Johanna Taufner, eines unserer jüngsten Teammitglieder, begleitete in den letzten zwei Jahren als Bloggerin und Social Media Administratorin The Vienna Project.
Wenn Johanna gerade nicht an ihrer Masterarbeit schreibt, ist sie am Institut für Staatswissenschaft zu finden, wo sie als Studienassistentin arbeitet, oder im Zentrum QWIEN, wo sie als freie Mitarbeiterin bei diversen Projekten mit anpackt. Neben all ihrem Schaffen bleibt zunehmend weniger Zeit fürs Bloggen. Darum verabschiedet sich Johanna nun von The Vienna Project und Ildiko Meny wird fortan die Sozialen Netzwerke betreuen. Das Johanna geht, finden wir sehr schade. Ihre Dokumentation stellte ein zentrales Element des Projekts dar. Wir wünschen ihr auf ihren zukünftigen Wegen alles Gute und wollen uns recht herzlich für ihren grossartigen Einsatz im Projekt, die vielen Texte, die sie geschrieben hat, und natürlich für die gute Stimmung, die sie stets verbreitete, bedanken.
St.Pölten-Oswiecim-Wien
Nach ihrer Matura in Niederösterreich begann Johanna ein Volontariat im Auschwitz Jewish Center in Polen. Sie gab Führungen durch die Stadt - auf den Spuren jüdischen Lebens in Südpolen - organisierte Workshops und entdeckte ihr Interesse für historische Bildungsarbeit. Ein Jahr später zog sie nach Wien und begann mit ihrem Studium der Politikwissenschaft, in welchem sie sich auf Vergangenheitspolitik in Österreich spezialisierte. Nach Abschluss ihres Bachelorstudiums, bekam sie einen Anruf einer alten Bekannten, die sie während ihrer Tätigkeit im Jüdischen Museum kennengelernt hatte: „Du musst dich mit Karen Frostig treffen und The Vienna Project kennenlernen.“ Drei Wochen später saß sie mit der TVP-Direktorin im Café Ritter bei einer Tasse Melange. Kurz drauf stand fest: Johanna soll Teil des Teams werden und die Projektdokumentation übernehmen.
Auf unserem Blog, Twitter und Facebook schrieb sie über Mitarbeiter_innen des Projekts, Veranstaltungen und allem, was sonst noch anfiel. Dadurch behielt sie wie keine andere einen weitreichenden Überblick über den Komplex TVP. Ein Projekt, das durch seine Internationalität und die Mitarbeit verschiedenster Spezialist_innen aus Kunst und Wissenschaft, oft in seiner Gesamtheit schwer zu erfassen war. Der Blog und Johannas Interviews stellten dadurch zunehmend eine wichtige Basis für die externe Kommunikation und die interne Transparenz dar. Und durch ihre akribische Dokumentation wuchs ein umfassendes TVP-Archiv heran.
Aus einem anfangs kleinen Erinnerungsprojekt entwickelte sich TVP über die Monate zu einem großen Netzwerk bestehend aus Künstler_innen, Historiker_innen und Aktivist_innen. Dadurch stieg auch der Bedarf an Dokumentationsarbeit und zu Johannas großer Freude gesellte sich die Journalistin Margot Landl als zweite Bloggerin dazu. Margot wurde sofort ein wichtiger Teil des Projektteams und begann mit schneller Feder, weitere schöne Texte über die Menschen rund um TVP und seine Veranstaltungen zu schreiben. Ihre letzten Berichte verfassten die beiden über unsere Abschlussveranstaltungen und das Naming Memorial am Josefsplatz.
Während wir uns nun auf die Projektevaluation stürzen, an einem Dokumentationsvideo und einem Buch basteln, wird sich Johanna auf ihre eigene Forschung über den geschichtspolitischen Diskurs, um Opfern des Nationalsozialismus in Wien zu gedenken, fokussieren. Dafür wünschen wir ihr im Namen des gesamten Teams alles alles Gute!
Bereits kurz darauf wurden Dutzende Briefe dem Projekt zugesandt, die alle kopiert, übersetzt und katalogisiert werden mussten. Keine einfache Aufgabe, besonders, wenn man fast kein Deutsch spricht und die meisten Briefe auf Englisch sind. Trotzdem hat die Amerikanerin Barbara Merson die Arbeit auf sich genommen und etwa 20 der Briefe alleine transkribiert. Barbara ist PhD-Studentin an der Lesley University in Cambridge, Massachusetts und die universitäre Assistentin von Karen Frostig. „Ich habe mich gefühlt wie eine Detektivin“, erzählt Barbara und lacht. Nachdem sie die Briefe per Mail erhalten hat, musste sie sie zuerst entziffern, dann übersetzen. Teilweise fehlten Wörter oder es waren Schreibfehler eingebaut. Doch das gemeinsame Vokabular erleichterte die Übersetzung ins Englische. „In den meisten Briefen geht es um eine bevorstehende Exekution“. Barbara bearbeitete viele Schreiben von Kärntner Slowen_innen, aber auch von Zeug_innen Jehovas, die viele religiöse Phrasen verwendeten. Gruppen, über die sie zuvor nur wenig gewusst hat.
Die Pragmatik der letzten Stunde
„Wenn jemand zu mir sagen würde: „Schreib deinen letzten Brief“ – ich weiß nicht, was ich tun würde“, sagt Barbara, während sie nachdenklich Zucker in ihren Cappuccino rührt. Viele Briefe stammen von Menschen, die vor ihrer Hinrichtung stehen, manche davon noch sehr jung. Die meisten davon sind so pragmatisch, wie es in einer solchen Situation möglich sein kann, und befassen sich mit dem Nachlass oder dem Verbleib der Angehörigen. Beispielsweise schreiben einige, dass sich ab jetzt die Großeltern um die Enkel kümmern müssen. Ein Kärntner Slowene schreibt seiner Frau einen letzten Brief, mit dem Gedicht, dass sie auf seinen Grabstein drucken lassen sollte. Mehrere Schreiben sind von österreichischen Zeugen Jehovas, die nach dem Anschluss aufgrund ihres Glaubens nicht in der deutschen Armee dienen wollten und daher zum Tod verurteilt waren.
Doch es gibt auch Briefe aus völlig anderen Kontexten. Eine jüdische Familie trifft auf dem Boot nach Kuba den damaligen Staatspräsidenten und späteren Diktator Fulgencio Batista, der ihnen die Einreise in das Land gewährt. Von dort schreiben sie an die jüdische Behörde in den USA, da sie Geld für die Einreise brauchen, und erzählen ihre Geschichte. Ein Mädchen schreibt auf ihrem Weg nach England ihrer Mutter, die zurückbleiben musste. Für Barbara, die selbst Mutter ist, ein unvorstellbarer Gedanke.
Geprägt vom Judentum
Eigentlich ist Barbara ja New Yorkerin, doch vom 16. bis zum 20. Oktober ist sie für das Closing Event von New York nach Wien gekommen, um das Projekt, für das sie arbeitet, auch einmal mit eigenen Augen zu sehen. Barbara hat Geschichte und englische Literatur studiert und Master-Abschlüsse in Business, englischer Literatur und jüdischer Pädagogik gemacht. Sie ist selbst Jüdin und stammt aus einer jüdischen Familie, die allerdings nicht praktiziert. Doch sie ist seit ihrem zehnten Lebensjahr von der Religion fasziniert. Sie weiß auch, dass ihre Urgroßeltern aus Wien in die USA gezogen sind, allerdings schon lange vor dem Nationalsozialismus.
Weitertragen in die USA
Abseits der Universität ist Barbara die Direktorin einer großen Synagoge. In ihrer Gemeinde gibt es viele Menschen, die aus Wien ausgewandert sind. Denen will sie ein paar Briefe mitbringen. Überhaupt ist es wichtig, dass Barbara viel aus Österreich mitnimmt und die amerikanische Presse mit Informationsmaterial versorgt, um "The Vienna Project“ auch auf diesem Kontinent bekannter zu machen. Das tut sie zwar jetzt schon, aber die amerikanische Presse schreibt, wie sie sagt, meist erst über Veranstaltungen, wenn diese schon vorbei sind. „Deshalb wollte ich auch beim Closing Event dabei sein. Es ist viel leichter, über etwas zu sprechen, wenn man selbst dabei war“.
Begonnen hatte Rubina Möhrings Leben als Wienerin mit einem „Kultursemester“, für das die gebürtige Berlinerin während ihres Studiums in die österreichische Hauptstadt zog – und nie wieder nach Deutschland zurückkehrte. Sie studierte Geschichte mit dem Ziel, Journalistin zu werden. Nachdem sie allerdings bereits als 20-Jährige bei der Tageszeitung Die Presse angestellt und später im ORF Mitglied der Gründungsredaktion des legendären CLUB 2 geworden war, schwand zunächst ihr Interesse, das Studium doch noch abzuschließen. Sie hatte ihren Beruf bereits gefunden.
Dennoch vollendete sie ihre Doktorarbeit zum Thema „Die Beziehung zwischen Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich 1908-1912 als Beitrag zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges“ und wurde 1978 promoviert. Dies, nachdem sie eigentlich bereits aufgegeben hatte: „Eines Nachts, es war schon fast im Morgengrauen, war ich kurz davor, alles hinzuschmeißen. Ich trug also alle meine Unterlagen, die ich im Archiv des türkischen Außenministeriums in Istanbul erarbeitet hatte, die Stiege hinunter zu den Mülltonnen. Als ich schließlich all die Materialien dort gestapelt sah, fragte ich mich: „Rubina, bist du wahnsinnig?“ Danach trug ich alles wieder hinauf und schrieb die Arbeit in wenigen Monaten fertig“, erinnert sich Rubina Möhring schmunzelnd. Im ORF wurde sie von einem Tag auf den anderen „Frau Doktor“ genannt. Wie Recht doch all die befreundeten Kollegen hatten, die sie darin bestärkt hatten, das Studium abzuschließen, „weil, im Gegensatz zu Männern, Frauen daran gemessen werden“.
Ambitioniert und vielseitig
Nun stand der journalistischen Karriere nichts mehr im Weg. Allenfalls der starke, deutsche Akzent, der im österreichischen Rundfunk nicht gerade gefragt war. Österreichischer Sprechunterricht war angesagt. Mehrere Sprachlehrer scheiterten – bis auf jenen, der ihre Stimme nicht vergeblich „austrifizieren“ wollte, sondern stattdessen „neutralisierte“ und ihre Aussprache so klar und schön machte, dass sie schließlich sogar auch ihrer Stimme wegen Fanpost und Bitten um Autogramme erhielt. Eine wichtige Anerkennung für die junge Journalistin mit – laut Selbstdefinition – „Migrationshintergrund“.
Bei der Tageszeitung Die Presse hatte sich Rubina Möhring zunächst in der Lokalredaktion auf soziale Themen spezialisiert, dann in der außenpolitischen Redaktion auf internationale Angelegenheiten mit dem Fokus auf den Mittleren Osten. Im ORF erfüllte sich ihr Traum, Dokumentationen über internationale Politik und Geschichte drehen zu können. Sie war unter anderem Redakteurin des Auslandsreports, der Nachrichtensendungen Zeit im Bild, für die sieauch aus Griechenland und der Türkei berichtete und schließlich Chefin der Zeit im Bild 1. Im Rahmen der Wissenschaftsabteilung entwickelte und leitete sie den Hochschulreport Audimax und war Chefin des Wissenschaftsmagazins modern times. In den Jahren2004 bis 2010 war sie schließlich ORF-Repräsentantin für 3sat und Leiterin der Ressorts Kultur und Wissenschaft.
Nicht nur zuschauen
Gerade in ihrer Anfangszeit beim ORF hatte es die ambitionierte Journalistin keineswegs leicht. Sie war damals eine der noch wenigen Redakteurinnen im politischen Bereich. Als sie mit 32 schwanger wurde, stieß sie bei manchen ihrer männlichen Kollegen auf großes Unverständnis: „Jetzt dürfen Sie schon politische Redakteurin sein und wollen auch noch ein Kind – auf Kosten des Hauses?!“.
Rubina wurde Mutter zweier Kinder. 1982 kam ihr Sohn auf die Welt, 1986 ihre Tochter. Und sie machte vor, was es heißt, für Rechte zu kämpfen: Als Betriebsrätin installierte sie einen gesamtösterreichischen ORF-Ausschuss für Frauenfragen und setzte die Eröffnung des Betriebskindergarten im Wiener ORF-Zentrum durch. Sie ließ erstmals Statistiken über Frauen im ORF erheben, an denen sie die Forderung nach einer Frauenquote von mindestens 30% in Führungspositionen festmachte. An den Universitäten Wien und Innsbruck hielt sie Lehrveranstaltungen zum Thema Frauen in den Medien. An der Donauuniversität Krems wurde sogar ein Lehrgang nach ihr benannt: das Rubina-Möhring-Master Seminar für Qualitätsjournalismus.
Neben Frauenfragen ist die Pressefreiheit das zweite große Thema, das der Journalistin am Herzen liegt. Seit 2001 ist sie Präsidentin der NGO Reporter ohne Grenzen Österreich und hat dafür bereits den Dr.Karl-Renner-Preis der Stadt Wien erhalten. Ebenso schreibt sie seit 2011 den wöchentlichen Blog Press Freedom Watchdog für den Standard und gründete 2012 das Print-Periodikum press.freedom.now. Für ihr Engagement für Menschenrechte wurde sie Anfang August 2008 in Peking mitten in der Nacht vom dortigen Staatssicherheitsdienst verhört: Anlass war eine Pressekonferenz von Reporter ohne Grenzen International zur Situation der Pressefreiheit und Menschenrechte in China im Vorfeld der Olympischen Spiele.
Die Erinnerung wach halten
Doch nur zuschauen war nie Rubina Möhrings Art. Im Frühjahr 2011 veröffentlichte sie das Buch „Die Asylfalle“ – nachdem sie selbst eine Asylwerber_innenfamilie bei sich aufgenommen hatte. Zeit ihres Lebens war und ist sie gesellschaftspolitisch engagiert - gegen Vergangenheitsverleugnung, gegen Antisemitismus und Rassismus, für die Rechte von Minderheiten, für Frauenpolitik, für Erinnerung, gegen Vergessen. Als Journalistin und gelernte Historikerin will Rubina Möhring Bewusstsein schaffen und wach halten, für das, was einst geschehen und heute zum Teil noch immer tragend ist. Auch deshalb ihr Engagement für das von Karen Frostig realisierte Vienna Project: „Das Vienna Project zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht vornehmlich auf den 2. Weltkrieg fokussiert ist, sondern vor allem auf die Pogrome, die industrielle Vernichtung von Menschen, die generelle Menschenverachtung während des Hitlerregimes. Dass nicht nur der Millionen jüdischer Opfer gedacht sondern auch an die Verfolgung anderer, verfolgter Bevölkerungsgruppen erinnert wird“, so Rubina Möhring. „Ausgrenzung und Diskriminierung finden selbst heute noch beziehungsweise wieder statt. Ein Beispiel: die Flüchtlingspolitik von EU-Mitgliedsstaaten – auch die Österreichs“.
Im Sinne wachzuhaltenden Erinnerns und damit eines notwendigen Verständnisses für Flüchtlinge heute weist Rubina Möhring darauf hin, dass seit 1938 hunderttausende Menschen, gerade auch aus Österreich, vor dem NS-Regime fliehen und weltweit verstreut neue Heimaten suchen mussten: „Viele starben noch auf der Flucht, nicht wenige verelendeten, andere hingegen konnten für sich und ihre Familien neue, gesicherte Existenzen aufbauen. Manchen wurde sogar die Würdigung durch Nobelpreise zuteil, als Bürger_innen ihrer Aufnahmestaaten. Heute schmücke sich auch Österreich gern mit diesen früheren Mitbürger_innen, obwohl diese einst verfolgt und aus Österreich vertrieben worden waren.“
Das Vienna Project, so Rubina Möhring, entziehe alle damaligen Opfern der Gefahr des Vergessens und mahnt gerade heute wieder die unantastbare Würde des Menschen und die sorgsame Respektierung der Menschenrechte ein. „Nie wieder“ war der Leitgedanke der Deklaration der UN-Menschenrechtscharta 1948, „Nie wieder“ ist heute so aktuell wie nie zuvor. Weltweit.
Montag, 16. Juni 2014: Premiere von „Cigán“ im Top Kino Wien
Als Adams Vater gewaltsam ums Leben kommt, heiratet seine Mutter dessen Bruder Zigo, um die Familie zu versorgen. Während Adams Vater darum bemüht war, sich den „Weißen“ anzunähern, lehnt Zigo diese Parallelwelt ab und hält sie mit der Welt der Roma für unvereinbar. Allerdings bezeichnet er auch selbst das Leben in seiner Siedlung, geprägt von Armut, Diskriminierung, Drogen, Gewalt und Kriminalität, als unmenschlich: „A gypsy can live like a human here only when he Stops to be a gypsy“. Doch Zigo hält im Gegensatz zu seinem Stiefsohn an der Befürwortung des Roma-Daseins fest. Wenn Adam nach Erlebnissen wie der Zwangsverheiratung seiner Jugendliebe oder versuchter Hilfestellung durch örtliche Journalisten immer wieder an seinem Leben zweifelt, schnauzt er Zigo an: „If you want to be a gypsy BE a gypsy“. Adam schafft es am Ende nicht, aus seiner kriminellen Lebenswelt auszubrechen, ohne erneut kriminell zu werden,
„Cigán“ wurde in einer Romasiedlung in der Ostslowakei mit der Unterstützung des ganzen Ortes gedreht. Die Figuren spielen sich selbst und sprechen ihre Sprache, der Film ist lediglich mit englischen Untertiteln versehen. Viele Erfahrungen der Bewohner_innen flossen in den Film ein und bieten so eine vielseitige Darstellung der Lebenswelt der Roma. Es wird die Diskriminierung, besonders durch die örtliche Polizei, ungeschönt dargestellt, die Armut und Kriminalität, aber auch ausgelassene Feste und Lebensfreude. Viele Meinungen kommen vor, von denen alle ihre Begründungen und ihr Identifikationspotential haben. Keine Figur ist ausnahmslos gut oder böse, aber alle sind geprägt von Traditionen, Lebenswelten und Vorurteilen, zwischen denen sich Adam schließlich nicht mehr zurechtfindet.
Nach der Vorführung standen der Regisseur und der Drehbuchautor sowie Kameramann Marek Leščák dem Publikum für eine Diskussion zur Verfügung, welche von der ORF-Journalistin und Roma-Aktivistin Gilda Horvath moderiert wurde. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Gerhard Marchl vom Karl-Renner-Institut und Helene Trauner vom Wiener Institut für Internationalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC).
Martin Šulik erzählt, dass es notwendig war, sich aufgrund fehlenden Vorwissens und schlechter Quellenlage selbst ein Bild vom Leben der Roma in der Ostslowakei zu machen. Dabei besuchte das Team Dörfer, welche sehr gut integriert waren, aber auch viele, in denen hohe Arbeitslosigkeit herrschte und die abgekapselt von der restlichen Gesellschaft lebten. „Die Roma sind ein Spiegel unserer Gesellschaft“, übersetzt die Dolmetscherin die Ausführung des Regisseurs. „Alle Probleme, die auch wir haben, kommen dort vor, nur sind sie durch die Armut hyperbolisiert. In der Struktur unserer heutigen Gesellschaft haben die Roma kaum Chancen auf Arbeit. Die Gesellschaft muss ihnen helfen, da heraus zu kommen.“
Weiters berichtet der Regisseur von den Dreharbeiten im Dorf, die von den Bewohner_innen der Romasiedlung sowie des benachbarten nichtromanischen Dorfes großteils sehr positiv aufgenommen worden waren: „Als wir den Film bei einem großen Fest auf einem Fußballfeld vorgeführt haben, sind alle einen Moment lang zusammen gesessen.“ Er geht besonders auf das Identifikationspotential des Films ein: „Viele junge Roma konnten sich mit Adam identifizieren, die Älteren eher mit dem Stiefvater, dem negativen Helden. Es wird ihre tatsächliche Lage gezeigt, aber auch etwas aus ihrem Inneren. Manche Roma fanden aber auch, dass keine „Weißen“ ihre Seele darstellen können. Die nichtromanischen Dorfbewohner_innen empfanden den Film wiederum als eine wichtige Information über die Roma, teilweise allerdings als idealisiert.“
Martin Šulik erzählt noch eine andere Geschichte: Die Romasiedlung mit etwa 2000 Einwohner_innen und das benachbarte Dorf mit etwa 1200 Einwohner_innen sind ein gemeinsamer Wahlbezirk. Doch da die Romasiedlung zerstritten war, konnten die Einwohner_innen ihre politische Kraft nicht nutzen. Nach den Dreharbeiten rafften sie sich zusammen und wählten gemeinsam einen Bürgermeister. Dieser Trend zum gemeinsamen politischen Engagement der Roma breitet sich in der Ostslowakei nun immer stärker aus. Dennoch ist Diskriminierung immer noch an der Tagesordnung. Prägend sind die Bezeichnungen „schwarz“ und „weiß“: Obwohl die Haut der Roma, wie eine Zuseherin bemerkt, wenig dunkler als jene der Nichtroma ist, werden sie trotzdem als „schwarz“ im Sinne von „unrein“ bezeichnet.
Antiziganismus hat eine lange Tradition. Besonders im Nationalsozialismus waren Roma eine der besonders stark verfolgten Volksgruppen, die jedoch heute eher in Vergessenheit geraten ist. In Wien sollen der Barankapark im zehnten Wiener Gemeindebezirk und der Romaplatz am Bruckhaufen im 21.Wiener Gemeindebezirk an dieses Leid erinnern. Von dort wurden ganze Roma-Familien und viele Sintis in Konzentrationslager deportiert, von denen nur wenige Überlebende nach Kriegsende zurückkehrten. Heute zählen diese Plätze zu den 38 Orten der Erinnerung von The Vienna Project.
Als wenn’s eine Düne wäre oder eines Freundes Farm
oder deine eigene Habe: Jeder Tod ist mein Verlust
da ich Teil der Menschen bin. Frage bitte niemals
wem die Stunde schlägt - sie schlägt dir selbst.“
Mit diesem Gedicht von John Donne beginnt die Schauspielerin Katharina Stemberger diesen Abend und beendet ihn auch später wieder. Sie ist die Moderatorin des Konzerts der Wiener Symphoniker am Wiener Heldenplatz anlässlich des 8.Mais 2014, dem Tag der Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus. Bereits zum zweiten Mal findet das „Fest der Freude“ statt, welches für Besucher_innen frei zugänglich ist. Sowohl der Befreiung vom Nationalsozialismus soll dabei gedacht werden als auch dessen Opfer und Widerstandskämpfer_innen.
Über 12.000 Menschen sind an diesem Abend auf den Heldenplatz gekommen, um das Konzert bei Einbruch der Dunkelheit zu genießen. Nur für einen kleinen Teil davon sind Sitzplätze verfügbar, die restlichen Zuhörer_innen haben sich mit Picknickdecken in das Gras des Burggartens gesetzt oder stehen hinter den Sesselreihen. Viele haben Bier oder eine Flasche Wein mitgebracht, manche sogar eine Pizzaschachtel. Einige rauchen gemütlich ihre Feierabendzigarette.
Das Konzert beginnt um 19:30 mit mehreren Redebeiträgen. Nach der Eröffnung von Katharina Stemberger betritt der Vorsitzende des Mauthausen-Komitees Willi Mernyi als erster Redner die Bühne. Das Mauthausen-Komitee Österreich ist, gemeinsam mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, der Israelischen Kultusgemeinde Wien und dem Verein Gedenkdienst, die veranstaltende Institution dieses Konzerts. „Letztes Jahr waren etwa 400 Rechtsextreme und 100 Polizist_innen auf diesem Platz. Es war ein unwürdiges Bild für den 8.Mai, den Tag der Befreiung. Ich danke Ihnen sehr, dass Sie heute hier sind!“, bedankt sich Mernyi bei allen Gästen.
Die weiteren Redner_innen gehen besonders auf die aktuelle politische Situation ein, vor allem in Hinblick auf die Europawahl am 25.Mai. Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny bezeichnet die EU als „Friedensprojekt Europa“ und ruft auf: „Denken wir daran, wofür es sich lohnt zu kämpfen!“ Auch die grüne Wiener Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou schlägt den Bogen von der Geschichte zu tagespolitischem Geschehen: „Wir wollen heute dem Beginn des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren gedenken, der den Schatten des Nationalismus über Europa gebracht hat und der heute in der Ukraine, in Ungarn, aber auch in Österreich immer noch präsent ist. Und auch andere Bevölkerungsgruppen sind von Diskriminierung betroffen.“Das Konzert soll „Ansporn, Inspiration und Kraft für weitere 365 Tage“ sein.
An diesem Tag sind verschiedenste Menschen auf dem Heldenplatz friedlich versammelt. Ältere Menschen, die in Decken gehüllt mit einer Thermoskanne auf den bereitgestellten Sesseln sitzen. Student_innen, die es sich auf der Wiese bequem gemacht haben. Paare stehen Hand in Hand, einige sind alleine hier, viele mit Freund_innen. Menschen aus den verschiedensten Kulturen sind gekommen, alle warten sie nun gemeinsam auf das Konzert. Es ist windstill und keine Wolke ist am Himmel zu sehen.
Bevor die Musiker_innen zu spielen beginnen, betritt noch Bundesjustizminister Wolfgang Brandstetter die Bühne. Er spricht über Strafen und Gesetze für Wiederbetätigung, sieht es aber als viel wichtiger, „die Jugend zu immunisieren gegen ein Gedankengut des Hasses. Prävention ist besser als Repression.“ Der vorläufig letzte Redner ist schließlich Bundeskanzler Werner Faymann. Er spricht indirekt die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der aktuellen Regierung an, betont aber, dass diese zumindest demokratisch ist und aus der Geschichte gelernt hat. Seinen kurzen Redebeitrag schließt er mit der Parole: „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“
Nach diesen Worten ertönt donnernd der Auftakt zu Ludwig van Beethovens fünfter Symphonie, der „Schicksalssymphonie“. Ein Musikstück, welches den Weg von der Nacht zum Licht beschreibt, mit dem historischen Hintergrund der Bezwingung Napoleons. Mittlerweile ist die Sonne beinahe untergegangen und die Fassade der Nationalbibliothek leuchtet im rötlichen Abendlicht. Einige Bibliotheksbesucher_innen, welche ihr Tagwerk beendet haben, gesellen sich zu den Zuschauer_innen. Neben der Bühne ist eine große Leinwand aufgebaut, welche das Geschehen vergrößert wiedergibt. Der Dirigent Bertrand de Billy macht zackige Bewegungen, während er seine Musiker_innen leicht schmunzelnd ansieht, als wolle er sagen: Da geht noch mehr! Die Geigenbögen fliegen auf der Leinwand hin und her, man sieht die konzentrierten Gesichtsausdrücke der Musiker_innen und Hände, die geschickt Saiten zupfen oder Tasten drücken. Manche Zuhörer_innen filmen das Konzert, einige machen Fotos. Das Kamerateam des ORF versucht, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Jede Lücke im Publikum wird sofort durch Nachrücken aufgefüllt.
Nach weiteren Musikstücken von Jules Massenat und Charles Gounod bittet Katharina Stemberger noch den Zeitzeugen Aba Lewit auf die Bühne, der aufgrund seines fortgeschrittenen Alters von der Nationalspräsidentin Barbara Prammer gestützt werden muss. Doch so zerbrechlich er auch anfangs wirkt, als er seine Lebensgeschichte erzählt, die von KZ und Vertreibung geprägt ist – als er auf das Heute zu sprechen kommt, wird seine Stimme laut und fest: „Ich appelliere an alle sogenannten Protestwähler_innen, die helfen, die Demokratie zu begraben. An die Menschen, die sich einen „Führer“ wünschen: Ihr wisst es gar nicht zu schätzen, was es heißt, seine Meinung sagen zu können, ohne Angst, ohne sich zu fürchten!“ Er erntet lautstarken Applaus, Barbara Prammer klopft ihm sanft auf die Schulter. Man merkt, was für ein großes Anliegen es ihm war, diese Worte loszuwerden.
Nachdem Barbara Prammer noch ein paar Dankesworte an Aba Lewit und das Publikum gerichtet hat, betreten der Tenor Piotr Beczala und die Sopranistin Sonya Yoncheva die Bühne. Mittlerweile ist es stockfinster und die Bühne und das Heldentor erstrahlen in violetter Beleuchtung. Die kräftigen Stimmen der beiden wirken im Dunkeln noch beeindruckender als bei Helligkeit. Sie bringen Arien aus verschiedenen Opern zum Besten, teilweise alleine, teilweise im Duett, wobei sie nicht nur gesanglich, sondern auch schauspielerisch ein bezauberndes Paar abgeben. Dazwischen spielt der Konzertmeister der Wiener Symphoniker Jan Pospichal ein Violinsolo. Für jede Darbietung ernten die Künstler_innen tosenden Applaus, der auch nicht verebbt, als das Konzert offiziell beendet ist. Einige Leute verlassen die Veranstaltung, um sich später nicht in die überfüllten Straßenbahnen quetschen zu müssen, die meisten jedoch rufen um Zugaben. „Das Geschehen auf der Bühne hängt direkt mit der Reaktion des Publikums zusammen“, verkündet Katharina Stemberger mit einem Augenzwinkern, worauf der Applaus anschwillt. Erneut betreten der Tenor und die Sopranistin die Bühne. Nach einigen Zugaben ist das Konzert dennoch zu Ende, Blumen werden überreicht und Standig Ovations gezollt. Nach der Schlussrede von Katharina Stemberger, in der sie das Gedicht vom Beginn noch einmal wiederholt, beenden die Symphoniker die Veranstaltung mit der „Ode an die Freude“, der offiziellen Europahymne, um noch einmal symbolisch Geschichte und Gegenwart verschmelzen zu lassen. Danach verlassen die 12.000 Menschen den Heldenplatz und die wenigen Polizist_innen, die die Veranstaltung überwacht haben, können nun ebenso friedlich nachhause gehen, wie alle anderen, die auch das Konzert genießen durften.
Dienstag, 29.4.2014: Die Stadt ohne Juden – Podiumsdiskussion mit Filmvorführung
„Hier“ ist in diesem Fall das Auditorium des Jüdischen Museums Wiens. Dort wird im Rahmen von The Vienna Project und in Zusammenarbeit mit dem Multikulturellen Zentrum Prag der Film „Die Stadt ohne Juden“ heute öffentlich vorgeführt. „Die Stadt ohne Juden“ ist ein schwarz-weißer Stummfilm, der in Wien 1924 uraufgeführt wurde. Es handelt sich um die Verfilmung eines utopischen Romans von Hugo Bettauer aus dem Jahr 1922. Bettauer distanzierte sich allerdings davon, da ihm die Verfilmung zu fehlerhaft erschien. Der Erfolg des Films blieb deutlich hinter dem des Buches zurück.
„Die Stadt ohne Juden“ behandelt ein Gedankenexperiment, bei dem die gesamte jüdische Bevölkerung aus dem Staat „Utopia“ ausgewiesen wird. Dadurch geht das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt zugrunde, bis am Ende der Beschluss rückgängig gemacht wird. Der Film setzt sich komödiantisch mit dem Antisemitismus der 1920er-Jahre auseinander, erhält jedoch aus heutiger Sicht im Hinblick auf die erschreckend genaue Zukunftsprognose des Autors einen bitteren Beigeschmack. Bereits die zeitgenössischen Aufführungen wurden teilweise durch antisemitische Gruppen gestört, obwohl der Film wie der Roman insgesamt sehr positiv aufgenommen wurden. Der Autor Hugo Bettauer wurde 1925 nach der Premiere des Films von dem NSDAP-Mitglied Otto Rothstock ermordet.
Bitter sind oft auch die Töne, die der Komponist und Musiker Hannes Löschel während der Filmvorführung seiner Hammond-Orgel entlockt. Er untermalt den Stummfilm musikalisch, in dem Text lediglich in Zwischentiteln vorkommt. Der Rhythmus orientiert sich dabei an den zackigen Bewegungen der Menschen auf der Leinwand, die Grundmelodie ist beschwingt und unterhaltsam. Bei manchen Szenen versteht es der Musiker jedoch, ihr unterschwellige Signale beizumischen: Als die Ausweisung der Jüd_innen im Parlament beschlossen wird, kann man ein leises Alarmsignal in der Melodie ausmachen, Aufruhr wird mit hektischen Tonleitern begleitet. Auch bei den Hetzreden des Bundeskanzlers Dr. Schwerdtfeger gesellen sich schiefe Akkorde zu den verbalen Misstönen. Dr. Schwerdtfeger ist dem damaligen Bundeskanzler Ignaz Seipel nachempfunden und auch die anderen Figuren sind so konzipiert, dass sie mit zeitgenössischen Personen identifiziert werden können. Als die gesamte jüdische Bevölkerung schließlich am Weihnachtsabend die Stadt verlassen muss, ist die nun traurige Begleitmelodie mit Weihnachtsliedern unterlegt.
In „Die Stadt ohne Juden“ werden viele jüdische Stereotypen dargestellt, welche für die damalige Zeit prägend waren: Jüd_innen wären so betrügerisch wie Leo Strakosch, der aus der Verbannung als vermeintlicher Franzose zurückkehrt und die Aufhebung des Judengesetzes erschwindelt. Sie wären allesamt vermögende Financiers, gegen die der Bundeskanzler mit den Worten: „Sie sitzen in den größten Banken der Welt!“ Stimmung macht. Der Film korrigiert hier allerdings den Roman, indem er die Auswanderung reicher und armer Jüd_innen gleichermaßen zeigt und so die Vielfalt der jüdischen Bevölkerung verdeutlicht.
Nach etwa einer Stunde ist der Film zu Ende, der Vorführung ist noch eine kurze Podiumsdiskussion angeschlossen. Beteiligt daran sind Georg Traska vom Institut für historische Intervention und Günter Krenn vom Filmarchiv Austria, in dem der Film nach seinem Auffinden im niederländischen Filmarchiv heute verwahrt ist. Erst 2008 wurde er als Teil der DVD-Serie „Der österreichische Film“ wieder öffentlich zugänglich gemacht. Geleitet wird die Diskussion von dem Pariser Assistenzprofessor Jérome Segal, welcher gerade ein Doktoratskolleg an der Universität Wien koordiniert und bei The Vienna Project beteiligt ist. „Der Film folgt sehr genau dem Buch“, beantwortet Georg Traska eine Frage aus dem Publikum, „das ist aber auch seine Schwäche." "Man verfilmte damals Literatur, um das Prestige des Films zu heben“, so Günter Krenn weiter.
Das Ende des Films hebt sich hingegen ab von dem Buch und ist ein wichtiges Indiz, um den Film als expressionistisch einzuordnen: Die Geschichte endet damit, dass der antisemitische Rat Bernat für unzurechnungsfähig erklärt wird und schließlich in einem Raum voller Davidsterne gefangen ist. Aus diesem Traum erwacht er am Wirtshaustisch und begreift seinen Antisemitismus als zwecklos. Der Autor von „Die Stadt ohne Juden“ konnte damals allerdings nicht ahnen, dass einige Jahre später dieser Alptraum Wirklichkeit werden würde.
11. April 2014: Grandfather Interrogations – Großvater verhört
„Ich werde nun immer ein Dokument vorlesen und möchte, dass ihr danach ein „w“ für „weniger“ oder ein „m“ für „mehr“ auf den Zettel schreibt, der auf eurem Sessel liegt“, erklärt der Künstler den Zuschauer_Innen. „Danach könnt ihr mir auch genauere Anweisungen geben, wie ich das Dokument vorlesen soll.“ Die Dokumente, die Gegenstand der Lesung sind, sind das Gestapo-Dienstzeugnis von Kurt Reichel, ein Brief an seine Eltern – das Hauptdokument - sowie Zeugenaussagen, die Menschen im Zuge des Prozesses gegen ihn nach Kriegsende machten. Die Namen werden geändert. Philipp liest die Schriftstücke langsam vor, dabei schlüpft er immer wieder in eine andere Rolle. Er plant die Lesung zu einem Ein-Personen-Theaterstück auszubauen, welches auf der Situation des Verhörs basieren soll: sein Großvater wird vor Gericht verhört, der Enkelsohn verhört seinen Großvater.
Schon bald merken die Zuschauer_innen den Zwiespalt in der Lebensgeschichte von Kurt Reichel. Da gibt es das Gestapo-Zeugnis, welches ihn als guten Beamten bezeichnet. Den Brief an die Eltern, der von der Liebe zur Familie gezeichnet ist. Die Zeugenaussagen, welche den Mann durchwegs als freundlich, zuvorkommend und „nicht so einen eingefleischten Nazi“ beschreiben, der teilweise auch Opfer gezielt protegierte. Schließlich die Fakten, die die Beteiligung des Mannes an den Verbrechen des nationalsozialistischen Systems unwiderlegbar machen. Aber auch die Tatsache, dass er einem Freund eine Ausreisebescheinigung verschaffte. Und, dass er nach dem Krieg fortlaufend Geld an jüdische Institutionen in Israel überwies. Ein Mann mit Gewissen offenbar, mit Mitgefühl, Liebe - aber dennoch ein Gestapo-Beamter. „Ich kann Begriffe wie Gut und Böse nicht mehr fassen. Menschlichkeit, was ist das?“, fragt Philipp. Nach der Lesung bittet er das Publikum, Fragen zu stellen, eine Diskussion zu eröffnen. „Was hätte ich selbst getan?“, stellt sich der Künstler selbst die Frage, die in solchen Situationen irgendwann unweigerlich auftaucht. „Ich wäre, um ehrlich zu sein, vermutlich auch nicht selbstverständlich im Widerstand gewesen.“ In dem Brief an seine Eltern kurz vor Kriegsende schreibt Philipps Großvater über die Schuld, aber auch die persönlichen Vorteile durch seine NSDAP-Mitgliedschaft und die Hoffnung auf eine neue Existenz. Über seine Abschätzigkeit gegenüber Hitler und jene fehlgeleitete Ideologie, der er, wie so viele andere, erlag. „Wie ich einst diesen falschen Trauben verfallen [bin; Anmerkung M.L.]“, so lautet das Zitat. „Ich würde meinem Großvater gerne so viele Fragen stellen“, sagt Philipp. Doch grundsätzlich ist das Leben seines Großvaters für ihn ein fremdes Schicksal. Außer den Namen und das Foto hat er zu diesem Menschen keinen tieferen Bezug.
Am Ende von Kurt Reichels Brief an seine Eltern steht der Satz: „Wo liegt die Schuld?“. Diese Frage kann auch in dieser Performance nicht beantwortet werden. Sie zeigt lediglich die Relativität von Begriffen wie Gut, Böse, Mut oder Menschlichkeit, die, wie Philipp sagt, ihm „mittlerweile im Mund zerfallen.“
Montag, 7.4. 2014: “Highlights of the Vienna Ringstraße”
Etwa zehn Personen versammeln sich an diesem Nachmittag, um auf der Wiener Ringstraße die Spuren des NS-Terrors nachzuverfolgen. Sieben Plätze stehen auf den Programm: der Resselpark, die Oper, das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus am Helmut-Zilk-Platz, der Heldenplatz, das Naturhistorische Museum, das Parlament und die Universität. Der Resselpark war zur Zeit des Nationalsozialismus ein beliebter Treffpunkt für Homosexuelle und deshalb auch ein besonderer Ort für deren Verfolgung. Die Stiefmütterchen, die dort im März zu ihrem Andenken gepflanzt wurden, sind mittlerweile leider verschwunden. Doch die Sprays sind noch an allen Orten vorhanden.
Vom Resselpark geht es weiter zur Oper. Hier wurde zuerst jüdischen Künstler_Innen, danach auch jüdischen Zuschauer_Innen der Zugang verwehrt. So wurden sie vom kulturellen Leben Wiens ausgeschlossen. Die Wiener Philharmoniker bestanden damals etwa zur Hälfte aus NSDAP-Mitgliedern, ein Teil des Orchesters war allerdings auch jüdisch. Deshalb mussten gewisse „Spezialregeln“ erfunden werden, um einige jüdische Musiker behalten zu können, da sich sonst das ganze Orchester aufgelöst hätte.
Die dritte Station ist das „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ von Alfred Hrdlicka am Helmut-Zilk-Platz hinter der Oper. Der/die Betrachter_In beschreitet den „Weg der Hölle“ zwischen einer Skulptur für die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und einer Skulptur für alle Opfer des Krieges. Dahinter befindet sich die bronzene Statue eines straßenschrubbenden Juden, die in der Vergangenheit aufgrund ihrer Stereotypisierung auch viel Kritik hervorgerufen hat. Der letzte Teil des Mahnmals ist eine Statue Odysseus‘, welche ein Andenken für die Opfer der Bombardierungen und des Widerstands symbolisiert.
Entlang dem Ring erreichen wir nun die Orte fünf und sechs: Zuerst den Heldenplatz, auf dem Adolf Hitler vom Balkon der Nationalbibliothek seine Kundgebungen vor über 200.000 Menschen abgehalten hat. Anschließend das Naturhistorische Museum, in welchem damals zu Propagandazwecken versucht wurde, auf „wissenschaftliche“ Weise die Andersartigkeit von Juden und Jüdinnen darzustellen und der Öffentlichkeit eingängig zu machen. Auch Roma und Sinti wurden als andere „Rasse“ betrachtet, die sich klar von den Ariern unterschied.
Die vorletzte Station ist das Parlament, welches zur Zeit des Nationalsozialismus zum „Gauhaus“ degradiert worden war. Hier wurden Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach nationalsozialistischem Recht legalisiert. Die Tour endet schließlich vor der Universität, in der Hetzjagden auf jüdische Student_innen und Professor_innen abgehalten wurden. 45% der Professor_innen und 42% der Student_innen waren jüdisch. Etwa 200 jüdischen Student_innen wurden ihre Diplome entzogen. Heute befindet sich im Hauptgebäude der Universität auf der Stiege eine Messingtafel, die an diese Vorfälle erinnern soll.