2011–2026
Früh übt sich
Das Kind, noch nicht ganz ein Jahr alt, interessiert sich für alles, was die Eltern interessant finden. Wenig überraschend. Wenn wir auf unsere Smartphones gucken, will es das auch.
Was das Kind auch gerne macht, obwohl wir das nicht machen: an der Ladebuchse lutschen sowie Smartphone-durchs-Zimmer-werfen. Deshalb hat es seit ein paar Tagen ein eigenes. Also kein echtes Smartphone, nur einen Dummy. Laut Aufdruck von 2011, damals wurden solche Attrappen vermutlich bei MediaMarkt & Co. ausgestellt, weil es zu teuer war, dass täglich hunderte Kund*innen echte Telefone bepatschen. Ich bin nicht sicher, ob sich heute noch ein Hersteller die Mühe macht, Dummytelefone zu bauen.
Statt eines Bildschirms hat das Gerät eine bedruckte Folie, statt des Akkus ein Metallgewicht, damit es ähnlich in der Hand liegt wie das Original. Aber man kann es aufschieben und Tasten drücken; es hat auch Lade- und Kopfhörerbuchse.
Bezeichnenderweise habe ich diesen Dummy im Elektroschrott gefunden - dabei zeichnet er sich ja eben gerade dadurch aus, keine Elektronik zu enthalten.
Die Bildschirmattrappe ist aufschlussreich: damals war 3G offensichtlich der Hit in Sachen Funkverbindung, außerdem ist unten links ein blaues „t“ zu sehen, damals hieß X noch Twitter, und hatte noch keinen Vogel als Logo. Daneben das Logo des sozialen Netzwerks MySpace, was dermaßen in der Bedeutungslosigkeit versunken ist, dass sicher kein Smartphonehersteller es mehr auf den Startbildschirm packt.
Zumindest in Teilen ist unser Plan aufgegangen: das Kind wirft jetzt sehr gerne mit dem eigenen Telefon. Das Interesse an unseren hat aber leider kaum abgenommen.
(Lennart Schütz)













