»Der Nationalsozialismus erhält seine Macht, indem er wirkliche Sicherheit gegen potentielle Freiheit ausspielt. Der deutschen Bevölkerung stand die totalitäre Sicherheit näher als die demokratischen Freiheiten, die sie in der Weimarer Republik genossen hatten. Es gehört zu den Grundprinzipien der Nazipropaganda, die Unvereinbarkeit von (demokratischer) Freiheit und Sicherheit, von Menschenrechten und Vollbeschäftigung, von Chancengleichheit und Machtbalance zu predigen. Demokratie, Freiheit, Arbeitslosigkeit und Armut sind von ihr zu einem grauenerregenden Einheitsbrei zusammengerührt worden. Demzufolge muß die Berufung auf demokratische Freiheiten als Berufung auf Unsicherheit und Arbeitslosigkeit erscheinen. Die Sprecher der Alliierten haben dies in ihre Erwägungen einbezogen und ›allgemeine Sicherheit‹ als Maßstab für die Nachkriegsordnung proklamiert. In Übereinstimmung mit dieser Politik muß jede Umerziehung der deutschen Massen darauf abzielen, die psychologische Verbindung zwischen Sicherheit und Autoritarismus, Vollbeschäftigung und totalitärer Reglementierung zu durchtrennen. Der unterwürfige und autoritäre Charakter der Menschen im Nazisystem ist keine unveränderliche Natureigenschaft, sondern eine historische Form des Denkens und Verhaltens, die mit der Transformation der Industriegesellschaft in die autoritäre Gesellschaft einhergeht. Folglich wird dieser Charakter nach dem Sieg über die gesellschaftlichen Kräfte, die für diese Transformation verantwortlich sind, verschwinden. Im übrigen lassen sich diese Kräfte im Hinblick auf Nazideutschland genau benennen: es sind die großen Industriekonzerne, die den Kern der Wirtschaftsorganisation des Reiches bilden, sowie die Führungsschichten der Regierungs- und Parteibürokratie. Ihren Herrschaftsbereich aufzubrechen ist Vorbedingung und vorrangiger Inhalt der Umerziehung. Dergestalt weist Umerziehung über die traditionelle Idee einer Erziehung, die ›die Wahrheit eines vergangenen und nicht des kommenden Zeitalters vermittelt‹, hinaus. Umerziehung soll den Leuten zuallererst beibringen, wie sie ›mehr Nahrungsmittel und Güter‹ – und zwar für die Konsumtion – produzieren können. So etwas muß in der Tat gelehrt und gelernt werden. Denn indem der Nationalsozialismus die Massen in den Zustand irrationaler Aufopferungsbereitschaft versetzte, hat er seiner Mangelwirtschaft einen vernünftigen Anstrich verpaßt. Der wirtschaftliche Wiederaufbau muß also mit einer Erziehung zur ›Befreiung von Not und Elend‹ einhergehen, die im Nationalsozialismus längst zu einer unsinnigen Vorstellung geworden ist.« (Herbert Marcuse 1942. Die neue deutsche Mentalität. Memorandum zu einer Untersuchung über die psychologischen Grundlagen des Nationalsozialismus und die Möglichkeiten ihrer Zerstörung, Nachgelassene Schriften, Band 5, Feindanalysen. Über die Deutschen, 2007: 65f.)











