heute mit einer lang vermissten Ella ein bis jetzt unbekanntes Örtchen entdeckt, das man fast als Spelunke bezeichnen kann - eins dieser Lokale, in denen das Rauchen noch gestattet, vielleicht sogar erwünscht ist. Kein Neonschild ziert die Fassade - ganz unscheinbar mit einem von Hand geschriebenen Schild "Zutritt erst ab 18 Jahren", das in der Tür klebt. Die Front ist verglast, aber dreckige Schlieren verklären die Sicht ins Innere. Die Wände sind speckig, die Tischbeleuchtung ist eine Mischung aus Teelichtern in kleinen Ikeagläsern, Kerzen im Kerzenhalter und Bierdeckeln, auf denen Kerzen thronen, die ihren Teil zu dem schon auf dem Bierdeckel angesammelten Wachssockel beitragen. Wir sitzen und reden und freuen uns - jetzt: Auftritt Sascha, noch von aus der Schule, den ich erst letztens erst auch per Zufall auf der Straße getroffen und mit zur nächsten Party geschleift habe. "Klein ist die Welt" sagen wir; "Bruno kommt auch gleich" sagt er. Dann: halb zwölf "Dichterstunde" kündigt Sergej, der schruffige Inhaber des Etablissements an.
Ein bisschen Gitarren-Schrumschrum mit russischem Akzent; ein Gedicht gegen Liebe, eines dafür, von Guido und von David; 3:48 Uhr oder ein Metaphorischer Kuchen-Text über ein one night stand von Jana mit der schönen Stimme; Sascha gibt ein Märchen und kurze Gedichte zum besten; ein süßer Nuscheler; das Mädchen mit dem Pulli "MOI (et toi)" und dann noch Lothar mit zwei Geschichten über Montagstrinker und Puppensex-verstümmelung.
Sascha muss los, Bruno und Ella trinken noch ihr Pils aus ("Kölsch ist aus" sagt die Kellnerin mit dem Stirnband und dem schönen Pulli) und müssen dann ihre Bahn erwischen. Ich bleibe noch - ich will ja in Ruhe austrinken.
Zu dem Zeitpunkt sind neben Sergej und der Kellnerin noch vier Leute da: Lothar, Guido, Jose und Jana. Jana ruft "Komm, setz Dich zu uns - sitz nicht so alleine da." Sie spielt Theater, macht dies und das - die Dinge, die ihr wichtig sind und spielt für kranke Kinder; Jose hat zwei Kinder - zwei Mädchen, zwei und sechs; Guido schreibt Mittelalter-Krimi-Dinnershows; Lothar heißt nur mit zweitem Namen so und hat eigentlich Kunst studiert.
Dann kommt Mark herein - selbstgedrehte, weißweingetränkte Kippe im Mund - und setzt sich dazu, nachdem er seine Musik aufgelegt hat. Nicht nur seine Musik, die er hört, sondern, die er geschrieben hat: ein vierteltöniges Stück, basierend auf der Obertonreihe, für Saxofonquartett. Wir unterhalten uns bis Ladenschluss und ich lausche ab und an der Musik.
Er redet und erstarrt zwischendurch und zeigt in die Luft, reißt die Augen auf und dirigiert ein kleines bisschen zur Musik. Genau wie ich, wenn ich jemanden anders etwas hören lasse, für das Mein Herz brennt - man spürt förmlich den physischen Sog und Druck und Wirbel, in den ihn die Musik versetzt.
Sergej hört mit uns bis er uns rausschmeißt. Dann unterhalten Mark und ich uns noch anderthalb Stunden über diese Musik, über das Grauen der gleichschwebenden Stimmung, über Scelsi und "Hymnos, über "l'Orfeo" und das Ritonell der Musica, über Monteverdi; über Lironen und Trumscheite und Krummhörner und Pommer und Blues in reiner Stimmung.
Irgendwann beschließen wir, das wir noch weiterweiterweiter reden könnten, aber es ist kalt und spät und mein Gehirn lässt an Aufnahmefähigkeit nach.
Herzlich verabschieden wir uns und ich laufe zu Fuß bis zum Hansaring und nehme von dort luxoriöserweise ein Taxi bis nach Hause. Es ist Montag Abend 04:12 Uhr.