Warum ich nicht an die Bibel glaube (II) - Ehre, wem Ehre gebührt
Nun folgt also der zweite Teil zum Thema „Bibel“. Zuerst einmal möchte ich euch für die vielen Rückmeldungen danken. Sie waren alle sehr respektvoll und freundlich gehalten. Dankeschön! Gut zu wissen, dass in der Internetwelt, in der so viel einfach rausgebrüllt wird, es möglich ist, in dieser positiven Art und Weise im Gespräch zu sein.
Beim Schreiben dieses zweiten Teils habe ich bemerkt, wie kompliziert dieses Thema doch ist. Entschuldigt, wenn ich meine Gedanken nicht mehr so gut geordnet bekommen habe. Ich hoffe, es ist einigermaßen logisch nachvollziehbar.
Nachdem ich im ersten Teil über die Dissonanzen, die ich wahrnehme, geschrieben habe, möchte ich heute den Fokus auf die Frage legen, warum ich es für falsch halte, an die Bibel zu glauben.
Aber bevor jetzt der Schock zu groß wird und man mir vorwerfen könnte, dass ich damit jeglichen christlichen (Lehr-)Boden verlasse, hier gleich die Beruhigung:
Auch wenn ich nicht an die Bibel glaube, glaube ich doch der Bibel. Worin liegt nun der Unterschied und warum die Haarspalterei?
Warum ich nicht an die Bibel glaube!
Das apostolische Glaubensbekenntnis beginnt mit: „Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn.[…] Ich glaube an den Heiligen Geist,[…].
An jemanden oder etwas zu glauben ist etwas anderes als jemandem zu Glauben. An jemanden oder etwas zu Glauben, betrifft die Person oder die Sache selbst. Wenn ich an jemanden/etwas glaube, dann behaupte ich, dass dieses etwas wahr und da ist, ich mich vertrauensvoll an ihn hänge (siehe Artikel über den Glauben). An jemanden zu Glauben heißt, dass ich in eine Beziehung zu ihm trete.
Ich glaube an Gott. Ich glaube an Jesus. Ich glaube an den heiligen Geist. Diese drei bilden die Dreieinigkeit. Aber ich glaube an keine Viereinigkeit: Die Bibel hat dort nicht ihren Platz.
Denn die Bibel ist keine Person: Sie ist Überbringer einer Nachricht. Sie ist nicht selbst handelnd, sondern spricht über Handlungen von Gott, Jesus und dem Heiligen Geist.
Es sind also zwei ganz unterschiedliche Kategorien: Ich glaube nicht an die Bibel an sich, sondern vertraue der Nachricht, die sie überbringt. Das tue ich nicht, weil die Bibel so vertrauenswürdig an sich ist. Sondern weil ihr Absender so vertrauenswürdig ist. Ich vertraue also nicht der Bibel, sondern ihrem Absender.
Warum diese Unterscheidung?
Viele (bibeltreue) Christen bekommen diese Unterscheidung nicht hin. „Die Bibel sagt doch aber…“, „Glaubst du etwa nicht an die Bibel?“, „Vertrauen wir doch darauf, was die Bibel uns heute sagt“. Ich gebe zu, dass mag etwas kleinkariert sein, und doch zeigen Sätze wie dieser, dass es die Grenzen zwischen Absender, Botschaft und Überbringer für einige sehr verschwommen sind. Ich finde das gefährlich. Warum?
Die fehlende Unterscheidung nimmt dem Absender die Ehre
Es gibt eine Begebenheit in der Bibel, die über genau diese Problematik spricht und sie deutlich macht.
„Und er [der Engel] spricht zu mir: Schreibe: Glückselig, die eingeladen sind zum Hochzeitsmahl des Lammes! Und er spricht zu mir: Dies sind die wahrhaftigen Worte Gottes. Und ich fiel zu seinen Füßen nieder, ihn anzubeten. Und er spricht zu mir: Siehe zu, tu es nicht! Ich bin dein Mitknecht und der deiner Brüder, die das Zeugnis Jesu haben. Bete Gott an!“ (Offenbarung 19,9-10a).
Johannes bekommt über einen Engel eine Nachricht gesagt, die eindeutig göttlich ist. Daraufhin möchte er den Engel anbeten. Der Engel aber ist ganz klar: Gott gebührt die Verehrung, er ist nur Botschafter. Ebenso verhält es sich mit der Bibel: Sie ist Botschafter, ihr gehört keine Ehre und kein Ruhm. Diese gehören dem Absender.
Andersherum: Wird die Bibel in ihrer Wichtigkeit für den Glauben erhöht, werden zugleich Jesus und Gott zurückgestellt. Kommt es in erster Linie darauf an, alles zu glauben, was in der Bibel steht, rückt die Frage, ob man an Gott und Jesus Christus als seinen Erlöser und Retter glaubt, in den Hintergrund.
Die erste Frage aller Christen sollte nach dem Absender gehen: Glaubst du an Jesus? Folgst du ihm nach? Was ist er für dich?
Und nicht: Glaubst du wortwörtlich an jede Aussage der Bibel?
Ganz eindrücklich wird die Zurückstellung deutlich, wenn man sich eine Bezeichnung der Bibel anschaut: Wort Gottes. Diese Begrifflichkeit wird gerne und häufig gerade in evangelikalen Kreisen für die Bibel gebraucht.
Nur: Wer oder was ist das Wort Gottes? Die Bibel?
In der Bibel selbst kommt diese Begrifflichkeit häufiger vor. Sie bezeichnet dabei das Reden Gottes zum Volk Israel. Dabei sind alle Worte gemeint, die Gott spricht. Im Neuen Testament wird dieser Begriff zu einem Ehrentitel:
„1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
2 Dieses war im Anfang bei Gott.
3 Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist.
4 In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“
(Johannes 1,1-5)
Diese Verse zeigen gut die Geschichte des „Wortes“ bei Gott. Das Wort Gottes ist Gottes Reden zu den Menschen. In dieser Textstelle wir der „Ehrentitel“ aber jemandem Bestimmten zugeordnet: Jesus Christus selbst, der Sohn Gottes, das Licht der Welt.
Nur so kann in Offenbarung 19,13 dieser Titel dem Wiederkommenden Jesus gegeben sein:
„12 Seine Augen aber sind eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt sind viele Diademe, und er trägt einen Namen geschrieben, den niemand kennt als nur er selbst;
13 und er ist bekleidet mit einem in Blut getauchten Gewand, und sein Name heißt: Das Wort Gottes.“
(Offenbarung 19,12+13)
Man kann also sagen: Das Wort Gottes ist alles, was Gott zu Menschen gesprochen hat, spricht und noch sprechen wird. Es ist zugleich Hoheitstitel Jesu, weil durch und in ihm sich alles messen lassen muss.
Wieso ist jetzt auf einmal die Bibel das „Wort Gottes“?
Diese Frage muss dann doch ehrlich gestellt werden. Dabei kann ich die Bezeichnung der Bibel als „Wort Gottes“ ein Stück weit nachvollziehen. Nur in der Bibel wird über die Geschichte Jesu, über Gott und seine guten Anweisungen und seine Idee vom Leben berichtet. Das macht die Bibel einzigartig und als das Zeugnis Gottes aus. Nirgendwo anderes ist das „Wort Gottes“ im Sinne des Reden Gottes, der Propheten und auch des Wort Gottes (Jesus Christus) schriftlich festgehalten, als in der Bibel. Das macht sie unschätzbar wertvoll.
Durch die Bezeichnung „Wort Gottes“ will man die Bibel schützen und ihr ein besonderes Gewicht geben. Das ist verständlich.
Doch wenn sie (und die Diskussionen darüber) den eigentlichen Gegenstand ihrer Botschaft verdeckt, dann erfüllt sie gerade nicht ihren Zweck.
Denn die Bibel ist niemals das „Wort Gottes“ selbst. Sie bleibt der Überbringer von der Botschaft des „Wort Gottes“ selbst. Nicht mehr und nicht weniger.
An Jesus messen – Die Botschaft zählt!
Richten wir also den Blick auf Jesus selbst. Wie ist er mit der Bibel umgegangen?
In den Evangelien gibt es viele Zitate Jesu, in denen er das Alte Testament (Anmerkung: nicht die ganze Bibel) aufgreift. Dabei ist er mal genauer mit der Wörtlichkeit der Verse, mal nicht. Aber: Er vertraut darauf, dass diese Worte von Gott kommen. Er wählt Stellen exemplarisch aus, um zu zeigen, was Gott mit seinen Worten gemeint hat. Dabei hängt er nicht am traditionellen Schriftsinn der Stellen, wie ihn Menschen zur Zeit des gesagten verstanden haben. Er kann im Gegenteil den Sinn mancher Alttestamentlichen Verse in ein neues Licht rücken, wie z.B. dass das Sabbatgebot dem Menschen dienen soll und nicht anders herum.
Jesus benutzt die Worte Gottes des Alten Testaments um seine Botschaft voranzubringen: Das Evangelium. Er spricht über die Rettung der Menschen durch sein Opfer am Kreuz selbst. Er redet davon, wie Gott den Menschen nahe ist. Er warnt die Menschen auch eindringlich vor den Konsequenzen, die es hätte, wenn sie Gott nicht in ihr Leben lassen. Er benutzt Worte Gottes, um darauf aufmerksam zu machen, dass es Gott nicht an Regeln und Gesetzen gelegen ist, sondern an hingebungsvoller Liebe von ihm und auch zu ihm.
Alles, was Gott bisher gesagt und getan hat, fokussiert er auf sich selbst:
7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen.
8 Hierin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet.
(Johannes 15,7+8)
Jesus geht es also in erster Linie nicht um die Wahrheit der Worte Gottes. Die setzt er voraus und mutet den Menschen (+Pharisäern) zu, dass sie in einem ganz anderen Licht erscheinen als ursprünglich angenommen – ja, sie sogar manchmal vor den Kopf stoßen. Ihm geht es um die Botschaft Gottes, die Menschen frei macht und in die Gegenwart Gottes führt.
Hier bemerke ich: Die Diskussion um die Rechtgläubigkeit an die Schrift führt oftmals dazu, dass mehr über den Überbringer der Botschaft (Die Bibel) gerungen wird, als über die Botschaft (das Evangelium) selbst.
Ich habe schon häufiger erlebt, dass Christen, denen die Unfehlbarkeit der Bibel sehr wichtig ist, Diskussionen – bewusst oder unbewusst – von der Botschaft wegbringen.
So entstehen dann auch Hauskreisabende, die inhaltlich thematisch beginnen (typische Themen: Schöpfung, Rolle der Frau, Heiligung,…) aber dann in eine Diskussion über die Wortwörtlichkeit der Bibel abdriften. Ich kenne Christen, für die ist jede Glaubensfrage ein Vertrauensproblem in die Bibel!
Das Ziel Jesu (und auch der Bibel!), Menschen mit Gott zu versöhnen und seine guten Ideen für das Leben heranzubringen, rücken dann auf einmal weit in den Hintergrund.
Im Übrigen gibt es kein gutes Zeugnis der Botschaft Jesu ab („Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ u.a.), wenn sich Christen in der Öffentlichkeit über die Wortwörtlichkeit der Bibel streiten.
Fazit: Gebt der Bibel ihren Rang zurück
Wenn also ein zu großes Gewicht auf die Frage gelegt wird, ob die Bibel wortwörtlich wahr ist daran die Rechtgläubigkeit gemessen wird, werden sowohl Absender als auch die Botschaft selbst verdeckt. Die Bibel rückt als Botschafter in den Hintergrund. Die Botschaft und der Absender müssen in den Vordergrund gestellt werden. Über sie muss geredet werden und sie müssen in die Welt hinaus:
Ich glaube an Jesus! Er ist mein Retter und Erlöser! Ich glaube an Gott! Er hat mich geschaffen! Ich glaube an den Heiligen Geist! Er tröstet, ermahnt und ermutigt!
Warum ich nicht an die Bibel glaube (II) – Ehre, wem Ehre gebührt was originally published on Der Theorist