Ende der sechziger Jahre hatte der Arbeiterkampf das System der Fabrikdisziplin und das ökonomische Prinzip des Profits vollständig zerrüttet. Gerade in jenen Jahren und während dieses Erdbebens versuchten die großen Kapitalisten, die Ökonomen, der organisatorische Kopf des Kapitals, einige der grundlegenden Funktionen der kapitalistischen Produktion zu reaktivieren. Vor allem mußte die Produktivität, die durch Insubordination und Absentismus in eine ernste Krise geraten war, erhöht und die Disziplin wiederhergestellt werden, die durch die Arbeitersolidarität, den Egalitarismus und das antiautoritäre Klima ebenfalls in eine ernste Krise geraten war. Aber das kapitalistische "Gehirn" wußte nur allzu gut, daß es, um dies durchzusetzen, nicht auf rohe Gewalt setzen konnte. Wenn man in jenen Jahren zu Gewalt griff, erhielt man eine furchtbar harte und angemessene Antwort. Das hatte Corso Traiano gezeigt, das hatte Via Larga gezeigt, das zeigten Hunderte von Streikaktionen und entschiedene Demonstrationen in allen italienischen Städten. Notwendig war daher eine umfassende Umstrukturierung, um das quantitative Gewicht der Arbeitskraft in der Produktion wesentlich zu verringern. Das heißt, die organische Zusammensetzung des Kapitals zu modifizieren, indem man das Gewicht der Maschinen, der arbeitssparenden Technologie erhöhte und damit das qualitative Gewicht der bewußten Arbeiterklasse reduzierte. Die planerische Intelligenz des internationalen und besonders des italienischen Kapitalismus widmete sich in der ersten Hälfte der siebziger Jahre sehr ernsthaft diesem Projekt. Mitte der siebziger Jahre werden in der Tat die ersten Ergebnisse dieser Offensive und dieser Umstrukturierung spürbar, um dann in der zweiten Hälfte der siebziger und für die ganzen achtziger Jahre in brisanter Weise ans Tageslicht zu kommen. Aber das ist ein anderes Thema. 1969 begann man, die Perspektive des ablaufenden Prozesses wahrzunehmen, vom technologischen Sprung zu reden und die Möglichkeit einer postindustriellen Transformation der Gesamtgesellschaft zu beschreiben. Das Kapital mußte sich die Ablehnung der Arbeit zunutze machen, es mußte die Ablehnung der Arbeiter in organisierte Einsparung durch Automatisation verwandeln. Das revolutionäre Denken begann diese Fragen zu reflektieren, formulierte den Begriff des technologischen Sprungs und bereitete die notwendigen kulturellen Bedingungen vor, um diesem zu begegnen. Der Begriff des technologischen Sprungs war eine der fruchtbaren Obsessionen, die die revolutionäre "operaistische" Strömung in den beiden Jahren 68 und 69 verfolgte. "Den Zeitpunkt bietet uns das Kapital selber an. Die Vorbereitung des technologischen Sprungs, insoweit er die Gesamtheit der Klassenrealität miteinbezieht, kann für uns nur eine Bedingung der allgemeinen Konfrontation sein. Der technologische Fortschritt als Gewalt der Kapitalisten und ihres Staates ist und kann für uns kein Element der Verhandlung sein. Auf dieser Grundlage wollen wir den vorzeitigen Bruch, um den Kapitalisten zu schlagen und die Einheit aufzubauen, um unsere politische Organisation zu festigen und voranzutreiben." ("La Classe", 24. Mai 1969) Politische Organisation gegen technologischen Sprung. Aber was bedeutet technologischer Sprung in der Vorstellung und der Voraussicht der Revolutionäre und der Arbeiteravantgarden? Warum war es notwendig, sich ihm als dem schlimmsten Feind entgegenzustellen? In Wirklichkeit findet sich hier der Ursprung und die Wurzel einer Auseinanderentwicklung, die im Lauf der achtziger Jahre vorwiegend unbewußt in der Theorie und der Praxis der Arbeiterbewegung stattfindet. Hier liegt die Wurzel der ungelösten Ambivalenz der Bewegungen gegenüber der kapitalistischen Innovation, der kontinuierlichen technologischen und symbolischen Revolution, die das Kapital in die Gesellschaft einführt, indem sie ständig den Rahmen und die Identitäten manipuliert, die organisatorischen Formen auflöst und die sozialen und politischen Identitäten zersetzt. Die Ablehnung der Arbeit wurde begriffen als fundamentale Triebfeder der kapitalistischen Entwicklung. Ohne Arbeitskämpfe, ohne die Verweigerung der Ausbeutung durch die Arbeiter und ohne Sabotage und Absentismus gibt es keine Entwicklung. Die Entwicklung ist im Kern ein Diebstahl der Innovationskraft der Arbeiter, kapitalistischer Diebstahl der Erfindung des Arbeiters, der, um in Ruhe eine Zigarette rauchen zu können, etwas erfindet, sein Arbeitsstück schneller zu machen. Die technologische Innovation ist eine kapitalistische Entdeckung, die versucht, ein Segment lebendiger Arbeit zu eliminieren, einen Operator, eine ganze Abteilung, einen leitenden Angestellten. Kurz, die technologische Innovation ist die notwendige Form, um Arbeit zu sparen. Sie ist die kapitalistische Antwort auf die Ablehnung der Arbeit. Muß also die Umstrukturierung, die Innovation, der technologische Sprung wirklich als Feind betrachtet werden? Enthält die Umstrukturierung nicht vielleicht das Versprechen der Freiheit, die Bedingung, um die lebenslange Abhängigkeit von der Arbeit zu reduzieren? Die Frage muß in ihrer ganzen Komplexität gesehen werden. In der Tat ist es die Intention des Kapitalisten, wenn er eine Werkstatt verändert oder ein Arbeitssegment automatisiert, den Gesamtprofit zu maximieren, die Insubordination zu eliminieren, eine engere, mechanische Kontrolle über die menschliche Arbeit zu realisieren. Die kapitalistische Anwendung der Technologie ist so zusammenzufassen: sie soll die Struktur der Maschine, des Arbeitsinstruments und auch die wissenschaftliche Struktur, die zur Herstellung der Maschine notwendig ist, umformen; sie zum Zweck der Kontrolle, der immer perfekteren, immer totaleren, immer erstickenderen Unterordnung umformen. Die kapitalistische Anwendung der Technologie und die Umstrukturierung als kapitalistische Revolution der Maschinierie, des technologischen Systems durchdringt die Strukturen, die Form, die Funktion der Objekte, und indirekt durchdringt sie die Köpfe, die sozialen Beziehungen und die Welt der Produktion. Die operaistische, revolutionäre Theorie und Praxis findet sich bald einem Widerspruch gegenüber, und in gewissem Maße wird sie darin gefesselt bleiben. Die intensive technologische Revolution, die sich während der siebziger Jahre entfaltet und ihre Reife am Ende dieses Jahrzehnts erreicht und die sich in Wellen von Massenentlassungen manifestiert, ist der Grund für die Krise der Arbeiterautonomie. Aber in der Realität ist es auch die tendenzielle Auflösung der Arbeiterklasse, der Fabrik und der Industrie als vorherrschendes Produktionssystem. Die Umstrukturierung, die technische Innovation sind die Antwort auf die Ablehnung der Arbeit, sind aber auch deren Vollendung. Durch die Umstrukturierung realisiert sich in der Tat das Ziel der Arbeiter, die notwendige Arbeit zu reduzieren, aber die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, unter denen sich diese Verschiebung vollzieht, sind dominiert vom kapitalistischen Interesse, ausgerichtet auf Herrschaft und Profit und nicht auf gesellschaftliche Nützlichkeit. Und so ist der Effekt der Umstrukturierung eine stärkere Ausbeutung, eine höhere Abhängigkeit, eine politisch verheerende Teilung zwischen Beschäftigten und Arbeitslosen. Aber dies geschieht im Lauf der siebziger Jahre, weil es der revolutionären Bewegung nicht gelingt, ihr Programm der Arbeiterführung über den gesamten Prozeß der produktiven Transformation zu Ende zu führen, da sich an diesem Punkt gewerkschaftliche Vermittlung und Extremismus gegenüberstanden und nicht in der Lage waren, eine gemeinsame Zielsetzung zu finden: die allgemeine Reduzierung der Arbeitszeit, die gesellschaftliche Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit - kurz, Arbeitermacht über die Bedingungen des postindustriellen Übergangs, über die Bedingungen der Deindustrialisierung und der Transformation der gesamten Produktionswelt.
Balestrini, Nanni und Primo Moroni (1994): Die goldene Horde. Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien, Berlin: 290ff.















