5.𝙎𝙚𝙥.19 —♡☕️“𝙎𝙤𝙛𝙩 𝙖𝙣𝙙 𝙚𝙖𝙨𝙮 𝙎𝙚𝙥𝙩𝙚𝙢𝙗𝙚𝙧 𝙙𝙖𝙮𝙨 𝙝𝙖𝙙 𝙖𝙧𝙧𝙞𝙫𝙚𝙙. 𝙀𝙫𝙚𝙣𝙞𝙣𝙜 𝙘𝙖𝙢𝙚 𝙚𝙖𝙧𝙡𝙮, 𝙗𝙪𝙩 𝙩𝙝𝙚 𝙖𝙞𝙧 𝙧𝙚𝙢𝙖𝙞𝙣𝙚𝙙 𝙬𝙖𝙧𝙢 𝙖𝙣𝙙 𝙘𝙖𝙡𝙢.”🍂☕️🍞
— 𝘈𝘳𝘵𝘩𝘶𝘳 𝘚𝘤𝘩𝘯𝘪𝘵𝘻𝘭𝘦𝘳.

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5.𝙎𝙚𝙥.19 —♡☕️“𝙎𝙤𝙛𝙩 𝙖𝙣𝙙 𝙚𝙖𝙨𝙮 𝙎𝙚𝙥𝙩𝙚𝙢𝙗𝙚𝙧 𝙙𝙖𝙮𝙨 𝙝𝙖𝙙 𝙖𝙧𝙧𝙞𝙫𝙚𝙙. 𝙀𝙫𝙚𝙣𝙞𝙣𝙜 𝙘𝙖𝙢𝙚 𝙚𝙖𝙧𝙡𝙮, 𝙗𝙪𝙩 𝙩𝙝𝙚 𝙖𝙞𝙧 𝙧𝙚𝙢𝙖𝙞𝙣𝙚𝙙 𝙬𝙖𝙧𝙢 𝙖𝙣𝙙 𝙘𝙖𝙡𝙢.”🍂☕️🍞
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Arthur Schnitzler – Kazanovanın Qayıdışı
Yazar: Arthur Schnitzler Janr: psixoloji roman. dram. modernizm Qısa xülasə Arthur Schnitzler-in Kazanovanın Qayıdışı (Casanova’s Homecoming) qısa pyes/novella elementlərinə malik əsərdir. Əsərdə yaşlanmış, keçmiş macəraları və ehtirasları ilə yaşayan bir kişi obrazı — tarixdə məşhur Casanova obrazına bənzər bir fiqur — əsas mərkəzə qoyulur. O, gənclik illərinin xatirələri, dünyaya və sevgi…
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Die Fremde
Die Fremde · Arthur Schnitzler · Leben Liebe Leidenschaft
Als Albert um sechs Uhr früh erwachte, war das Bett neben ihm leer, und seine Frau war fort. Auf ihrem Nachttisch lag ein beschriebener Zettel. Albert langte nach ihm und las folgende Worte: »Mein lieber Freund, ich bin früher aufgewacht als Du. Adieu. Ich gehe fort. Ob ich zurückkommen werde, weiß ich nicht. Leb wohl. Katharina.« Albert ließ den Zettel auf die weiße Bettdecke sinken und schüttelte den Kopf. Ob sie nun heute wiederkam oder nicht — es war ja doch ziemlich gleichgültig. Er wunderte sich weder über Inhalt noch über Ton des Briefes. Es war nur ein wenig früher gekommen, als er erwartet. Vierzehn Tage hatte das ganze Glück gewährt. Was lag daran? Er war bereit. Langsam erhob er sich, warf den Schlafrock um, tat ein paar Schritte zum Fenster hin und öffnete es. Die Stadt Innsbruck lag in friedlich stillem Morgenschein zu seinen Füßen, und in der Ferne ragten unruhige Felsen in das blaue Licht. Albert kreuzte die Arme über der Brust und sah ins Freie. Ihm war sehr weh ums Herz. Er dachte, wie doch alle Voraussicht und selbst ein vorgefasster Entschluss ein schweres Geschick nicht leichter, sondern nur mit besserer Haltung tragen ließen. Er zögerte eine Weile. Aber was sollte er jetzt noch abwarten? War es nicht das beste, gleich ein Ende zu machen? War nicht schon die Neugier, die ihn quälte, ein Verrat an seinen Vorsätzen? Sein Los musste sich erfüllen. Entschieden war es doch schon gewesen, als er vor zwei Jahren beim Tanz das erste Mal den kühlen Hauch der geheimnisvollen Lippen seine Wange streifen fühlte. Er erinnerte sich, wie er in jener Nacht mit seinem Freund Vincenz nach Hause gegangen war. An alles musste er denken, was ihm Vincenz damals erzählt hatte; und der zarte Ton früher Warnung klang ihm wieder im Ohr. Vincenz wusste mancherlei über Katharina und ihre Familie. Der Vater war als Oberst eines Artillerie-Regimentes während des bosnischen Feldzuges in den Freiherrnstand erhoben worden und fiel durch die Kugel eines Insurgenten. Ihr Bruder war Kavallerie-Leutnant gewesen und hatte sein Erbteil rasch durchgebracht; später opferte die Mutter, um den Sohn vor dem Schlimmsten zu bewahren, ihr ganzes Vermögen auf; das half aber nicht für lange, und bald darauf erschoss sich der junge Offizier. Nun stellte der Baron Maaßburg, der als Bräutigam Katharinas galt, seine Besuche in dem Haus ein. Man brachte das nicht nur mit den nunmehr erklärt ärmlichen Verhältnissen der Familie in Zusammenhang, sondern auch mit einer merkwürdigen Szene, die sich während des Leichenbegängnisses zugetragen hatte. Katharina war einem ihr bis dahin ganz unbekannten Kameraden ihres Bruders schluchzend in die Arme gefallen, als wäre er ihr Freund oder Verlobter. Ein Jahr später wurde sie von einer heftigen Schwärmerei für den berühmten Orgelspieler Banetti erfasst. Er verließ Wien, ohne dass sie ihn jemals gesprochen hatte. Eines Morgens erzählte sie ihrer Mutter den Traum, dass Banetti zu ihnen ins Zimmer getreten, auf dem Klavier eine Fuge von Bach gespielt, dann rücklings zu Boden gestürzt und tot da gelegen war, während sich die Decke öffnete und das Klavier in den Himmel schwebte. Am selben Tage traf die Nachricht ein, dass sich Banetti in einem kleinen lombardischen Dorf von der Kirchturmspitze in den Friedhof hinabgestürzt hatte und tot zu Füßen eines Kreuzes liegengeblieben war. Bald darauf begannen sich bei Katharinen die Anzeichen einer Gemütskrankheit zu zeigen, die sich allmählich bis zu tiefster Versunkenheit steigerte; nur der dringende Widerstand der Mutter und deren fester Glaube an die Genesung Katharinens hielt die Ärzte davon ab, das Mädchen in eine Anstalt zu bringen. Ein ganzes Jahr brachte Katharina tagsüber einsam und schweigend hin; aber nachts erhob sie sich zuweilen aus dem Bett und sang einfache Lieder wie in früherer Zeit. Allmählich, zum größten Staunen der Ärzte, erwachte Katharina aus ihrem Trübsinn. Sie schien dem Leben, ja der Freude wiedergegeben. Bald nahm sie Einladungen, zuerst nur in engere Zirkel, an; der Bekanntenkreis breitete sich wieder aus, und als Albert sie auf dem Weißen-Kreuz-Ball kennenlernte, war sie ihm von einer solchen Ruhe des Gemütes erschienen, dass er den Erzählungen seines Freundes auf dem Heimweg nur zweifelnd zu folgen vermochte. Albert von Webeling, der früher nicht sehr viel in der Welt verkehrt hatte, war durch den guten Namen seiner Familie, durch seine Stellung als Vizesekretär in einem Ministerium leicht in die Lage versetzt, in den Kreisen Katharinens Zutritt zu finden. Jede Begegnung vertiefte seine Neigung für sie. Katharina trug sich immer einfach, aber ihre hohe Gestalt und ganz besonders ihre einzige, ja königliche Weise, das Haupt zu neigen, wenn sie jemandem zuhörte, verlieh ihr eine Vornehmheit von ganz eigener Art. Sie sprach nicht viel, und ihre Augen pflegten oft, wenn sie in Gesellschaft war, wie in eine für die anderen unzugängliche Ferne zu blicken. Die jüngeren Herren behandelte sie mit einiger Unachtsamkeit, lieber unterhielt sie sich mit reiferen Männern von Rang oder Ruf. Und wieder ein Jahr, nachdem Albert sie kennengelernt hatte, verlobte sie das Gerücht mit dem Grafen Rummingshaus, der eben von einer Forschungsreise in Tibet und Turkestan heimgekehrt war. Damals wusste Albert, dass der Tag, an dem Katharina einem anderen die Hand zur Ehe reichte, der letzte seines Lebens sein würde, und er, dessen Dasein bis zu seinem dreißigsten Jahr unbeirrt hin geflossen war, begriff mit einem Mal alle Gefahren und allen Wahnsinn, in die heftige Leidenschaft den besonnensten Mann zu stürzen vermag. Von seiner Nichtigkeit Katharinen gegenüber war er völlig durchdrungen. Er hatte sein anständiges Auskommen und konnte als Junggeselle ein recht behagliches Leben führen, aber Reichtum hatte er von keiner Seite zu erwarten. Eine sichere, aber gewiss nicht bedeutende Laufbahn stand ihm bevor. Er kleidete sich mit großer Sorgfalt, ohne jemals wirklich elegant auszusehen, er redete nicht ohne Gewandtheit, hatte aber niemals irgend etwas Besonderes zu sagen, und er war stets gerne gesehen, ohne jemals aufzufallen. Und so fühlte er, dass ein Wesen, geheimnisvoll und gleichsam aus einer anderen Welt, wie Katharina, sich tief zu ihm herablassen müsste, wenn er sie gewinnen wollte, und dass sie jedenfalls von ihm verlangen durfte, ein unverdientes Glück teuer zu bezahlen. Da er sich aber zu jedem Opfer bereit wusste, schien er sich auch allmählich ihrer würdig zu werden. Eines Morgens erfuhr er, dass der Graf nach Galizien abgereist war, ohne sich erklärt zu haben; mit einer Entschlossenheit, die sonst seine Art nicht war, hielt er den rechten Augenblick für gekommen und begab sich zu Katharina. Wie weit schien ihm nun jene Stunde zu liegen! Er sah das Zimmer im Schottenhof vor sich, weitläufig und gewölbt, aber niedrig, mit alten, gut gehaltenen Möbeln, sah den vereinsamten dunkelroten Fauteuil am Fenster stehen, das offene Piano mit den aufgeschlagenen Noten, den runden Mahagonitisch, darauf das Album mit dem Perlmutterdeckel und die Visitenkartenschale aus Alt-Meißner Porzellan. Und er erinnerte sich, wie er in den geräumigen Hof hinuntergeblickt hatte, durch den eben viele Leute von der Palmsonntagsmesse aus der gegenüberliegenden Schottenkirche kamen. Während die Glocken läuteten, trat Katharina mit ihrer Mutter aus dem Nebenzimmer herein und war nicht so erstaunt über seinen Besuch, als er eigentlich erwartete. Sie hörte ihm freundlich zu und nahm seinen Antrag an, kaum in größerer Bewegung, als wenn er die Einladung zu einem Ball überbracht hätte. Die Mutter, immer mit dem verbindlichen Lächeln der Schwerhörigen, saß still in der Diwanecke und führte ihren kleinen schwarzen Seidenfächer manchmal ans Ohr. Während des ganzen Gesprächs in dem kühlen, sonntagsstillen Zimmer hatte Albert die Empfindung, als wäre er in eine Gegend gekommen, über die durch lange Zeit heftige Stürme gejagt hätten und die nun eine große Sehnsucht nach Ruhe atmete. Und als er später die graue Treppe hinunter schritt, ward ihm nicht die beseligende Empfindung eines erfüllten Wunsches, sondern nur das Bewusstsein, dass er in eine wohl wundersame, aber ungewisse und dunkle Epoche seines Lebens eingetreten war. Und wie er so durch den Sonntag spazierte, von Straße zu Straße, durch Gärten und Alleen, den Frühjahrshimmel über sich, an manchen fröhlichen und unbekümmerten Menschen vorbei, da fühlte er, dass er von nun an nicht mehr zu diesen gehörte und dass über ihm ein Geschick anderer und besonderer Art zu walten begann. Jeden Abend saß er nun oben in dem gewölbten Zimmer. Zuweilen sang Katharina mit einer angenehmen Stimme, aber beinahe völlig ausdruckslos, einfache, meist italienische Volkslieder, zu denen er sie auf dem Klavier begleitete. Nachher stand er oft mit ihr bis zum späten Abend am Fenster und sah in den stillen Hof hinab, wo die Bäume grünten und knospten. An schönen Nachmittagen traf er manchmal im Belvederegarten mit ihr zusammen; dort war sie meist schon lang gesessen und hatte den Kinderspielen zugesehen. Wenn sie ihn kommen sah, stand sie auf, und dann spazierten sie auf den besonnten Kieswegen auf und ab. Anfangs redete er manchmal von seiner früheren Existenz, von den Jugendjahren im Grazer Elternhaus, von der Studienzeit in Wien, von Sommerreisen, und er wunderte sich nur über die Schattenhaftigkeit, in der beim Versuch erinnernden Gestaltens ihm selbst sein bisheriges Leben erschien. Vielleicht lag es auch daran, dass Katharina allen diesen Dingen nicht das geringste Interesse entgegenbrachte. Seltsame Dinge ereigneten sich, die an sich ohne Bedeutung sein mochten, die aber jedenfalls ohne Erklärung blieben. So begegnete Albert eines Tages um die Mittagsstunde seiner Braut auf dem Stephansplatz in Gesellschaft eines in Trauer gekleideten, eleganten Herrn, den er früher nie gesehen hatte. Albert blieb stehen, aber Katharina grüßte kühl, und ohne sich um ihn zu kümmern, ging sie mit dem fremden Herrn weiter. Albert folgte ihr eine Weile, der Herr stieg in einen Wagen, der an einer Straßenecke auf ihn wartete, und fuhr davon. Katharina ging nach Hause. Als Albert sie abends fragte, wer jener Herr gewesen wäre, sah sie ihn befremdet an, nannte einen ihm gänzlich unbekannten polnischen Namen und zog sich für den Rest des Abends auf ihr Zimmer zurück. Ein anderes Mal ließ sie abends lang vergeblich auf sich warten. Endlich erschien sie, als es zehn Uhr schlug, mit einem Strauß von Feldblumen in der Hand und erzählte, dass sie auf dem Lande gewesen und auf einer Wiese eingeschlafen sei. Die Blumen warf sie zum Fenster hinab. Einmal besuchte sie mit Albert das Künstlerhaus und stand lang mit ihm vor einem Bild, das eine einsame grüne Höhenlandschaft mit weißen Wolken drüber vorstellte. Ein paar Tage darauf sprach sie von dieser Gegend, als wäre sie in Wirklichkeit über diese Höhen gewandelt, und zwar als Kind in Gesellschaft ihres verstorbenen Bruders. Zuerst glaubte Albert, dass sie scherzte, allmählich aber merkte er, dass das Bild für sie in der Erinnerung gleichsam lebendig geworden war. Damals fühlte er, wie sich sein Staunen in ein schmerzliches Grauen zu verwandeln begann. Aber je unfasslicher ihm ihr Wesen zu entgleiten schien, um so hoffnungslos dringender rief seine Sehnsucht nach ihr. Zuweilen gelang es ihm, sie von ihrer Jugend reden zu machen. Doch alles, was sie berichtete, Erzählungen wirklicher Geschehnisse und Geständnisse ferner Träumereien, schwebte wie im gleichen matten Schimmer vorüber, so dass Albert nicht wusste, was sich ihrem Gedächtnis lebendiger eingeprägt: jener Orgelspieler, der sich vom Kirchturm herabgestürzt hatte, der junge Herzog von Modena, der einmal im Prater an ihr vorüber geritten war, oder ein Van-Dyckscher Jüngling, dessen Bildnis sie als junges Mädchen in der Liechtenstein-Galerie gesehen hatte. Und so dämmerte auch jetzt ihr Wesen hin wie nach unbekannten oder Ungewissen Zielen, und Albert ahnte, dass er nichts anderes für sie bedeutete als irgendeiner, dem sie in einer Gesellschaft zu einer Runde durch den Saal den Arm gereicht hätte. Und da ihm jede Kraft brach, sie aus ihrer verschwommenen Art des Daseins empor zu ziehen, fühlte er endlich, wie ihn der verwirrende Hauch ihres Wesens zu betäuben und wie sich allmählich seine Weise zu denken, ja selbst zu handeln, aller durch das tägliche Leben gegebenen Notwendigkeit zu entäußern begann. Es fing damit an, dass er Einkäufe für den künftigen Hausstand machte, die seine Verhältnisse weit überstiegen. Dann schenkte er seiner Braut Schmuckgegenstände von beträchtlichem Wert. Und am Tage vor der Hochzeit kaufte er ein kleines Häuschen in einer Gartenvorstadt, das ihr auf einem Spaziergang gefallen hatte, und überbrachte ihr am selben Abend eine Schenkungsurkunde, durch die es in ihren alleinigen Besitz überging. Sie aber nahm alles mit der gleichen Freundlichkeit und Ruhe hin wie früher den Antrag seiner Hand. Gewiss hielt sie ihn für reicher, als er war. Im Anfang hatte er natürlich daran gedacht, auch über seine Vermögensverhältnisse mit ihr zu reden. Er schob es von Tag zu Tag hinaus, da ihm die Worte versagten; aber endlich kam es dahin, dass er jede Aussprache über dergleichen Dinge für überflüssig hielt. Denn wenn sie über ihre Zukunft redete, so tat sie das nicht wie jemand, dem ein vorgezeichneter Weg ins Weite weist; vielmehr schienen ihr alle Möglichkeiten nach wie vor offenzustehen, und nichts in ihrem Verhalten deutete auf innere oder äußere Gebundenheit. So wusste Albert eines Tages, dass ihm ein unsicheres und kurzes Glück bevorstand, dass aber auch alles, was folgen könnte, wenn Katharina ihm einmal entschwunden war, jeglicher Bedeutung für ihn entbehrte. Denn ein Dasein ohne sie war für ihn vollkommen undenkbar geworden, und es war sein fester Entschluss, einfach die Welt zu verlassen, sobald ihm Katharina verloren war. In dieser Sicherheit fand er den einzigen, aber würdigen Halt während dieser wirren und sehnsuchtsvollen Zeiten. Am Morgen, da Albert Katharina zur Trauung abholte, war sie ihm geradeso fremd als an dem Abend, da er sie kennengelernt hatte. Sie wurde die Seine ohne Leidenschaft und ohne Widerstreben. Sie reisten miteinander ins Gebirge. Durch sommerliche Täler fuhren sie, die sich weiteten und engten; ergingen sich an den milden Ufern heiter bewegter Seen und wandelten auf verlorenen Wegen durch den raunenden Wald. An manchen Fenstern standen sie, schauten hinab zu den stillen Straßen verzauberter Städte, sandten die Blicke weiter den Lauf geheimnisvoller Flüsse entlang, zu stummen Bergen hin, über denen blasse Wolken in Dunst zerflossen. Und sie redeten über die täglichen Dinge des Daseins wie andre junge Paare, spazierten Arm in Arm, verweilten vor Gebäuden und Schaufenstern, berieten sich, lächelten, stießen mit Wein gefüllten Gläsern an, sanken Wange an Wange in den Schlaf der Glücklichen. Manchmal aber ließ sie ihn allein, in einem matt hellen Gasthofzimmer, darin alle Trauer der Fremde dämmerte, auf einer steinernen Gartenbank unter Menschen, die sich des duftenden Blütentags freuten, in einem hohen Saal vor dem gedunkelten Bild eines Landsknechts oder einer Madonna, und niemals wusste er in solcher Stunde, ob Katharina wiederkehren würde oder nicht. Denn unablässig und untrüglich in ihm wie der Schlag seines Herzens war das Gefühl, dass nichts sich geändert hatte seit dem ersten Tag, dass sie frei war wie je und er ihr völlig verfallen. So kam es, dass ihr Verschwinden heute früh nach einer Hochzeitsreise von vierzehn Tagen, dass auch ihr seltsamer Brief ihn nur erschüttert hatte, ohne ihn eigentlich zu überraschen. Er hätte sie und sich zu erniedrigen geglaubt, wenn er geforscht hätte. Wer sie ihm genommen hatte, ob eine Laune, ob ein Traum, ob ein lebendiger Mensch, war ja völlig gleichgültig; er wusste nichts und brauchte nicht mehr zu wissen, als dass sie ihm nicht mehr gehörte. Vielleicht war es sogar gut, dass das Unvermeidliche so früh gekommen war. Sein Vermögen war durch den Kauf des Hauses auf das Geringste zusammengeschmolzen, und von seinem kleinen Gehalt konnten sie beide nicht leben. Mit ihr von Einschränkungen und von den gewöhnlichen Sorgen des Alltags zu reden, wäre ihm in jedem Fall unmöglich gewesen. Einen Moment fuhr es ihm durch den Sinn, von ihr Abschied zu nehmen. Sein Blick fiel auf die Bettdecke, wo der beschriebene Zettel lag. Der flüchtige Einfall kam ihm, auf die weiße Seite ein kurzes Wort der Erklärung hinzuschreiben. Aber in der deutlichen Empfindung, dass ein solches Wort für Katharina nicht das geringste Interesse haben könnte, stand er wieder davon ab. Er öffnete die Handtasche, steckte seinen kleinen Revolver zu sich und gedachte, irgendwo hinaus vor die Stadt zu wandern, um dort mit Anstand und ohne jemanden zu stören seine Tat zu verüben. Ein Sommermorgen von dunkelblauer Klarheit und vorzeitiger Schwüle lag über der Stadt. Albert ging geradeaus fort. Er war noch nicht hundert Schritte weit vom Hotel entfernt, als er Katharinens Gestalt vor sich erblickte. Sie hielt ihren grauseidenen Sonnenschirm in der Hand und ging langsam des Weges. Die erste Regung Alberts war, in eine andere Straße abzubiegen; aber eine Macht, die heftiger war als alle seine Vorsätze und Überlegungen, drängte ihn, ihr zu folgen, um sich nun doch die Gewissheit zu verschaffen, der er vor einer Minute noch mit Gleichgültigkeit gegenüberzustehen geglaubt hatte. Er bekam sogar einige Angst, dass sie sich umwenden und ihn entdecken könnte. Sie nahm den Weg dem Hofgarten zu, er hielt sich in gemessener Entfernung. Jetzt war sie bei der Hofkirche angelangt, deren Tor offen stand. Sie trat ein. Albert folgte ihr nach einigen Augenblicken. Er blieb in der Nähe des Einganges im tiefsten Schatten stehen; er sah, wie Katharina langsam durch das Mittelschiff zwischen den dunklen Bildsäulen der Helden und Königinnen hindurch schritt. Plötzlich hielt sie inne. Albert entfernte sich von dem Platz, wo er bisher gewartet, und schlich in einem weiten Bogen hinter das Grabmal des Kaisers Maximilian, das gewaltig in der Mitte der Kirche ragte. Katharina stand regungslos vor der Statue des Theoderich. Die Linke auf den Degen gestützt, blickte der erzene Held wie aus ewigen Augen vor sich hin. Seine Haltung war von erhabener Müdigkeit, als sei er sich zugleich der Größe und der Zwecklosigkeit seiner Taten bewusst und als ginge sein ganzer Stolz in Schwermut unter. Katharina stand vor der Bildsäule und starrte dem Gotenkönig ins Antlitz. Albert blieb einige Zeit in der Verborgenheit, dann wagte er sich vor. Sie hätte die Schritte hören müssen, aber sie wandte sich nicht um; wie gebannt blieb sie auf derselben Stelle. Leute kamen in die Kirche, Fremde mit roten Reisebüchern, man sprach neben ihr, hinter ihr, sie hörte nicht. Es wurde eine Weile stiller, Katharina stand wie früher, in ihrer Bewegungslosigkeit selber einer Bildsäule gleich. Eine neue Viertelstunde und wieder eine verging. Katharina rührte sich nicht. Albert ging. Am Ausgang wandte er sich noch einmal um, da sah er, wie Katharina nahe an die Statue herangetreten war und mit ihren Lippen den erzenen Fuß berührte. Eilig entfernte sich Albert. Er lächelte. Ein Einfall kam ihm, der ihn mit einer Art von Rührung erfüllte und dessen er sich freute. Read the full article
»Jeder hat sofort ein Bild von Kafka«
Seit Jahren nimmt der Wiener Comiczeichner Nicolas Mahler die Hochkultur auseinander. Als Freibeuter im Meer der Weltliteratur macht er sich ein Werk nach dem anderen zu eigen. Zum 100. Todestag von Franz Kafka sind gleich zwei Arbeiten von ihm erschienen. Ich konnte mich mit ihm bereits im Herbst letzten Jahres, bevor er zum Leiter der Wiener Schule für Dichtkunst berufen wurde, mit Mahler über Faszinierendes und Skurriles in Leben und Werk des Prager Schriftstellers austauschen. Read the full article
Der Witwer
Der Witwer ⋆ Arthur Schnitzler ⋆ Leben und Liebe
Der Witwer ⋆ Arthur Schnitzler ⋆ Leben und Liebe
Er versteht es noch nicht ganz; so rasch ist es gekommen. An zwei Sommertagen ist sie in der Villa krank gelegen, an zwei so schönen, dass die Fenster des Schlafzimmers, die auf den blühenden Garten sehen, immer offen stehen konnten. Und am Abend des zweiten Tages ist sie dann gestorben, beinahe plötzlich, ohne dass man darauf gefasst war. Und heute hat man sie hinausgeführt, dort über die allmählich ansteigende Straße, die er jetzt vom Balkon aus, wo er auf seinem Lehnstuhl sitzt, bis zu ihrem Ende verfolgen kann, bis zu den niederen weißen Mauern, die den kleinen Friedhof umschließen, auf dem sie ruht. Nun ist es Abend; die Straße, auf die vor wenig Stunden, als die schwarzen Wagen langsam hinaufrollten, die Sonne herab gebrannt hat, liegt im Schatten; und die weißen Friedhofsmauern glänzen nicht mehr. Man hat ihn allein gelassen; er hat darum gebeten. Die Trauergäste sind alle in die Stadt zurückgefahren; die Großeltern haben auf seinen Wunsch auch das Kind mitgenommen, für die ersten paar Tage, die er allein sein will. Auch im Garten ist es ganz still; nur ab und zu hört er ein Flüstern von unten: Die Dienstleute stehen unter dem Balkon und sprechen leise miteinander. Er fühlt sich jetzt müde, wie er es noch nie gewesen, und während ihm die Lider immer und immer von neuem zufallen — mit geschlossenen Augen sieht er die Straße wieder in der Sommerglut des Nachmittags, sieht die Wagen, die langsam hinaufrollen, die Menschen, die sich um ihn drängen — selbst die Stimmen klingen ihm wieder im Ohr. Beinah alle sind dagewesen, welche der Sommer nicht allzu weit fortgeführt hatte, alle sehr ergriffen von dem frühen und raschen Tod der jungen Frau, und sie haben milde Worte des Trostes zu ihm gesprochen. Selbst von entlegenen Orten sind manche gekommen, Leute, an die er gar nicht gedacht; und manche, von denen er kaum die Namen kannte, haben ihm die Hand gedrückt. Nur der ist nicht dagewesen, nach dem er sich am meisten gesehnt, sein liebster Freund. Er ist freilich ziemlich weit fort — in einem Badeort an der Nordsee, und gewiss hat ihn die Todesnachricht zu spät getroffen, als dass er noch rechtzeitig hätte abreisen können. Er wird erst morgen da sein können. Richard öffnet die Augen wieder. Die Straße liegt nun völlig im Abendschatten, nur die weißen Mauern schimmern noch durchs Dunkel, und das macht ihn schauern. Er steht auf, verlässt den Balkon und tritt ins angrenzende Zimmer. Es ist das seiner Frau gewesen. Er hat nicht daran gedacht, wie er rasch hinein getreten ist; er kann auch in der Dunkelheit nichts mehr darin ausnehmen; nur ein vertrauter Duft weht ihm entgegen. Er zündet die blaue Kerze an, die auf dem Schreibtisch steht, und wie er nun das ganze Gemach in seiner Helle und Freundlichkeit zu überschauen vermag, da sinkt er auf den Diwan hin und weint. Lange weint er — wilde und gedankenlose Tränen, und wie er sich wieder erhebt, ist sein Kopf dumpf und schwer. Es flimmert ihm vor den Blicken, die Kerzenflamme auf dem Schreibtisch brennt trüb. Er will es lichter haben, trocknet seine Augen und zündet alle sieben Kerzen des Armleuchters an, der auf der kleinen Säule neben dem Klavier steht. Und nun fließt Helle durchs ganze Gemach, in alle Ecken, der zarte Goldgrund der Tapete glitzert, und es sieht hier aus wie an manchem Abend, wenn er hereingetreten ist und sie über einer Lektüre oder über Briefen fand. Da hat sie aufgeschaut, sich lächelnd zu ihm gewandt und seinen Kuss erwartet. Und ihn schmerzt die Gleichgültigkeit der Dinge um ihn, die weiter starr sind und weiter glitzern, als wüssten sie nicht, dass sie nun etwas Trauriges und Unheimliches geworden sind. So tief wie in diesem Augenblick hat er es noch nicht gefühlt, wie einsam er geworden ist; und so mächtig wie in diesem Augenblick hat er die Sehnsucht nach seinem Freund noch nicht empfunden. Und wie er sich nun vorstellt, dass der bald kommen und liebe Worte zu ihm reden wird, da fühlt er, dass doch auch für ihn das Schicksal noch etwas übrig hat, das Trost bedeuten könnte. War er nur endlich da! … Er wird ja kommen, morgen früh wird er da sein. Und da muss er auch lang bei ihm bleiben, viele Wochen lang; er wird ihn nicht fortlassen, bevor es sein muss. Und da werden sie beide im Garten spazieren gehen und, wie früher so oft, von tiefen und seltsamen Dingen sprechen, die über dem Schicksal des gemeinen Tages sind. Und abends werden sie auf dem Balkon sitzen wie früher, den dunklen Himmel über sich, der so still und groß ist; werden da zusammen plaudern bis in die späte Nachtstunde, wie sie es ja auch früher so oft getan, wenn sie, die in ihrem frischen und hastigen Wesen an ernsteren Gesprächen wenig Gefallen fand, ihnen schon längst lächelnd gute Nacht gesagt hatte, um auf ihr Zimmer zu gehen. Wie oft haben ihn diese Gespräche über die Sorgen und Kleinlichkeiten der Alltäglichkeit emporgehoben — jetzt aber werden sie mehr, jetzt werden sie Wohltat, Rettung für ihn sein. Immer noch geht Richard im Zimmer hin und her, bis ihn endlich der gleichmäßige Ton seiner eigenen Schritte zu stören anfängt. Da setzt er sich vor den kleinen Schreibtisch, auf dem die blaue Kerze steht, und betrachtet mit einer Art von Neugier die hübschen und zierlichen Dinge, die vor ihm liegen. Er hat sie doch eigentlich nie recht bemerkt, hat immer nur das Ganze gesehen. Die elfenbeinernen Federstiele, das schmale Papiermesser, das schlanke Petschaft mit dem Onyxgriff, die kleinen Schlüsselchen, welche eine Goldschnur zusammenhält; er nimmt sie nacheinander in die Hand, wendet sie hin und her und legt sie wieder sachte auf ihren Platz, als wären es wertvolle und gebrechliche Dinge. Dann öffnet er die mittlere Schreibtischlade und sieht da im offenen Karton das mattgraue Briefpapier liegen, auf dem sie zu schreiben pflegte, die kleinen Kuverts mit ihrem Monogramm, die schmalen, langen Visitenkarten mit ihrem Namen. Dann greift er mechanisch an die kleine Seitenlade, die versperrt ist. Er merkt es anfangs gar nicht, zieht nur immer wieder, ohne zu denken. Allmählich aber wird das gedankenlose Rütteln ihm bewusst, und er müht sich und will endlich öffnen und nimmt die kleinen Schlüssel zur Hand, die auf dem Schreibtisch liegen. Gleich der erste, den er versucht, passt auch; die Lade ist offen. Und nun sieht er, von blauen Bändern sorgfältig zusammengehalten, die Briefe liegen, die er selbst an sie geschrieben. Gleich den, der oben liegt, erkennt er wieder. Es ist sein erster Brief an sie, noch aus der Zeit der Brautschaft. Und wie er die zärtliche Aufschrift liest, Worte, die wieder ein trügerisches Leben in das verödete Gemach zaubern, da atmet er schwer auf und spricht dann leise vor sich hin, immer wieder dasselbe: ein wirres, entsetzliches: Nein … nein … nein … Und er löst das Seidenband und lässt die Briefe zwischen den Fingern gleiten. Abgerissene Worte fliegen vor ihm vorüber, kaum hat er den Mut, einen der Briefe ganz zu lesen. Nur den letzten, der ein paar kurze Sätze enthält — dass er erst spätabends aus der Stadt herauskommen werde, dass er sich unsäglich freue, das liebe, süße Gesicht wiederzusehen —, den liest er sorgsam, Silbe für Silbe — und wundert sich sehr; denn ihm ist, als hätte er diese zärtlichen Worte vor vielen Jahren geschrieben — nicht vor einer Woche, und es ist doch nicht länger her. Er zieht die Lade weiter heraus, zu sehen, ob er noch was fände. Noch einige Päckchen liegen da, alle mit blauen Seidenbändern umwunden, und unwillkürlich lächelt er traurig. Das sind Briefe von ihrer Schwester, die in Paris lebt — er hat sie immer gleich mit ihr lesen müssen; da sind auch Briefe ihrer Mutter mit dieser eigentümlich männlichen Schrift, über die er sich stets gewundert hat. Auch Briefe mit Schriftzügen liegen da, die er nicht gleich erkennt; er löst das Seidenband und sieht nach der Unterschrift — sie kommen von einer ihrer Freundinnen, einer, die heute auch dagewesen ist, sehr blass, sehr verweint. Und ganz hinten liegt noch ein Päckchen, das er herausnimmt wie die anderen und betrachtet. — Was für eine Schrift? Eine unbekannte. — Nein, keine unbekannte … Es ist Hugos Schrift. Und das erste Wort, das Richard liest, noch bevor das blaue Seidenband herab gerissen ist, macht ihn für einen Augenblick erstarren … Mit großen Augen schaut er um sich, ob denn im Zimmer noch alles ist, wie es gewesen, und schaut dann auf die Decke hinauf und dann wieder auf die Briefe, die stumm vor ihm liegen und ihm doch in der nächsten Minute alles sagen sollen, was das erste Wort ahnen ließ … Er will das Band entfernen — es ist ihm, als wehrte es sich, die Hände zittern ihm, und er reißt es endlich gewaltsam auseinander. Dann steht er auf. Er nimmt das Päckchen in beide Hände und geht zum Klavier hin, auf dessen glänzend schwarzen Deckel das Licht von sieben Kerzen des Armleuchters fällt. Und mit beiden Händen auf das Klavier gestützt, liest er sie, die vielen kurzen Briefe mit der kleinen verschnörkelten Schrift, einen nach dem anderen, nach jedem begierig, als wenn er der erste wäre. Und alle liest er sie, bis zum letzten, der aus jenem Ort an der Nordsee gekommen ist — vor ein paar Tagen. Er wirft ihn zu den übrigen und wühlt unter ihnen allen, als suche er noch etwas, als könne irgendwas zwischen diesen Blättern aufflattern, das er noch nicht entdeckt, irgend etwas, das den Inhalt aller dieser Briefe zunichte machen und die Wahrheit, die ihm plötzlich geworden, zum Irrtume wandeln könnte … Und wie endlich seine Hände innehalten, ist ihm, als wäre es nach einem ungeheueren Lärm mit einem Male ganz still geworden … Noch hat er die Erinnerung aller jener Geräusche: wie die zierlichen Gerätschaften auf dem Schreibtisch klangen …, wie die Lade knarrte …, wie das Schloss klappte …, wie das Papier knitterte und rauschte …, den Ton seiner hastigen Schritte …, sein rasches, stöhnendes Atmen — nun aber ist kein Laut mehr im Gemach. Und er staunt nur, wie er das mit einem Schlag so völlig begreift, obwohl er doch nie daran gedacht. Er möchte es lieber sowenig verstehen wie den Tod; er sehnt sich nach dem bebenden heißen Schmerz, wie ihn das Unfassliche bringt, und hat doch nur die Empfindung einer unsäglichen Klarheit, die in all seine Sinne zu strömen scheint, so dass er die Dinge im Zimmer mit schärferen Linien sieht als früher und die tiefe Stille zu hören meint, die um ihn ist. Und langsam geht er zum Diwan hin, setzt sich nieder und sinnt … Was ist denn geschehen? Es hat sich wieder einmal zugetragen, was alle Tage geschieht, und er ist einer von denen gewesen, über die manche lachen. Und er wird ja auch gewiss — morgen oder in wenigen Stunden schon wird er all das Furchtbare empfinden, das jeder Mensch in solchen Fällen empfinden muss …, er ahnt es ja, wie sie über ihn kommen wird, die namenlose Wut, dass diese Frau zu früh für seine Rache gestorben; und wenn der andere wiederkehrt, so wird er ihn mit diesen Händen niederschlagen wie einen Hund. Ah, wie sehnt er sich nach diesen wilden und ehrlichen Gefühlen — und wie wohler wird ihm dann sein als jetzt, da die Gedanken sich stumpf und schwer durch seine Seele schleppen … Jetzt weiß er nur, dass er plötzlich alles verloren hat, dass er sein Leben ganz von vorne beginnen muss wie ein Kind; denn er kann ja von seinen Erinnerungen keine mehr brauchen. Er müsste jeder erst die Maske herunterreißen, mit der sie ihn genarrt. Denn er hat nichts gesehen, gar nichts, hat geglaubt und vertraut, und der beste Freund, wie in der Komödie, hat ihn betrogen … Wäre es nur der, gerade der nicht gewesen! Er weiß es ja und hat es ja selbst erfahren, dass es Wallungen des Blutes gibt, die ihre Wellen kaum bis in die Seele treiben, und es ist ihm, als wenn er der Toten alles verzeihen könnte, was sie wieder rasch vergessen hätte, irgend wen, den er nicht gekannt, irgendeinen, der ihm wenigstens nichts bedeutet hätte — nur diesen nicht, den er so lieb gehabt wie keinen anderen Menschen und mit dem ihn ja mehr verbindet, als ihn je mit seiner eigenen Frau verbunden, die ihm niemals auf den dunkleren Pfaden seines Geistes gefolgt ist; die ihm Lust und Behagen, aber nie die tiefe Freude des Verstehens gegeben. Und hat er es denn nicht immer gewusst, dass die Frauen leere und verlogene Geschöpfe sind, und ist es ihm denn nie in den Sinn gekommen, dass seine Frau eine Frau ist wie alle anderen, leer, verlogen und mit der Lust, zu verführen? Und hat er denn nie gedacht, dass sein Freund den Frauen gegenüber, so hoch er sonst gestanden sein mag, ein Mann ist wie andere Männer und dem Rausch eines Augenblicks erliegen konnte? Und verraten es nicht manche scheuen Worte dieser glühenden und zitternden Briefe, dass er anfangs mit sich gekämpft, dass er versucht hat, sich loszureißen, dass er endlich diese Frau angebetet und dass er gelitten hat? … Unheimlich ist es ihm beinahe, wie ihm alles das so klar wird, als stünde ein Fremder da, ihm es zu erzählen. Und er kann nicht rasen, so sehr er sich danach sehnt; er versteht es einfach, wie er es eben immer bei anderen verstanden hat. Und wie er nun daran denkt, dass seine Frau da draußen liegt, auf dem stillen Friedhof, da weiß er auch, dass er sie nie wird hassen können und dass aller kindische Zorn, selbst wenn er noch über die weißen Mauern hinflattern könnte, doch auf dem Grab selbst mit lahmen Flügeln hinsinken würde. Und er erkennt, wie manches Wort, das sich kümmerlich als Phrase fristet, in einem grellen Augenblick seine ewige Wahrheit zu erkennen gibt, denn plötzlich geht ihm der tiefe Sinn eines Wortes auf, das ihm früher schal geklungen: Der Tod versöhnt. Und er weiß es: wenn er jetzt mit einem Male jenem anderen gegenüber stände, er würde nicht nach gewaltigen und strafenden Worten suchen, die ihm wie eine lächerliche Wichtigtuerei irdischer Kleinlichkeit der Hoheit des Todes gegenüber erschienen — nein, er würde ihm ruhig sagen: Geh, ich hasse dich nicht. Er kann ihn nicht hassen, er sieht zu klar. So tief kann er in andere Seelen schauen, dass es ihn beinahe befremdet. Es ist, als wäre es gar nicht mehr sein Erlebnis — er fühlt es als einen zufälligen Umstand, dass diese Geschichte gerade ihm begegnet ist. Er kann eigentlich nur eines nicht verstehen: dass er es nicht immer, nicht gleich von Anfang an gewusst und — begriffen hat. Es war alles so einfach, so selbstverständlich und aus denselben Gründen kommend wie in tausend anderen Fällen. Er erinnert sich seiner Frau, wie er sie im ersten, zweiten Jahre seiner Ehe gekannt, dieses zärtlichen, beinahe wilden Geschöpfes, das ihm damals mehr eine Geliebte gewesen ist als eine Gattin. Und hat er denn wirklich geglaubt, daß dieses blühende und verlangende Wesen, weil über ihn die gedankenlose Müdigkeit der Ehe kam — eine andere geworden ist? Hat er diese Flammen für plötzlich erloschen gehalten, weil er sich nicht mehr nach ihnen sehnte? Und dass es gerade — jener war, der ihr gefiel, war das etwa verwunderlich? Wie oft, wenn er seinem jüngeren Freunde gegenüber saß, der trotz seiner dreißig Jahre noch die Frische und Weichheit des Jünglings in den Zügen und in der Stimme hatte — wie oft ist es ihm da durch den Sinn gefahren: Der muss den Frauen wohl gefallen können … Und nun erinnert er sich auch, wie im vorigen Jahr, gerade damals, als es begonnen haben musste, wie Hugo damals eine ganze Zeit hindurch ihn seltener besuchen kam als sonst … Und er, der richtige Ehemann, hat es ihm damals gesagt: Warum kommst du denn nicht mehr zu uns? Und hat ihn selbst manchmal aus dem Büro abgeholt, hat ihn mit herausgenommen aufs Land, und wenn er fort wollte, hat er selbst ihn zurückgehalten mit freundschaftlich scheltenden Worten. Und niemals hat er was bemerkt, nie das Geringste geahnt. Hat er denn die Blicke der beiden nicht gesehen, die sich feucht und heiß begegneten? Hat er das Beben ihrer Stimmen nicht belauscht, wenn sie zueinander redeten? Hat er das bange Schweigen nicht zu deuten gewusst, das zuweilen über ihnen war, wenn sie in den Alleen des Gartens hin und her spazierten? Und hat er denn nicht bemerkt, wie Hugo oft zerstreut, launisch und traurig gewesen ist — seit jenen Sommertagen des vorigen Jahres, in denen … es begonnen hat? Ja, das hat er bemerkt und hat sich auch wohl zuweilen gedacht: es sind Weibergeschichten, die ihn quälen — und sich gefreut, wenn er den Freund in ernste Gespräche ziehen und über diese kleinlichen Leiden erheben konnte … Und jetzt, wie er dieses ganze vergangene Jahr rasch an sich vorübergleiten lässt, merkt er nicht mit einem Mal, dass die frühere Heiterkeit des Freundes nie wieder ganz zurückgekommen ist, dass er sich nur allmählich daran gewöhnt hatte, wie an alles, was allmählich kommt und nicht mehr schwindet? … Und ein seltsames Gefühl quillt in seiner Seele empor, das er sich anfangs kaum zu begreifen traut, eine tiefe Milde — ein großes Mitleid für diesen Mann, über den eine elende Leidenschaft wie ein Schicksal hereingebrochen ist; der in diesem Augenblick vielleicht, nein, gewiss, mehr leidet als er; für diesen Mann, dem ja eine Frau gestorben, die er geliebt hat, und der vor einen Freund treten soll, den er betrogen. Und er kann ihn nicht hassen; denn er hat ihn noch lieb. Er weiß ja, dass es anders wäre, wenn — sie noch lebte. Da wäre auch diese Schuld etwas, das von ihrem Dasein und Lächeln den Schein des Wichtigen liehe. Nun aber verschlingt dieses unerbittliche zuende sein alles, was an jenem erbärmlichen Abenteuer bedeutungsvoll erscheinen wollte. In die tiefe Stille des Gemachs zieht ein leises Beben … Schritte auf der Treppe. — Er lauscht atemlos; er hört das Schlagen seines Pulses. Draußen geht die Tür. Einen Augenblick ist ihm, als stürze alles wieder hin, was er in seiner Seele aufgebaut; aber im nächsten steht es wieder fest. — Und er weiß, was er ihm sagen wird, wenn er hereintritt: Ich hab es verstanden — bleib! Eine Stimme draußen, die Stimme des Freundes. Und plötzlich fährt ihm durch den Kopf, dass dieser Mann jetzt, ein Ahnungsloser, da hereintreten wird, dass er selbst es ihm erst wird sagen müssen … Und er möchte sich vom Diwan erheben, die Tür verschließen — denn er fühlt, dass er keine Silbe wird sprechen können. Und er kann sich ja nicht einmal bewegen, er ist wie erstarrt. Er wird ihm nichts, kein Wort wird er ihm heute sagen, morgen erst …, morgen … Es flüstert draußen. Richard kann die leise Frage verstehen: »Ist er allein?« Er wird ihm nichts, kein Wort wird er ihm heute sagen; morgen erst — oder später … Die Tür öffnet sich, der Freund ist da. Er ist sehr blass und bleibt eine Weile stehen, als müsste er sich sammeln, dann eilt er auf Richard zu und setzt sich neben ihn auf den Diwan, nimmt seine beiden Hände, drückt sie fest — will sprechen, doch versagt ihm die Stimme. Richard sieht ihn starr an, lässt ihm seine Hände. So sitzen sie eine ganze Weile stumm da. »Mein armer Freund«, sagt endlich Hugo ganz leise. Richard nickt nur mit dem Kopf, er kann nicht reden. Read the full article
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Arthur Schnitzler’in Yunan Dansçı Kız adlı öykü kitabını okudum bugün ve bu tekerlemeyi anımsadım😚 Aşkı, dostluğu, kardeşliği, hayatı hem coşkuyla, umutla, dans eder gibi yaşayıp hem de adeta havuz başında heykel kesilerek, hayata yeniden dansla, umutla, aşkla başlamaya çalışanların, kendini yeniden yaratanların öyküleri.. 🤍🌸❤️ Kendime çok ders çıkarttığım için fotomu koyarak kitabı yorumladım😂🤦🏻♀️👏🏻 En güzel hediyelerimden biri🤍🌸🤍 Kitabın kenarlarını da kedim yedi🤷🏻♀️😚 #yunandansçıkız #arthurschnitzler #tekerleme #tonguetwister #kitap #book #kitapsevgisi #bookstagram #bookphotography #bookstagrammer #booklover #bookaddict #instagood #goodday https://www.instagram.com/p/COyBPHxAZVl/?igshid=17a09avlt2q2s
Tonight I’ll perform at this beautiful old spa in Bad Vöslau with Alma Hasun & Claudius von Stolzman, two friends from the theater piece I’m in at the Theater in der Josefstadt, who will be reading pieces from Arthur Schnitzler! If you want to get out of town, then it’s only half an hour away from Vienna, so come down to swim in the afternoon and for the performance st 20:30. 🏊♂️🎭🥂 @alma.hasun @josefstadttheater @badvoslau.at #arthurschnitzler (at Bad Vöslau, Austria) https://www.instagram.com/p/CCLHgTBl8gE/?igshid=191h0aoj1nmdk