Barbara Merson und die archival letters
Bereits kurz darauf wurden Dutzende Briefe dem Projekt zugesandt, die alle kopiert, übersetzt und katalogisiert werden mussten. Keine einfache Aufgabe, besonders, wenn man fast kein Deutsch spricht und die meisten Briefe auf Englisch sind. Trotzdem hat die Amerikanerin Barbara Merson die Arbeit auf sich genommen und etwa 20 der Briefe alleine transkribiert. Barbara ist PhD-Studentin an der Lesley University in Cambridge, Massachusetts und die universitäre Assistentin von Karen Frostig. „Ich habe mich gefühlt wie eine Detektivin“, erzählt Barbara und lacht. Nachdem sie die Briefe per Mail erhalten hat, musste sie sie zuerst entziffern, dann übersetzen. Teilweise fehlten Wörter oder es waren Schreibfehler eingebaut. Doch das gemeinsame Vokabular erleichterte die Übersetzung ins Englische. „In den meisten Briefen geht es um eine bevorstehende Exekution“. Barbara bearbeitete viele Schreiben von Kärntner Slowen_innen, aber auch von Zeug_innen Jehovas, die viele religiöse Phrasen verwendeten. Gruppen, über die sie zuvor nur wenig gewusst hat.
Die Pragmatik der letzten Stunde
„Wenn jemand zu mir sagen würde: „Schreib deinen letzten Brief“ – ich weiß nicht, was ich tun würde“, sagt Barbara, während sie nachdenklich Zucker in ihren Cappuccino rührt. Viele Briefe stammen von Menschen, die vor ihrer Hinrichtung stehen, manche davon noch sehr jung. Die meisten davon sind so pragmatisch, wie es in einer solchen Situation möglich sein kann, und befassen sich mit dem Nachlass oder dem Verbleib der Angehörigen. Beispielsweise schreiben einige, dass sich ab jetzt die Großeltern um die Enkel kümmern müssen. Ein Kärntner Slowene schreibt seiner Frau einen letzten Brief, mit dem Gedicht, dass sie auf seinen Grabstein drucken lassen sollte. Mehrere Schreiben sind von österreichischen Zeugen Jehovas, die nach dem Anschluss aufgrund ihres Glaubens nicht in der deutschen Armee dienen wollten und daher zum Tod verurteilt waren.
Doch es gibt auch Briefe aus völlig anderen Kontexten. Eine jüdische Familie trifft auf dem Boot nach Kuba den damaligen Staatspräsidenten und späteren Diktator Fulgencio Batista, der ihnen die Einreise in das Land gewährt. Von dort schreiben sie an die jüdische Behörde in den USA, da sie Geld für die Einreise brauchen, und erzählen ihre Geschichte. Ein Mädchen schreibt auf ihrem Weg nach England ihrer Mutter, die zurückbleiben musste. Für Barbara, die selbst Mutter ist, ein unvorstellbarer Gedanke.
Geprägt vom Judentum
Eigentlich ist Barbara ja New Yorkerin, doch vom 16. bis zum 20. Oktober ist sie für das Closing Event von New York nach Wien gekommen, um das Projekt, für das sie arbeitet, auch einmal mit eigenen Augen zu sehen. Barbara hat Geschichte und englische Literatur studiert und Master-Abschlüsse in Business, englischer Literatur und jüdischer Pädagogik gemacht. Sie ist selbst Jüdin und stammt aus einer jüdischen Familie, die allerdings nicht praktiziert. Doch sie ist seit ihrem zehnten Lebensjahr von der Religion fasziniert. Sie weiß auch, dass ihre Urgroßeltern aus Wien in die USA gezogen sind, allerdings schon lange vor dem Nationalsozialismus.
Weitertragen in die USA
Abseits der Universität ist Barbara die Direktorin einer großen Synagoge. In ihrer Gemeinde gibt es viele Menschen, die aus Wien ausgewandert sind. Denen will sie ein paar Briefe mitbringen. Überhaupt ist es wichtig, dass Barbara viel aus Österreich mitnimmt und die amerikanische Presse mit Informationsmaterial versorgt, um "The Vienna Project“ auch auf diesem Kontinent bekannter zu machen. Das tut sie zwar jetzt schon, aber die amerikanische Presse schreibt, wie sie sagt, meist erst über Veranstaltungen, wenn diese schon vorbei sind. „Deshalb wollte ich auch beim Closing Event dabei sein. Es ist viel leichter, über etwas zu sprechen, wenn man selbst dabei war“.
Text und Foto by ©Margot Landl











