Von Fruchtbarkeits-Säulen und Funky-Kota
Am nächsten Morgen warten schon zwei dampfende Tassen Kaffe auf uns, zubereitet von Vollas Mutter, die ebenfalls hier wohnt, kein Wort Englisch spricht, aber uns nichtsdestotrotz schon nahezu adoptiert hat. Der beste Weg, eine Stadt kennen zu lernen (neben stundenlangem, ziellosen Umherstreifen) ist, den öffentlichen Nahverkehr zu benutzen. Was in Hongkong oder Singapur ein Kinderspiel war, wird in Jakarta jedoch zu einer echten Herausforderung. Von klein nach groß verstopfen hier Ojeks, Tuctucs, Bemos, Mini-Busse und das TransJakarta Bussystem, das in Korridoren zumindest die Innenstadt großflächig abdeckt, die Straßen, außerdem gibt es eine Art Metro, die diesen Namen aber nur mit Einschränkungen verdient hat. Es mangelt demnach nicht an Möglichkeiten. Die Schwierigkeit besteht darin, diese Möglichkeiten trotz mangelnder Indonesisch-Kenntnisse richtig zu interpretieren und somit auch sinnvoll zu nutzen. Damit wären wir beim nächsten Punkt: Jakarta präsentiert sich, zumindest oberflächlich, als eine weltoffene Metropole, die im Gegensatz zum Rest Indonesiens bereits in großen teilen verwestlicht wirkt. Umso verwunderlicher ist es, dass Englisch nach wie vor eine Rarität ist. Beinahe zwei Stunden sitzen wir in diverse Bussen, bis wir in der Nähe des Merdeka Squares aussteigen. Wenn man Jakarta eine Art Zentrum zusprechen möchte, dann ist es wohl dieser Platz, in dessen Mitte 'Monas', das Wahrzeichen der Stadt, thront: Eine 137 Meter hohe Siegessäule, deren Spitze in 35 Kilogramm Blattgold gehüllt ist soll die Fruchtbarkeit Indonesiens symbolisieren, weshalb böse Zungen sie nach dem während der Erbauung amtierenden Präsidenten auch als 'Sukarnos letzte Erektion' bezeichnen. Außenrum haben sich Micky Maus, die Teletubbies und einige Spongebobs positioniert, bereit, die Fotos ganzer Schulklassen vor dem Nationaldenkmal zu verschönern. Ich frage mich, was die Teletubbies mit der Fruchtbarkeit Indonesien zu tun haben. Die National Galerie, die nicht weit entfernt von Merdeka an der Hauptstraße liegt, befindet sich im Moment leider im Umbau, weswegen nur eine einzige Ausstellung geöffnet hat, die die psychedelischen Digitaldrucke eines einzelnen Künstlers zeigen, der sich, passend zu der 500 Meter Luftlinie entfernten Säule, auf farbenfroh-abstrakte Weise ebenfalls mit der Fruchtbarkeit beschäftigt. Wir machen uns, zunächst zu Fuß, auf den Weg zum Indonesian Bank Museum, steigen aber auf halber Strecke in die Metro/Bummelbahn, da wir auf schon beinahe singapurianische Art und Weise von einem kräftigen Regenschauer überrascht werden. Die abscheulichen, modernen Darstellungen im Bank-Museum haben leider keine Chance gegen meinen Mangel an wirtschaftlichem Interesse. Meine Aufnahmebereitschaft schwankt irgendwo zwischen der von Linus, der jede einzelne Tafel gewissenhaft studiert und sich gemeinerweise wohl auch noch merkt und der der übrigen Indonesier, die die Ausstellung größtenteils ignorieren und sich lieber vor den Diagrammen und Statistiken für diverse Erinnerungs-Fotos in Pose werfen. Wesentlich interessanter wird es in der ART:1 Galerie. In einem sichtlich ärmeren Viertel der Stadt hebt sich die minimalistische Architektur aus Glas und Stahl deutlich gegen ihre Umgebung ab. Ein leuchtend roter Torbogen ist der einzige Farbklecks vor dem ansonsten weiß-grauen Gebäude. Im Inneren befindet sich eine Retrospektive des indonesischen Künstlers Heri Dono, der sich in seinen Bildern und Installationen kritisch mit der Politik seines Landes auseinandersetzt. Auch ohne das nötige Hintergrundwissen macht es Spaß, Donos Kunstwerke, die auf den ersten Blick oft am Kinderbuchmalerei erinnern, auf den zweiten aber meist einen unheimlichen oder ironischen Beiklang haben, zu betrachten und sich seine eigenen Gedanken dazu zu machen. Der Museumswärter genießt es sichtlich, uns durch die gesamte Galerie zu begleiten und setzt jede der interaktiven Installationen mit kindlicher Freude durch ein Tritt auf ein Pedal in Bewegung, um dann gespannt auf unsere Reaktion zu warten und mich anschließend zum Fotos machen animiert. Es scheint hier nicht viele Besucher zu geben. Nachdem für morgen Abend, der Letzte für Linus, schon die obligatorische Skybar auf dem Programm steht, verlegen wir das Abschiedsessen auf heute. Da wir in Indonesien bisher beinahe ausschließlich in einfachen Warungs gegessen haben, wollten wir es halten wie in Indien und uns einmal etwas Besonderes leisten, sozusagen gehobene indonesische Küche. Die gibt es aber nicht, wie wir feststellen müssen, nachdem wir diverse Internetseiten durchforstet haben. Die Indonesier lieben ihren gebratenen Reis und die allgegenwärtige Bakso (Fleischbällchen-Suppe), die es für 30 Cent an jeder Straßenecke gibt, und sehen keinen Grund, dafür das Zehnfache zu zahlen, nur um dazu eine Stoffserviette gereicht zu bekommen. Soll es einmal etwas Besseres sein, wird es westlich: Teure Pizzerien, Sushi-Restaurants oder Franzosen findet man in Jakarta en masse. Die Wahl fällt letztendlich auf Pancep 33, wo uns der Besitzer geduldig die gesamte Karte übersetzt, bis wir uns für Baby-Kalamari und Hühnchen-Saté entschieden haben. Es schmeckt, suprise surprise, nicht anders als auf der Straße. Nachdem sich in Pluit kein zufriedenstellendes Plätzchen für ein Bier finden lässt, steigen wir abermals in den Bus und fahren direkt nach Kota, laut einstimmiger Meinung dasjenige Pary-Viertel Jakartas, in dem noch die höchste Wahrscheinlichkeit auf etwas Alternatives gegeben ist. Jakartas Party-Szene ist berühmt-berüchtigt und gilt als eine der Besten in Südostasien. Allerdings hat das Nachtleben seine Popularität zu einem großen Teil der Prostitutions- und Drogen-Szene zu verdanken. Dass der bis dato bekannteste Club 'Stadium' vor kurzem geschlossen werden musste, weil ein Polizist dort einer Überdosis erlag, spricht wohl für sich selbst. Bars sind in Kota ebensowenig zu finden, zumindest nicht nach allgemeinen Verständnis. Getreu ihrer Vorliebe für Pragmatismus haben die Indonesier 7/11 zum neuen place-to-be erklärt und lassen hier an klebrigen Plastiktischen unter grellen Neon-Röhren den Abend beginnen. Nach einem 7/11-Bier an klebrigen Plastiktischen unter grellen Neon-Röhren machen wir uns auf die Suche nach Mille's. Wir haben vorher ausführlich recherchiert, um die Gefahr zu umgehen, von Funky-Kota-Beats überrascht zu werden, eine indonesische Vorliebe, die den musikalischen Untermalungen unserer bisherigen Bus-Fahrten um nichts nachstehen. Was uns im Club erwartet, ist sicher nicht gut, nein, teilweise ist es sogar bemerkenswert schlecht und lässt sich nur dank unserer nicht zu erschütternden guten Laune und zu einem Teil sicher auch dank den zwei Bier aushalten. Der dunkle Raum ist gut gefüllt, die meisten Indonesier sitzen allerdings teilnahmslos auf ihren Barhockern und lassen sich nur hin und wieder zu rhythmischen Kopfnicken verleiten. Wir verbringen beinahe zwei Stunden auf der Tanzfläche, zwei Leuchttürme in einem Meer von Sonnenbrillen tragenden Einheimischen, und flüchten um zwei, pünktlich zum Anpfiff des Deutschland-Spiels, ins Freie. Eine Bar im Süden Jakartas lockt auf ihrer Seite mit guter Musik, hipper Einrichtung und vor Allem der vollen Übertragung des Spiels. Ein Bluebird-Taxi bringt uns an das andere Ende der Stadt, was sich von Anfang an verdächtig ausgestorben gibt. Im Internet herrscht Uneinigkeit über den genauen Standort von Treehouse. Die ersten beiden Adressen führen ins Nichts, zu der Dritten sind wir gezwungen, ein weiteres Mal in ein Taxi zu steigen, wozu wir den einzigen Fahrer weit und breit aus dem Tiefschlaf reißen müssen. Schlaftrunken fährt er mit uns zweimal im Kreis bis er vor der angegebenen Adresse hält und sich nur halbherzig beschwert, als wir uns weigern, den vollen Preis für die unfreiwillige Spritztour zu zahlen. Wir sind beide nicht überrascht, als auch die letzte Adresse ein Fehlschlag ist und nehmen es mit stoischer Gelassenheit. Mittlerweile ist es 4:30, Deutschland spielt noch genau 15 Minuten. Wir gesellen uns zu einem duzend Indonesier, die sich, eingehüllt in dichte Rauchschwaden, mitten in einem FIFA-Turnier auf der PS3 befinden, während auf einem Bildschirm unter der Decke Deutschland und Ghana noch einmal alles geben. Noch zehn Minuten. Der Besitzer bringt uns Eiskaffee und frittierte Bananen. Drei Minuten Verlängerung. Foul! Freistoß! Die FIFA-Helden lassen sich kurz ablenken, schauen gespannt auf den Fernseher-aber: daneben. Abpfiff. Müller wälzt sich im Gras, die Indonesier wenden sich wieder ihrem eigenen Spiel zu. Gleichstand, zwei zu zwei. Aus und vorbei.










