Allerseelenwanderung auf Dorffriedhöfen
Allerseelen ist nicht nur ein Tag des Gedenkens, sondern auch ein Tag der Versöhnung zwischen Leben und Tod. Wenn wir durch die Gräberreihen schreiten und die Ruhestätten unserer Lieben aufsuchen, dann kommt uns, je inniger wir ihrer gedenken, umso deutlicher zu Bewußtsein: sie schlafen den ewigen Schlaf, ja, aber sie sind nicht tot, sie leben in unseren Herzen. Wenn wir durch die Gräberreihen schreiten und uns die Inschriften auf den Grabkreuzen und -steinen zu Gemüte führen, spricht viel Versöhnung zu uns, bisweilen auch mit einem leisen Lächeln. Fast auf jedem Friedhof findet man Grabinschriften, die meist ungewollt, bisweilen aber auch mit Voller Absicht, ihren ernsten Zweck mit einem heiteren Ton verbinden. Ein eifriger Sammler origineller Grabinschriften war Peter Rosegger, aus dessen literarischen Nachlaß die nachstehenden Proben stammen.
Hier liegt begraben mein Weib, Gott sei Dank,
sie hat ewig mit mir zankt,
drum, lieber Leser, geh von hier,
sonst steht sie auf und zankt mit dir!
(Hall in Tirol.)
Hinter dieses Kirchhofs Gittern
liegt Hans Klaus,
er trank manch Bittern —
verkündete einst eine Grabinschrift auf einem Friedhof nächst Ödenburg in großen Lettern mit der kaum sichtbaren Schlußzeile in kleiner Schrift „Kelch des Leidens aus“.
Ein jeder müde Mensch,
wenn man ins Grab ihn legt,
läßt noch ein Kreuz zurück,
das seinen Namen trägt:
Die trauernde Witwe.
Hier in diesem Grabesloch
liegt unser braver Meister Koch,
er aß gern Kraut und Rettich,
Gott sei seiner Seele gnädig.
(Salzburg.)
Hier ruht in Gott
der verstorbene St. Gilgner Bot,
sei ihm gnädig, o Herr,
so wie ers auch wär,
wenn er wäre Gott
und du der St. Gilgner Bot.
(St. Gilgen.)
Was in der andern Welt ist; Wie oft
hab ichs gesagt und konnts nicht wissen,
jetzt weiß ichs und — kanns nicht sagen.
(Grabmal eines Predigers auf einem
Dorffriedhof bei Klagenfurt.)
Lieber Engel, wenn du kommst am Jüngsten Tage,
um mich zu wecken aus dem Todesschlafe,
ich lieg nicht just hier unterm Kreuz,
such eine Klafter und Schuh fünfe rechterseits.
(Traunkreis.)
Hier ruht der ehrsame Johannes
Misegger, er ist auf der Hirschjagd durch
einen unvorsichtigen Schuß erschossen
worden aus aufrichtiger Freundschaft von
seinem Schwager Anton Sieger.
(Lavanttal.)