Der Wolf und das Menschenkind
Der Wolf rühmte sich einmal dem Fuchs gegenüber, daß er der Stärkste auf Erden sei; er fürchte sich vor niemandem. Da sprach der Fuchs: „Ich kenne doch wohl einen, der stärker ist, das ist das Menschenkind.“ „Was?“ rief der Wolf, „dem möchte ich doch alle Knochen zerknatschen und zerbeißen, wenn ich es sähe!“ „Ich will dich zu einem hinführen“, sagte der Fuchs.
Als sie so gingen, kam ein alter Mann, ganz krumm und gebückt. „Ist das ein Mensch?“ rief der Wolf. „Das war einer“, sagte der Fuchs. Sie gingen ein wenig weiter, da spielte ein Kind im Felde. „Ist das ein Mensch?“ – „Das war einer!“ sagte der Fuchs. Sie machten nur einige Schritte, da trat der Jäger aus dem Wald hervor. „Nun, das ist ein Mensch“, sprach der Fuchs ängstlich und schlich auf der Stelle seitwärts. Der Wolf aber war ganz wild und trotzig, ging auf den Jäger los und sprach: „Dem will ich bald die Nieren prüfen!“ Der Jäger stand ruhig da und wartete. Als der Wolf schußgerecht war, zielte er und drückte los. Der Wolf stutzte bei dem Krach, und sogleich kitzelte ihn etwas unangenehm im Gesicht, und das Blut rann ihm von der Stirn. Er ging aber dennoch auf den Jäger zu: der griff nach seinem Hirschfänger, und als der Wolf ihn packen wollte, stocherte er ihn einige Male in die Seite, daß diesem die Lust verging und er laut heulte und fortlief.
Der Fuchs lachte sich ins Fäustchen, als er den Wolf kommen sah. „Nun, wer ist stärker, Gevatter?“ „Der Teufel!“ sprach der Wolf. „Das war mir so ein Kerl, der hatte ein langes, krummes Holz, dann nahm er eine Handvoll Steinchen und warf sie mir ins Gesicht, und zuletzt zog er eine Rippe aus seiner Seite und stocherte mir in den Magen, das war noch das Ärgste. Ja, so einen habe ich noch nicht gesehen!“