Sommer 2008 bis 2015
So allmählich solltest du bremsen, Auto
Zum ersten Mal sitze ich als Berufskraftfahrer am Steuer eines Lastwagens mit Abstandsregler und Notbremsassistent. Privat eher in älteren Fahrzeugen unterwegs, beschnuppere ich die neumodische Technik natürlich misstrauisch. Der Abstandsregler funktioniert gut – er fährt wie ein guter, konzentrierter menschlicher Fahrer und erlaubt auch das Einstellen gefühlt großzügiger Abstände, was die anfängliche Nervosität mindern hilft. Die befürchteten Oszillationen von Tempo und Abstand treten nicht auf.
Dem Notbremsassistenten traue ich nicht so schnell. Bald ergibt sich aber die Gelegenheit, ihn zu testen: ein Sprinter schickt sich an, mit ca. 70 km/h vom Beschleunigungsstreifen kommend vor mir einzuscheren. Hinter mir ist eine Riesenlücke, so dass meine absehbare Notbremsung niemanden gefährden wird. Bewusst alles so zu lassen, wie es ist, kostet trotzdem einige Überwindung. Mein Fuß schwebt natürlich über dem Bremspedal, während ich denke: “So allmählich solltest du bremsen, Auto. Jetzt aber. Es wird Zeit. Gleich bremse ich, wenn du das nicht hinkriegst. 3 … 2 …”
Und ziemlich genau eine Sekunde vor meiner eigenen Notbremsung bremst dann der Notbremsassistent – aber nicht wie erwartet voll oder auch nur kräftig, sondern weich und sanft genau bis knapp unter des Sprinters Geschwindigkeit, auf dass der dann den Abstand wieder vergrößern könne. Das hätte ich niemals (und vermutlich auch kaum ein Kollege) so elegant hinbekommen.
2015: Mittlerweile haben die meisten Fernverkehrs-Lastwagen diese Funktionen. Ich verwende sie mit größter Selbstverständlichkeit. Gelegentlich (seltener als täglich) lösen enge Kurven, niedrige Brücken oder Spurverschränkungen in Baustellen eine Fehlbremsung aus; das akzeptiere ich als Preis der Sicherheit und Bequemlichkeit.
Den kommenden Erweiterungen des Systems hin zum autonomen Fahren sehe ich mit Spannung entgegen, ohne deswegen um meinen Job zu bangen. Arbeit abnehmen beim Fahren werden sie mir sicher, irgendwann wahrscheinlich auch gut genug sein für alle Straßen und Witterungsbedingungen; aber ähnlich wie bei Verkehrsflugzeugen glaube ich nicht, dass ich in meinen verbleibenden ca. 25 Berufsjahren erleben werde, dass der Verzicht auf einen Menschen am Steuer als Rückfallebene Akzeptanz finden wird.
(Ermel)
















