Ikonophobie
1.
Um 1500 sticht Albrecht Dürer einen Souverän, einen Richter, Verwalter und Gesetzgeber auf einem Löwen. Diese Figur trägt unter anderem den Namen Sol Iustitiae. Sol ist ein Stern, den andere Sonne nennen und der in die Drehungen der Erde verwickelt ist. Insofern gehört Sol/ Sonne zu den Polobjekten, die von der Erde aus zu sehen sind, Sol ist sogar dasjenige Polobjekt, das nicht nur zu sehen ist, sondern auch zu sehen gibt, weil es eine Energie ausstrahlt, die manche mit energeia und mit enargeia für verwechselbar halten.
Man nutzt dieses Objekt unter anderem kalendarisch. Dank dieses Objektes wird die Zeit ryhtmisch und bekommt einen Takt, für den alles auf Erden wiederum ein Taktgefühl entwickelt. In römischen Kalendern finden sich viele Details zu den kalendarischen Taktgefühlen und dem, was daraus folgen soll. Sogar das Gras weiss, wann es an der Zeit ist, das Gras wachsen zu hören. An manchen Tagen etwa bietet es sich an, in Gesellschaft zu sein und etwas zu vertragen, zum Beispiel viel zu essen und zu trinken oder große Geschäfte abzuschließen. An anderen Tagen verträgt man besser nichts und bleibt man besser daheim.
Vieles von diesem Takt wird dem Polobjekt zugerechnet, das den Namen Sol/ Sonne trägt und immer richtig liegen soll, wo immer es auch gerade liegt, sei es im Rücken oder vor einem.
2.
In der englischen Sprache machen manche aus dem l ein n und aus dem u ein o. Sie machen aus der Sonne einen Sohn und nennen des Bild Son of Righteousness, andere nennen das Sun of Righteousness. Wie kann man nur aus der sun son und aus Sonne einen Sohn machen? Die Sonne ist doch zumindest im Deutschen weiblich? Ist das ein Rechtschreibfehler oder ein Übersetzungsfehler? Hat da jemand etwas zu wörtlich oder zu bildlich genommen? Das ist Verkehr, nicht unbedingt ein Fehler. Man kann das so übersetzen, weil alles entfernt ähnlich bleibt und mit mehr oder weiger Schritten übersetztbar bleibt. Auch Albrecht Dürer hat nur etwas übersetzt und nur entfernte Ähnlichkeiten angezapft, als er diesen Stich einer großen, juristischen und juridischen Figur gestochen hat.
3.
In diesem Bild lebt Antike nach, Dürer übersetzt eine alte Figur, die man unter anderem Apollo Phoibos nennt. Claudia Blümle hat vor vielen Jahren auf einer Tagung, die Cornelia Vismann in der Akademie Schloss Solitude organisiert hatte, diese Figur gezeigt, um eine Beziehung zwischen dem Mythos, Dürers Kunst und modernen Theorien der Psychoanalyse (namentlich: Lacan) herzustellen. Für mein Interesse an Ikonophobie ist Blümles Arbeit sehr wichtig, auch wenn ich nicht auf eine systematische oder exegetische Arbeit an Lacan ziele. Mich interssiert aber, wenn heterogene oder unterschiedliche Wissenschaften plötzlich an einem Objekt Ähnlichkeiten entdecken und dafür plötzlich einmal wie zu einem kleinen Pfingstwunder miteinander sprechen können, wenn fremde Sprachen sich plötzlich einmal verstehen. Blümle erläuterte, soweit ich mich erinnere, die Phobie als dasjenige, was leuchten und dämmern lässt - und verweist vor allem auf das Gesicht der Figur, das in eine Maske übergeht. Aber vielleicht ist mein Gedächtnis auch zu kurz und zu stolz und vielleicht habe ich ihren Vortrag von damals verkehrt übersetzt. Ich bleibe wohl dabei.
4.
Die Phobie ist die Kur/ das Car. Im März 1923 notiert warburg sein Wissen von der Phobie auf die Zettel zum Schlangenritual.










