“Die ganze Filmgeschichte ist eigentlich ein Arsenal an hochkomplexen Apparaten, die man nur in Betrieb zu setzen braucht, damit sie uns das zu sehen geben, was wir nicht vorhersehen konnten.”
Mit diesem Satz beendet Johannes Binotto den Text “Unvorhersehbares” (2018) aus seiner jüngst im Schüren Verlag erschienenen Essaysammlung “Wahrnehmung Stören". Und so wie seiner Meinung nach die Filmgeschichte zu verstehen ist, funktioniert auch Binottos Buch: Als Sammlung von Texte, die uns Filme neu sehen lassen.
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Das Buch enthält 19 Essays aus 15 Jahren, allesamt ursprünglich in der schweizerischen Filmzeitschrift “Filmbulletin” erschienen, für die Binotto seit 2002 schreibt. Sie beschäftigen sich mal mit einzelnen Filmemachern oder Genres, mal mit Erzähltechniken oder gar mit Film- und Medientechnologie. Ein breites Spektrum, das nicht darauf aus ist, irgendeinen dieser Aspekte erschöpfend zu erschließen, sondern Schlaglichter auf Möglichkeiten eines neuen Sehens oder alternativer Interpretationen wirft. Johannes Binotto geht dabei keineswegs wissenschaftlich, sondern essayistisch vor, was seine Texte leicht lesbar und gut zugänglich macht. Ausgehend von einer Idee oder einem Schlagwort spannt er assoziative Netze auf, die beispielsweise die unterschiedlichen Ausprägungen von Ekel im Film oder der Oberflächlichkeit des amerikanischen Kinos der 1980er Jahre aufzeigen.
Johannes Binotto ist Kultur- und Medienwissenschaftler und als Dozent an der Hochschule Luzern tätig. Diesen akademischen Hintergrund merkt man den Texten auch durchaus an. Aus den Kulturwissenschaften bekannte Themenbereiche wie das Abjekte oder Liminalität sowie vertraute Autor*innen – von Freud über Foucault bis Irigaray – tauchen immer wieder auf. Diese Vorkenntnis ist jedoch keinesfalls für das Textverständnis nötig. Vielmehr funktioniert das Namedropping als Wegweiser zu neuen, anderen Gedanken und nicht etwa als Stolperstein, der das Lesevergnügen stört. Wenn Binotto also im Text über die Oberflächlichkeit des amerikanischen Kinos der 1980er Jahre den Begriff “Simulation” erklärt und sich dabei auf Baudrillard bezieht, dann tut er das so fesselnd und einleuchtend, dass ich einfach Lust bekomme, “Der symbolische Tausch und der Tod” aus meinem Bücherregal zu ziehen und es endlich zu lesen.
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Johannes Binottos “Wahrnehmung Stören – Essays zu Film und Kino” ist im Schüren Verlag erschienen, in der Edition Filmbulletin. Es ist der mittlerweile sechste Band der Reihe, doch, soweit ich sehen kann, der erste, der sich nicht mit rein schweizerischen Themen beschäftigt. Schweizerisch ist allerdings das Layout des Buches: sauber gesetzt, klar strukturiert und effizient gestaltet. Auf den 320 Seiten sind zahlreiche Abbildungen zu finden, die einen kleinen visuellen Eindruck der erwähnten Filme vermitteln. Die enthaltenen 19 Texte sind zuerst zwischen 2005 und 2020 veröffentlicht worden und können in jeder beliebigen Reihenfolge gelesen werden. Wobei es durchaus sinnvoll wäre, mit dem zweiten Text (zum Thema Filmbildung) zu beginnen, denn hier wird anschaulich dargelegt, was Binotto mit “Wahrnehmung Stören” im Sinn hat.
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Johannes Binotto: “Wahrnehmung Stören – Essays zu Film und Kino”
Schüren Verlag, 320 Seiten, 30,– €
ISBN 978-3-7410-0485-8















