Tag 616 / Ich kapituliere
'„Warum trinkst du immer so viel?“
„
Weil ich Alkoholiker bin.“
Die Antwort ist ganz einfach.
Ein Alkoholiker trinkt. Das ist der normale Zustand.
Ein Alkoholiker der nicht trinkt, ist etwas ganz Besonderes.'
Heute ist da plötzlich eine Frau bei AA. Sie ist neu. Zweieinhalb Jahre war sie trocken. Jetzt steckt sie gerade im Rückfall. Ihre Tochter hat sie angefleht: „Tu endlich was dagegen! Ich halt das nicht mehr aus!“
Ohne sozialen Druck hätten zwei andere Anwesende auch nicht angefangen mit dem Aufhören.
Ohne Gruppe würde es keiner von uns (lange) schaffen.
„Alleine schafft man es nicht. Das sagen die Statistiken ganz eindeutig.“
Ein neuer Mensch bei AA ist immer ein Highlight. Egal, ob man 20 Jahre oder 20 Monate trocken ist. Wenn die Gruppe weiß, dass jemand das erste Mal bei AA ist, dann variiert der Ablauf des Meetings, dann ändern sich die Aussagen aller.
Wir erinnern uns, warum wir wann und wie kapitulierten.
Ich erinnere mich.
Ich teile „Erfahrung, Kraft und Hoffnung“.
Dass ich zwei Entgiftungen gemacht habe und ich seit dem dritten Aufhörversuch bis heute trocken bin.
Dass die Psychologin hier in der Rehaklinik mich fragte, wieso es dann funktionierte. Und ich ihr antwortete: „Vermutlich hat das, was fünf Monate lang bei AA gesagt und vorgelebt wurde, in mir gearbeitet, gewirkt.“
Dass die ersten Tage und Wochen und Monate schwer waren, und dass da unheimlich „Nur für heute“ geholfen hat. Dass ich das aber erstmal kapieren musste, dass es ja immer nur um 24 trockene Stunden geht. Und dass morgen ist ein neues Heute ist.
So unverbunden bin ich mit dem Programm gar nicht wie ich manchmal glaube.
Ich habe mich ans Angenommenwerden erinnert. Dass keiner einen Krankenschein mit Diagnose sehen wollte, ob ich wirklich Alkoholikerin bin. Dass keiner fragt: „Hast du gestern getrunken? Wirst du morgen trinken?“
Dass Trockenheit an erster Stelle steht, wie es Ignatius erst heute wieder smste.
Dass ich nicht glauben wollte, dass so vieles Negative, Destruktive, Beschissene am Alkohol liegt.
Dass ich erlebe wie die AA-Versprechen wahr werden. Unter anderem, weil ich hier reden kann, weil ich Freiheit spüre - befreit vom Zwang des Trinkens.
Heute ging einer mit Bier an mir vorbei und ich dachte, dass ich ihm das lasse. Ich spürte endlich mal wieder keine Abwehr, sondern Gelassenheit. War mit mir im Reinen, dass das nicht mein Getränk ist, wie Zwiebelsaft auch nicht mein Getränk ist.
Ich habe wieder einmal neue Zahlen gehört. („Das erste, schwerste Jahr...“, „Die ersten fünf sind zum Üben...“)
Heute hieß es, die ersten drei, vier Jahre sei noch viel Kämpfenmüssen, um trocken zu bleiben; dann aber setze Zufriedenheit ein.
Ich kapitulierte, ich kapituliere, ich werde kapitulieren