Jetzt verstärkt, aber eigentlich schon eine ganze Weile, ist der Status der Wahrheit in und für unsere Gesellschaft stark umkämpft. Kein Wunder eigentlich, denn insbesondere von französischen Philosophen haben wir gelernt, dass unser Wissen und unsere Wahrnehmung zu beschränkt sind, um eine absolute Wahrheit zu erfahren - falls diese überhaupt existieren könne. Ein Ereignis ist vielleicht wirklich nur dann wahrhaftig wahr, während es passiert und also noch gar nicht zum Ereignis geronnen ist, sondern eher ein Geschehen ist, von dem man nicht weiß, wohin es führt: Es ist voller Wahrheit, aber ohne Wissen, und wird retrospektiv mit Wissen angereichert, während sein Wahrheitsgehalt verschwimmt.
In gewissem Sinne ist das auch die zentrale Problemstellung vieler Filme - wenn nicht aller, wenn man an das Diktum von 24 Lügen in der Sekunde denkt. So explizit wie seinerzeit Rashomon (Akira Kurosawa, 1950) zeigen dies aber nicht viele Werke - bis auf vielleicht ganz aktuell American Animals (Bart Layton, 2018). Hier beschließen vier wohlstandsverwahrloste Studenten aus Kentucky mehrere wertvolle Bücher aus ihrer Universitätsbibliothek zu stehlen. Getrieben von ihrer Sehnsucht nach einem besonderen Ereignis in ihrem Leben und inspiriert von zahlreichen Heist-Movies begehen sie schließlich den unbeholfensten Kunstraub der Geschichte.
Layton und sein Kameramann Ole Bratt Birkeland erzählen diese waghalsige Geschichte nicht nur in hervorragend ausbalancierten und geschmeidig choreographierten Bildern, sondern lassen auch die echten Protagonisten zu Wort kommen und ihre je eigene Version der Ereignisse schildern. So entsteht ein aufregendes Wechselspiel zwischen Dokumentation und Inszenierung, zwischen Wissen und Erinnerung, Wahrheit und Fiktion. Was von dem, was sie erzählen, haben die vier Jungs wirklich gemacht und was macht der Regisseur aus diesen Erinnerungen? Wir sehen immer nur Versionen der Wahrheit und American Animals inszeniert diese Tat-Sache mit einer unerwarteten Verve, die den Film zu einem großen Vergnügen macht.












