus dem Empfangsteam träumt vom Süden
Von ihrem Arbeitsplatz aus, am Empfangstresen des Kunstmuseums, kann Claudia Kissling die Wand überschauen, auf der Bilder «exotischer», ferner Landschaften aus dem 19. Jahrhundert vereint sind.
Sie laden zu mentalen Reisen ein, auf die Krim (Miville), nach Amerika (Buchser), nach Frankreich (Stückelberg) oder – vor allem – nach Italien, dem Sehnsuchtsland par excellence aller Nordeuropäer*innen.
Diese Bilder sind Teil der Ausstellung «Rendezvous. Kostarkeiten aus den Sammlungen der Stiftung für Kunst des 19. Jahrhunderts und des Kunstmuseums» (Kunstmuseum Olten, 26.1.–16.8.2020).
Unserer Empfangsmitarbeiterin Claudia Kissling teilt mit uns ihre Gedanken zu einem Exponat, das es ihr besonders angetan hat:
August Weckesser (Töss 1821 – 1899 Rom)
Wäscherinnen am Strand von Terracina, 1869
Öl auf Leinwand, 37.5 x 64 cm
Stiftung für Kunst des 19. Jhs., Inv. 1990.G.149,
Stiftung Heinrich Thommen, «in memoriam Emilie Linder»
August Weckesser: Wäscherinnen am Strand von Terracina
Wäscherinnen am Strand, eine Momentaufnahme an der Küste von Terracina im Jahr 1869, eingefangen von August Weckesser, mit feinem Pinselstrich in sinnlich-warmen Farbtönen.
Je länger ich in das Bild eintauche, desto stärker berührt mich die schlichte Schönheit dieser Szenerie.
Eine Gruppe von Frauen und Mädchen, die sich ganz ihrer Wascharbeit hingeben. Manche in Gedanken versunken, still für sich, andere in aufmerksamem Gespräch einander zugewandt. Sie sitzen barfuss im weichen Sand oder auf sonnengewärmten Felsbrocken.
Ich sehe keine Eile, keine Hast, als würde die Zeit nicht zählen. Die Sonne steht noch hoch, doch die länger werdenden Schatten lassen eine angenehme Kühle vermuten.
Das Meer spült sanfte Wellen ans Ufer, weit draussen kann ich ein Segelboot erspähen und in der Nähe der Wäscherinnen hockt ein Fischer, der sein Fangnetz ausbessert.
Friedvoll ist die Stimmung unter den Frauen. Jede hat in hingegebener Selbstverständlichkeit ihren Wäschekorb zum Wasser getragen, weil sie es immer tut, weil das Waschen am Strand zu ihrem einfachen, ausgefüllten Leben gehört, als Teil eines immer wiederkehrenden Rhythmus der Tage, der Wochen, der Jahre.
Tief in mir regt sich ein Körnchen von Neid. Diese Versöhntheit mit dem Leben, die aus dem Bild zu mir spricht, wünsche ich mir auch. Dieses vertrauensvolle Sich dem ewigen Kreislauf hingeben, ohne zu fragen, was morgen ist.
Vielleicht sehe ich es zu idealisierend, mit einem zu verklärten Blick. Vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach eben diesem entschleunigten, blossen Leben, die mich die Idylle aus dem Bild lesen lässt.
Wusste der Maler, dass ich eines Tages im Kunstmuseum Olten vor seinem Werk sitzen würde, mit einem Stift in der Hand und dem Bedürfnis, den Empfindungen, die sein Bild in mir auslöst, auf einem Blatt Papier Raum zu geben?
Claudia Kissling
Kunstmuseum Olten, Empfangsteam
veröffentlicht am 8. August 2020
Werkbetrachtung: Andreas Burckhardt, ehem. Präsident der «Freunde» des Kunstmuseums Olten, über ein Portrait von Paul Camenisch
Während dem Lockdown verfasste Dr. Andreas Burckhardt, Vorstandsmitglied und ehem. Präsident der Freunde Kunstmuseum Olten Bildbetrachtungen zu Gemälden aus der Sammlung der «Freunde», um den Vereinsmitgliedern die damals nicht zugänglichen Werke in Erinnerung zu rufen, und um ihnen mit farbsprüchenden Bildern Mut zuzusprechen. Gedanken machte er sich u.a. auch zu dem irritierend kantig-verzogenen Portrait, das Paul Camenisch 1932 von seiner Frau Martha gemalt hat:
Paul Camenisch (1893–1970)
Bildnis Martha Camenisch, 1932
Öl auf Leinwand, 95 x 75.5 cm
Kunstmuseum Olten,
Depositum Freunde Kunstmuseum Olten, 1995
Dieses und weitere Gemälde von Camenisch stellt Andreas Burckhardt im Rahmen der 1. Veranstaltung vor, die im Museum nach den vom Bundesrat beschlossenen Lockerungen stattfinden kann. Diese Werkbetrachtung in der Reihe «Kunst für Freund*innen» vom Mittwoch, 10. Juni 2020, ist bereits ausgebucht! Wir publizieren deshalb hier die Bildbetrachtung, die unser Referent während dem Lockdown verfasst hat:
Bildnis Martha Camenisch
Die zierliche blasse Frau mit prächtigem rotem Haar, feingliedrigen Händen, gekleidet in dezentem Grün und Blau sitzt merkwürdig verdreht auf einem monströsen Stuhl, der an einer Wand in warmem Gelb auf einem braunen Holzboden steht.
Der Betrachter blickt von oben auf die Sitzfläche und den unteren Teil der Figur, aber von der Seite auf den Kopf und halb-seitlich auf den Oberkörper, was beim Betrachter eine Spannung, sogar eine Irritation auslöst. Die Bodenleiste, der rechte Oberschenkel und Vorderarm bilden eine markante Diagonale zur Senkrechten des linken Vorderarmes und des Türpfostens. Dass Nase, Kinn, der linke Ellbogen und die Kniee auffallend spitz sind, trägt zur Irritation bei. Die Abgebildete blickt verträumt und abwesend wohl durch ein helles Fenster und kommuniziert anscheinend nicht mit dem Maler. Woran denkt sie?
Paul Camenischs Familie stammt aus Flerden im Bündnerischen Domleschg. Nach dem frühen Tod des Vaters zieht die Familie nach Basel, der Heimatstadt der Mutter. Mit Ach und Krach absolviert Paul das dortige Realgymnasium. Sein Onkel, Advokat und Stadtpräsident von Chur, finanziert ihm danach von 1912–1916 das Architekturstudium an der ETH. Karl Moser, der Architekt des Badischen Bahnhofs in Basel und des Kunsthauses in Zürich gehört zu seinen Lehrern. Nach Wanderjahren in Norddeutschland und Aufenthalten auf dem Monte Verità arbeitet er im Büro von Karl Bernoulli in Basel, wo er u. a. am Wettbewerb für den Friedhof am Hörnli beteiligt ist. Ab 1921 entstehen utopische Architekturbilder in phantastischen Farben, von denen unser Verein das untenstehende Bild besitzt.
Paul Camenisch (1893–1970)
Architektonische Komposition II, 1924
Öl auf Leinwand, 56 x 76.8 cm
Kunstmuseum Olten, Inv. 2011.17
Depositum der Freunde Kunstmuseum Olten, 2011
Die Malerei verdrängt allmählich die Architektur. Camenischs kämpferischer Charakter stösst sich zunehmend an der etablierten, brauntonigen Malerei der massgebenden Basler Künstler. Um sich und seinen jungen Malerfreunden eine bessere Resonanz und vor allem Ausstellungsmöglichkeiten zu verschaffen, gründet er mit Albert Müller (1897–1926) und Hermann Scherer (1893–1927) in der Silvesternacht 1924 in Castel San Pietro im Mendrisiotto die Gruppe ROT-BLAU, zu der bald auch Werner Neuhaus (1897–1934) stösst. Es folgen bis 1928 die Jahre eines ungezügelten Expressionismus. Auch Camenisch setzt sich mit Ludwig Kirchner (1880–1938) auseinander, doch die gegenseitige Sympathie ist begrenzt, zu exzentrisch sind in den Augen Kirchners die Werke von Camenisch, z. B. diese Mendrisiottolandschaft aus Privatbesitz:
Nach dem abrupten Tod Müllers 1926 und Scherers 1927 versucht Camenisch zusammen mit Hans Stocker (1896–1983), Coghuf (Ernst Stocker, 1905–1976), Charles Hindenlang (1894–1960) und Max Sulzbachner (1904–1985) den alten Pioniergeist mit der Gruppe ROT-BLAU II wieder zu beleben, doch in der Zeit der Wirtschaftskrise kommen geplante Ausstellungen und gemeinsame Aktionen nicht mehr zustande. Jedoch entsteht dann aus dieser Keimzelle die weit einflussreichere Gruppe 33, zu deren Präsident Camenisch 1933 gewählt wird und es bis 1952 bleibt.
Ab 1928 wandelt sich auch sein Malstil. Anstelle der knalligen Farbgebung und der ekstatischen Motive tritt eine ruhigere, flächige, manchmal flimmernde und spröde Malweise, deren Kern aber doch expressionistisch bleibt wie unser im Museum deponiertes Bild Selbstbildnis mit Rosenstrauch von 1961 zeigt.
Paul Camenisch (1893–1970)
«Rose, oh reiner Widerspruch...»
(Selbstbildnis mit Rosenstrauss), 1961
Öl auf Leinwand, 116 x 125 cm
Kunstmuseum Olten, Inv. 2011.15,
Depositum der Freunde Kunstmuseum Olten
Typisch sind die politischen Motive mit Kriegsgräueln des Bildhintergrundes. Mit seinen ausgeprägten sozialen Kompetenzen wird Camenisch Kommunist und 1944 Mitbegründer der Partei der Arbeit (PdA) und lange Jahre Grossrat dieser Partei in Basel, was dort schlecht goutiert wird und ihn auch bei den Künstlern der Gruppe 33 in eine zunehmende Isolation bringt.
Erst mit der 1985 in Chur und anschliessend in Olten (!) gezeigten Retrospektive wird er rehabilitiert und seine Bilder erzielen heute fünf- und sechsstellige Beträge.
Camenisch ist auch ein ausgezeichneter Portraitist. Unser Museum besitzt mit dem Ferienbild Dr. Schlager (1932), dem Bildnis Hannes Meyer (1953) und natürlich dem Bildnis seiner Braut Martha drei besonders eindrückliche Beispiele.
Paul Camenisch (1893–1970)
Ferienbildnis Dr. Schlager, 1932
Öl auf Leinwand, 115.2 x 111.2 cm
Kunstmuseum Olten, Inv. 2003.9
Paul Camenisch (1893–1970)
Bildnis Hannes Meyer, 1952/53
Öl auf Leinwand, 92 x 73 cm
Kunstmuseum Olten, Inv. 2006.19,
Depostium Freunde Kunstmuseum Olten
Paul Camenisch (1893–1970)
Bildnis Martha Camenisch, 1932
Öl auf Leinwand, 95 x 75.5 cm
Kunstmuseum Olten,
Depositum Freunde Kunstmuseum Olten, 1995
1933 heiraten Camenisch und seine langjährige Freundin Martha Hoerler (1900–1985). Sie ist Zahnärztin und sichert den Lebensunterhalt und die politischen und sozialen Aktivitäten ihres Mannes. Dass Martha Camenisch-Hoerler es mit ihrem Mann wohl nicht so leicht hatte, zeigt eine gewisse Vergrämung und Anspannung in späteren Bildnissen, z. B. dem Bild Meine Gattin und ich von 1960/65:
Paul Camenisch (1893–1970)
Meine Gattin und ich, 1960/65
Bildquelle: artnet.de
Sie frontal, streng blickend in Weiss und Grau vor ihrem Zahnarzt-Instrumentarium, er farbenprächtig, verschwenderisch beim Malen einer Waldlandschaft – was für ein Gegensatz!
Wer mehr über diesen vielseitigen bedeutenden Künstler erfahren möchte, dem sei der Ausstellungskatalog von 1985 empfohlen, der im Kunstmuseum Olten noch erhältlich ist und eine eigentliche Monographie darstellt.
Werke von Paul Camenisch in öffentlichen Sammlungen:
Werkbetrachtung: Angelika Zimmermann aus dem Empfangsteam denkt über eine Ansicht von Olten nach
Während dem Lockdown haben wir die Mitglieder unseres Teams gebeten, sich je ein Werk aus den dazumal geschlossenen Ausstellungen auszuwählen, um es unserem Publikum in Erinnerung zu rufen und auf ihre ganz persönliche Art vorzustellen.
Seit dem 12. Mai ist das Museum wieder offen. – Wir laden sie deshalb mit dieser Werkbetrachtung herzlich dazu ein, den Kunstwerken in unseren Ausstellungen wieder im Original zu begegnen.
Sollen Sie selbst Lust haben, eine – wie auch immer geartete – persönliche Werkbetrachtung mit uns und anderen Besucher*innen zu teilen, freuen wir uns über Ihre Zusendung auf [email protected]
Angelika Zimmermann aus dem Empfangsteam wählt ein Exponat aus der Ausstellung «Rendezvous. Kostbarkeiten aus der Sammlung der Stiftung für Kunst des 19. Jahrhunderts und des Kunstmuseums Olten» (26.1.–16.8.2020):
Johann Christian Flury
(Solothurn 1804 – 1880 Neuenburg)
Kirchplatz Olten, 1833
Aquarell auf Papier, 35 x 45.5 cm
Kunstmuseum Olten, Inv. 1934.1,
Schenkung L. Flury-Trog
Kirchplatz Olten
Wenn ich dieses Bild betrachte, werde ich ganz sentimental.
Ich, als gebürtige Oltnerin, Heimkehrerin nach vielen Jahren…
Werkbetrachtung: Leonie Schwarz aus dem Empfangsteam über die Dornröschen-Arabeske von Eugen Neureuther
Noch schlummern unsere Ausstellungen wegen der Corona-Krise im Dornröschenschlaf – aber der Prinz naht! Am 12. Mai 2020 dürfen wir das Museum wieder für unsere Besucher*innen öffnen! Wir freuen uns sehr!
In der Anfangsphase des Lockdowns haben wird die Mitglieder unseres Teams gebeten, sich ein Werk auszuwählen, das sie unserem Publikum in Erinnerung rufen und auf ihre ganz persönliche Art kurz vorstellen möchten.
Leonie Schwarz-Schelbert aus dem Empfangsteam wählt ein Exponat aus der Ausstellung «Rendezvous. Kostbarkeiten aus der Sammlung der Stiftung für Kunst des 19. Jahrhunderts und des Kunstmuseums Olten», das Sie bald schon wieder im Original betrachten können:
Eugen Napoleon Neureuther
(München 1806 – 1882 München)
Dornröschen, Jahresgabe des Münchner Kunstvereins, 1834
Radierung auf Velin, ca. 69 x 52.5 cm (Druck)
Stiftung für Kunst des 19. Jahrhunderts, Inv. 1990.B.311,
Stiftung Heinrich Thommen «in memoriam Emilie Linder»
Dornröschenschlaf
Beim Betrachten dieses Bildes und noch bevor ich die Legende las, dachte ich sofort an das Märchen «Dornröschen» der Gebrüder Grimm. Ich bin eine endlose Romantikerin und glaube fest an die ewige, grosse Liebe und an den einen Prinzen. Daher fiel mir der Mittelpunkt des Bildes, wo der Prinz sich über Dornröschen beugt, um ihr den erlösenden Kuss der wahren Liebe zu geben, von Anfang an ins Auge.
Ich bewundere den Künstler Eugen Napoleon Neureuther (1806–1882), weil er es verstand, fast das gesamte Märchen in einem Bild zu erzählen. Von den schlafenden Eltern, König und Königin, über den schlafenden Hofstaat zu den Pferdeknechten und ihren Tieren in den Ställen. Das ganze Schloss ist verborgen von Dornen, Rosen und Ranken. Die mutigen Prinzen, die sich nicht bis zu Dornröschen durchkämpfen konnten, wurden in der Rosenhecke gefangen und mussten sterben. Im Schlossturm sitzt die böse Fee mit der einzigen Spindel im ganzen Reich und wartet auf Dornröschen. Im Zentrum des Bildes schläft Dornröschen seit hundert Jahren in Erwartung auf ihre Erlösung. – Es ist für mich eine traurige, aber romantische Vorstellung, eine Ewigkeit auf die einzig wahre Liebe zu warten.
Das Bild ist sehr detailliert und aufwändig gestaltet. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Künstler lange an diesem Werk gearbeitet hat. Ich mag solche Bilder sehr, auch deshalb, weil ich so aufwändige Bilder mit viel Geduld und Zeit selbst gerne zeichne.
So schön und traurig dieses Bild und Märchen auch sein mag, erinnert es mich auch an die jetzige Zeit des Coronavirus. Die Welt steht still, wir sind gefangen in unseren Häusern und warten gefühlte hundert Jahre auf das Ende, niemand weiss, wie lange wir noch ausharren müssen und wie die Zukunft nach Corona aussieht. «Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende», das wünsche ich mir auch für die Zeit nach Corona.
Leonie Schwarz-Schelbert
Kunstmuseum Olten, Empfang / Aufsicht
Aus der Studierstube: Ein Bericht von Projektmitarbeiterin Stefanie Steinmann zum 1. Mai über Linolschneider Meinrad Peier und die SP
2018 durfte das Kunstmuseum Olten den Nachlass des politisch engagierten Linol- und Holzschneiders Meinrad Peier (1903–1964) aus Lostorf bei Olten als Geschenk seines Sohnes entgegennehmen. Dank einer die Schenkung ergänzenden finanziellen Unterstützung kann der kunst- und kulturhistorisch interessante Bestand aktuell von einer jungen Kunsthistorikerin erschlossen werden.
In einer mehrteiligen Serie gibt Stefanie Steinmann Einblick in diese Arbeit und stellt Künstler und Werk vor:
Meinrad Peier und sein Engagement für die Ideale der Sozialdemokratie
In Lostorf, der Heimat von Meinrad Peier (1903–1964), führten viele Einwohner*innen einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb. Daneben gingen die meisten einer Erwerbsarbeit bei den Von-Roll'schen Eisenwerken, den Textilbetrieben im Raum Olten, bei Bally in Schönenwerd oder bei den SBB-Werkstätten in Olten nach.
Die Arbeiterschaft organisierte sich ab 1874 in der Sektion Lostorf der Sozialdemokratischen Partei, welche aus dem Grütliverein hervorging. Dieser war bereits 1838 gegründet worden und hatte als Hauptziel die Unterstützung und Bildung der Werktätigen, daneben ging es um die wirtschaftliche und soziale Besserstellung der Arbeiter*innen durch die Schaffung eines Fabrikgesetzes, den Aufbau von Konsumvereinen, die Organisation in Gewerkschaften und die Errichtung von Krankenkassen. Eine prägende Figur in der SP Lostorf war Hans Brügger, der von 1908 bis 1953 Ammann von Lostorf und lange Zeit auch solothurnischer Kantonsrat war. (vgl. Abb. 5)
Das gesellschaftliche Leben in den Dörfern war damals streng nach Parteien und Konfessionen organisiert: Es gab einen «gelben», einen «roten» und einen «schwarzen» Turnverein, es spielten eine freisinnige Musikgesellschaft und eine katholische Musikformation auf ...
Meinrad Peier, der seit dem fünften Lebensjahr Vollwaise war und mit seiner Schwester bei seinem Grossvater mütterlicherseits aufwuchs, verbrachte in diesem Umfeld eine bescheidene und karge, aber dennoch glückliche Jugendzeit. Die als Waisenknabe am eigenen Leibe erfahrenen Sorgen und Nöten prägten ihn stark, sodass er später nicht nur SP-Mitglied wurde, sondern auch als Künstler immer wieder Sujets aus der harten Welt von Bauern und Arbeitern wählte.
Der oben erwähnte Gemeindeammann Hans Brügger war Meinrad Peiers Vetter und Förderer (vgl. Abb. 5). Nach dem Besuch des Lehrerseminars in Solothurn und einer ersten Anstellung als Volksschullehrer von 1923–1926 in Kleinlützel kehrte Meinrad Peier zurück nach Lostorf. Dort engagiert er sich nebst seiner Tätigkeit als Lehrer äusserst aktiv im Gemeindeleben: Er amtete als Bürgerschreiber, war Mitglied der sozialdemokratischen Partei, im Arbeitermännerchor, im Arbeiterturnverein SATUS, bei den Arbeiterschützen und im Arbeiterbildungsausschuss. Dank der grosszügigen Unterstützung seiner Mitmenschen in unterschiedlichen Lebenslagen wurde er bald zur Anlaufstelle für die Dorfbevölkerung bei Fragen in Sachen Steuererklärung oder Arbeitsvermittlung, etwa bei der Post, der SBB oder Bally. Nach dem Zweiten Weltkrieg boomte im Kanton Solothurn die Wirtschaft. Gleichzeitig gewann die sozialdemokratische Partei an Einfluss, nachdem ihr 1943 erstmals mit Ernst Nobs (1886–1957) der Einzug in den Bundesrat gelungen war. Im gleichen Jahr wurde auch der Oltner Lehrer Gottfried Klaus (1899–1963) als erster Solothurner SP-Vertreter in den Ständerat gewählt, ab 1949 nahm er zusätzlich im Regierungsrat Einsitz.
Meinrad Peier hatte zusammen mit Gottfried Klaus das Lehrerseminar in Solothurn besucht. Neben ihrer Lehrertätigkeit verband sie ihre Weltanschauung: Beide waren sie seit der frühen Jugend engagierte Sozialdemokraten, wirkten bei den Naturfreunden mit und liebten den Jura.
Ihre schöpferische Zusammenarbeit verwirklichten sie im gemeinsamen «Samstagswerk» auf der Titelseite der Zeitung «Das Volk» – ein Kommentar zum aktuellen Zeitgeschehen in Text und Bild, mit einem Gedicht von Gottfried Klaus und einem Linolschnitt von Meinrad Peier. Die Freunde telefonierten jeweils zu Beginn der Woche um ein Thema zu vereinbaren, das dann jeder unabhängig vom anderen in seinem Medium bearbeitete. Das Werk des anderen und die sich aus der Zusammenführung ergebende Begegnung, sahen beide jeweils erst, wenn ihnen der Postbote am Samstag die Zeitung brachte. (vgl. Abb. 8)
Tragischerweise starb Gottfried Klaus im Jahr 1963 – wie Meinrad Peier ein Jahr nach ihm – an einem Verkehrsunfall. Peier verfasste den Nachruf für seinen Freund (vgl. Abb. 9) und produzierte ab diesem Zeitpunkt bis zu seinem eigenen Tod sowohl die Texte als auch die Linolschnitte für die Samstagausgabe in der Oltner SP-Zeitung «Das Volk».
Stefanie Steinmann
Kunstmuseum Olten, Projekt Nachlassaufbereitung Meinrad Peier
Zur Geschichte der Sozialdemokratie in der Schweiz:
Artikel im HLS
Werkbetrachtung: Claudia Kissling aus dem Empfangsteam schaut auf Anton Winterlins «Blick vom Hauenstein»
Bis voraussichtlich am 8. Juni 2020 sind unsere Ausstellungen wegen der Corona-Krise geschlossen. Wir haben die Mitglieder unseres Teams deshalb gebeten, sich ein Werk auszuwählen, das sie unserem Publikum in Erinnerung rufen und auf ihre ganz persönliche Art kurz vorstellen möchten.
Claudia Kissling aus Empfangs-Team wählt ein Exponat in der Ausstellung
«Rendezvous. Kostbarkeiten aus den Sammlungen
der Stiftung für Kunst des 19. Jhs. und des Kunstmuseums Olten»
Kunstmuseum Olten, 26.1.–16.8.2020:
Anton Winterlin
(Degerfelden 1808 – Basel 1894)
Blick vom Hauenstein, 1852
Aquarell und Deckfarben über Bleistift auf Papier,
20.5 x 28 cm (Blatt)
Kunstmuseum Olten, Inv. 1922.B207
Blick vom Hauenstein
Ein Bild, wie geschaffen, um in Corona-Zeiten betrachtet zu werden! Zwar zeigt sich die Landschaft darauf im Spätsommerkleid, während uns das Coronavirus im schönsten Frühling belästigt, doch die Stimmung, die Atmosphäre, die Ausstrahlung von Ruhe und besonnter Gelassenheit tuen der Corona-belasteten Seele gut!
Ein Bild das Raum schafft, sich der Weite öffnet, den Blick in die fernen Bergwipfel entführt und gleichzeitig mit präzisen Details überrascht.
Das schräg einfallende Licht taucht die Baumwipfel, die Hänge und Wiesen in Gold und lässt einen Moment am späteren Nachmittag vermuten. Zwei Männer begegnen sich auf dem Nachhauseweg und tauschen den Feierabendgruss. Ein junges Paar ruht nach dem Tageswerk wonnig im gemähten Gras, friedvoll entspannt, den zuversichtlichen Blick ruhig der Sonne zugewandt, Rechen und Heugabel beiseitegelegt. Es ist Zeit, sich ganz dem Augenblick der sinnlichen Abendstimmung hinzugeben.
Es tut meinem Innersten wohl, in dieses Bild einzutauchen, mich einfangen zu lassen von den wärmenden Farben, dem Blau des weiten Himmels mit den zart hingeworfenen Wolken. Und, wie in diesen Corona-Tagen, keine störenden Kondensstreifen, die von vorbeiziehenden Kerosinschleudern zeugen würden!
Natürlich hat mein schauendes Auge auch die weissbeschneite Alpenkette erspäht und mit Freude den markant herausragenden Titlis entdeckt! Mein Lieblingsberg!
Nun lass ich es wieder, das Bild von Anton Winterlin, in längst vergangenen Tagen gemalt und doch zeitlos schön! Ich habe es mit den Augen in mein Herz hineingemalt, da bleibt es als kleiner Schatz.