14. Juni 2017
Muss Touring Biro
Am Bahnhof von Rijeka gibt es einen nagelneuen Fahrkartenautomaten, an dem man sogar kontaktlos bezahlen kann.
Vergleichsfoto von 2015: Links, unter der Taube, steht jetzt der Fahrkartenautomat
Allerdings hat er nur Inlandsfahrscheine im Angebot. Auch die DB-App weigert sich, und die “Trainline EU”-App kennt den Bahnhof von Rijeka gar nicht erst.
Nicht im Bild: Der Schalter ganz links ist besetzt. Hier kaufe ich ein Ticket nach Ljubljana, vielleicht mein letztes aus Papier. In Ljubljana gibt es ausreichend Umsteigezeit, und vielleicht bekommt man ja von dort aus schon Tickets bis Berlin.
Es wird ungenutzt bleiben, denn der Zug ist ein Bus, und dieser Bus fährt nicht an dem Ort ab, auf den die Schalterangestellte gedeutet hat, sondern ganz woanders. Alle Ausländer verpassen ihn gemeinsam.
Ich gehe zum Busbahnhof und kaufe nach längerem Konsultieren von Google Maps und verschiedenen Bus- und Bahnwebsites bei autotrans.hr ein Onlineticket. Damit brauche ich knapp 24 Stunden nach Berlin, 35 von Haustür zu Haustür, aber ich muss nur einmal umsteigen, in Zagreb, und konkurrenzlos billig ist es auch.
Am Einstieg wird der QR-Code mit einem kleinen Spezialgerät von meinem Handy gescannt. Das ist nicht überraschend, denn so war es schon vor zwei Jahren auf der kroatischen Fähre, und so steht es auch in der Mail, an der mein Ticket als PDF hängt:
“By boarding please present the correct ticket to the driver. Tickets can be printed or shown in an electronic form on your smartphone or tablet.”
In Zagreb habe ich anderthalb Stunden Aufenthalt und verbringe – nach dem Erledigen der wichtigsten Pokémonaufgaben – eine halbe Stunde davon mit der Suche nach dem richtigen Bussteig. Es gibt 40 bis 50 Möglichkeiten, wo der Bus abfahren könnte, aber keine Abfahrtstafel. An diesem vielversprechenden Gerät ...
... bleiben drei Displays schwarz, und beim vierten müsste mal jemand F1 drücken. Dann könnte man vielleicht die Abfahrtszeiten von 2003 sehen.
Ich muss durch ein Fensterchen am Autotrans-Schalter mit einem alten Mann verhandeln, der weder Englisch noch Deutsch kann. Er lässt sich das Ticket auf meinem Handy zeigen und sagt streng: Flixbus! Ich schüttle den Kopf und sage: Autotrans! Denn so steht es auf meinem Ticket geschrieben. Stuttgart? fragt der alte Mann skeptisch. Ich sage: Berlin! Jetzt schaut er in seinem Computer nach, dreht das Display zu mir, deutete auf die Peron-Angabe und sagt Five! Zero! Six!
Vor Begeisterung vergesse ich gleich wieder, was nach Zero! kam, und wandere eine Weile zwischen den Bussteigen 506, 507 und 508 hin und her, bis ich jemanden einen Satz mit “Ingolstadt” und “petsto šest" sagen höre. Endlich zahlt es sich aus, dass ich vor vierzig Jahren die Eissorten und Zahlen gelernt habe. Die Eissorten braucht man inzwischen nicht mehr, an der Küste kommt man mit Englisch und Deutsch durch, aber allmählich kommt es mir vor, als sei Zagreb gar nicht so die touristische Destination.
Der Busfahrer wirft nur einen kurzen Blick auf mein Handy und schüttelt den Kopf: “Muss Touring Biro! Muss Touring Biro!” Ich sage: “But it says right here: ‘Please show this e-ticket to the driver’, and this is the e-ticket and you are the driver!” Das ist dem Busfahrer wurscht, muss Touring Biro!, und ich schäme mich schon wenige Sekunden später für mein Insistieren. Ich bin so schlecht ausgerüstet für den Umgang mit Ländern oder Situationen, in denen nicht alles von allein so funktioniert, wie ich es mir vorstelle.
Ich gehe zurück zum Autotrans-Schalter am anderen Ende des Terminals und bitte einen jungen Mann, der vor mir am Schalter steht, für mich zu übersetzen. Der junge Mann verhandelt mit dem alten, der wieder lange auf Flixbus! Flixbus! und Stuttgart! beharrt, aber da will ich ja nicht hin. Der junge Mann sagt, jaja, das sei hier öfters so, und begleitet mich zurück zum Busfahrer. Jetzt wird lange auf kroatisch diskutiert, der Beifahrer und schließlich auch der Chef hinzugezogen, aber es hilft nichts: Muss Touring Biro! Mein Übersetzer weiß, wo dieses Büro ist, nämlich nicht innen im Busbahnhof, sondern außen dran. Auf dem Weg dorthin erklärt er mir, dass man hier ohne Kroatischkenntnisse nicht weit kommt, und ich sage, genau deshalb hätte ich ja das Onlineticket gebucht, um mit niemandem reden zu müssen. Es sind jetzt noch sieben Minuten bis zur Abfahrt.
Im Touring-Büro gibt es eine freundliche Mitarbeiterin, die das Problem kennt, ihren Monitor zu mir dreht und mir die Mailadresse zeigt, an die ich mein Ticket weiterleiten soll, damit sie es für mich ausdrucken kann. Ich frage noch, was der Busfahrer jetzt auf dem Ausdruck erkennen wird, was er dem identischen Ticket auf meinem Handy nicht entnehmen konnte. Sie zuckt die Schultern und sagt “they need to have physical”. Später wird man mich im Techniktagebuch-Chat daran erinnern, dass “Onlineticket” nicht gleichbedeutend ist mit “muss nicht ausgedruckt werden”, und dass das auch in Deutschland bis vor wenigen Jahren so war. Ich habe das einfach vergessen.
In der Minute der vorgesehenen Abfahrt stehe ich im Bus und zeige triumphierend mein ausgedrucktes Ticket nicht nur dem Fahrer, sondern auch den anderen Passagieren, in deren steinernen Mienen ich wahre Anteilnahme an mir und meinem Schicksal lese. Es ist, wie sich später herausstellt, eins von zwei auf A4-Blätter gedruckten Tickets in diesem Bus. Die übrigen Passagiere haben Dokumentenheftchen aus Reisebüros.
In den folgenden 20 Stunden führe ich ein sorgenfreies Leben: Die Klimaanlage funktioniert. Es gibt keine Steckdosen, aber ich habe eine Powerbank mit 20.000 mAh. Und gerade noch rechtzeitig, nämlich gestern, ist endlich europaweites kostenloses Roaming eingeführt worden, so dass ich in Kroatien, Slowenien und Österreich Internet habe und nicht wie vor zwei Jahren herumjammern muss. Ha!
(Kathrin Passig)










