Von Banken, Zinsen und Populismus
Geld. In geringen Summen für alle in Ordnung, in großen Summen scheinbar etwas, das verwerflich zu sein scheint. Es kann nicht angehen, dass Menschen viel Geld verdienen, oftmals steht hier unausgesprochen eine Art von Schuldvorwürfen im Raum, die ein Gutverdiener nicht genug entkräften kann. Das Verhältnis des deutschsprachigen Raumes zu Geld und Vermögen ist, meines Empfindens nach, zumindest als schwierig zu bezeichnen. Größere Ansammlungen von Geld erwecken erst einmal ein großes Maß an Misstrauen.
Unter diesen Voraussetzungen ist es eigentlich kaum verwunderlich, dass Banken und deren Mitarbeiter in unserer Gesellschaft grade einen sehr schwierigen Stand haben. Fakt ist jedoch, dass Ihre Aufgabe für unser Wirtschaftssystem unersetzlich ist. Banken haben eine tragende Rolle als Kapitalgeber und sind somit von nicht zu unterschätzendem Nutzen für unsere Gesellschaft.
Die Tätigkeiten der Bankinstitute sind nicht pauschal verurteilbar. Investmentbanking und Handel/Eigenhandel sind keine Dinge, die per se schlecht sind. Auch Banken verhalten sich so, wie sich jeder Akteur in unserem Wirtschaftssystem verhalten soll: Gewinnmaximierend. Dies geschieht nicht zuletzt auch im Interesse der Kunden und Investoren. Beinahe jede Bank auf der Welt ist eine Aktiengesellschaft. Als solche ist sie erst einmal ihren Aktionären verpflichtet. Diese wollen in der Regel Gewinnausschüttungen und steigende Kurse sehen. Ziel eines jeden Investments und seines Investors ist es zuallererst, vereinfach gesagt, für einen Gewinn zu sorgen. Dieser Druck der Anleger schlägt sich in den Bemühungen der Unternehmung wieder, den Shareholder Value zu maximieren. Ein Großteil der Banken sind also schon durch Ihre Unternehmensform (AG) dazu angehalten, möglichst viel Geld zu verdienen, sprich: Sich im Sinne der Anleger optimal zu verhalten.
Dass dieses Verhalten große Wellen ziehen kann, wenn Regelmechanismen versagen und Risiken falsch eingeschätzt werden, das ließ sich schon in der Immobilienkrise der USA beobachten. Doch trotz all dieser Krisen ist es naiv zu denken, dass diese Probleme nicht immer wieder auftauchen können.
Das eigentliche Problem sind aus meiner Sicht nicht die Banken, sondern das System aus Zins, Zinseszins und den daraus resultierenden Bewertungen von Zukunftserwartungen. Es ist schlicht und einfach unmöglich, konkrete Zukunft konkret in Zinsprodukte und Kredite einzupreisen. Dies liegt daran, dass der Begriff Zukunft nicht weniger als eine unendliche Summe möglicher Geschehnisse bedeutet. Es werden lediglich Erwartungen an eine Zukunft eingepreist. Es ist also beinahe Wahnsinn, Entscheidungen zu treffen, die mehrere Jahre in die Zukunft hinein reichen. Genau dies müssen Banken jedoch, wie auch alle anderen Unternehmen, trotz allem immer wieder tun. Um dieser Aufgabe irgendwie Herr zu werden, muss anhand irgendwelcher Modelle Zukunft berechenbar werden. Diese Modelle sind jedoch fehlbar. Einfach nur deshalb, weil ihre Aufgabe, die Zukunft voraus zu sagen, unmöglich ist. Nun mutet es reichlich bizarr an, Modellen zu vertrauen, die die Vergangenheit nutzen, um auf die Zukunft zu schließen. Dennoch ist es nicht anders möglich, als durch die Vergangenheit, auf Zukunft zu schließen.
Sind nun die Analysen der Modelle durchweg positiv, so kann mit gutem Gewissen gehandelt werden. Und gehandelt werden muss, denn nur so kann Geld verdient werden. Es sind die Anreizsysteme der Bank als solche, die zum Handeln zwingen. Es muss immer mehr Geld verdient werden, diese Tatsache hat sich in unserer gesamten Gesellschaft fest etabliert. Und Geld zu verdienen, das tun Banken und deren Mitarbeiter mit ganzem Herzen. Warum? Weil wir es von ihnen wollen. Was wir allerdings nicht wollen, das sind die Ergebnisse, die die Handlungen der Banken (und der sonstigen Akteure der Finanzbranche) hervorbringen.
Dabei tun diese Akteure erst einmal, was sie tun sollen. Sie bewerten Risikoreiche Investments (beispielsweise Staatsanleihen) mit schlechteren Ratings und dies führt zu höheren Zinsen. Der Risikobewertungsmechanismus funktioniert bis dahin also reibungslos. Dies mag unpopulär sein, war allerdings am Beispiel Griechenlands gut zu beobachten.
Problematisch wird der Zinsmechanismus für die Entscheidungsträger, wenn er politisch nicht gewollt ist. Wenn er dazu führt, dass unbequeme Wahrheiten ans Licht kommen. Ich halte es für unangebracht, Europas Schulden zu verallgemeinern. Dafür ist Europa jetzt noch nicht bereit. Der Zinsmechanismus wird durch eine solche Maßnahme verzerrt, die daraus entstehende Durchschnittsbewertung der Eurozone entspricht meiner Meinung nach nicht der bestmöglichen Risikoeinschätzung. Dies führt nicht, wie es eigentlich erstrebenswert wäre, zu einer besseren Haushaltsdisziplin und einer Restrukturierung des Gemeinwesens, sondern lediglich dazu, dass mit dem bisherigen Verfahren weiter vorgegangen werden kann.
Ich habe den Artikel mit dem Thema Banken begonnen, hinterher habe ich die Politik gestreift, jetzt allerdings noch einmal zu den Banken: Was man ihnen vor allem vorwerfen kann, ist die Kurzfristigkeit der Vergütung. Dieses Thema wurde durch long-term-incentive-programs allerdings schon seit einigen Jahren ernsthaft bearbeitet. Was übrig bleibt, ist eine Hetzjagd gegen Leute, die zugegebenermaßen gut verdienen, aber bis auf einige Ausnahmen nicht exorbitant überdurchschnittlich vergütet werden. Das Thema ist ein anderes: Der schwarze Peter für obiges Geschehen und schlechtes Wirtschaften auf der Ebene der nationalen und internationalen Politik wird voller Kalkül weiter geschoben. Das Problem indes, liegt weniger bei den Banken, als an anderen Stellen. Die Probleme, vor denen wir nun stehen, sind Probleme des Systems.