Tag 740 / Der Hermannplatz erstrahlt in neuem Glanz.
Entweder Wattzahl erhöht, Lampen geputzt, oder beides.
Mich zu Shirley Bassey's "I will survive" im Supermarkt um Flaschen herum tanzen sehen.
Hausarzttermin eher frustrierend. Bagatellisierung meiner Fettleber, meines vibrierendes Beines, meiner sonstigen Beschwerden.
"Der Rückfall könnte das letzte sein, was ich tue."
Eindringlicher Satz eines Nachsorgegruppenmitgliedes.
Niemanden mehr anrufen können, keinen Blogeintrag "Tag 0" mehr schreiben.
Den einen hat bei seinem Entwöhnungsklinik-Ehemaligentreffen überrascht, wie viele und wer rückfällig wurde. Einige, die in der Therapie so stabil wirkten. Einige, die gar nicht rauskommen, es nicht zurück in die Abstinenz schaffen. Einige, die alles in den Wind schießen - Adaption, Familienversöhnung, erneute Entgiftung.
Ich realisiere jetzt, 14 Monate nach Entlassung aus meiner Langzeittherapie in einer ganz anderen Bedeutungsdimension, was die meinten mit "Hier kann nur der Grundstein gelegt, die Richtung gezeigt werden."
Als ich in der ZDF-Doku sah, dass von den portraitierten Alkoholikern nur der eine trocken blieb, wurde mir genau wie dank des Jenke-Experiments bewusst, wie dünn das Seil war, der Boden.
Das Seil, der Boden, sie werden wohl dicker im Laufe angesammelter Monate. Aber einbruch- und absturzsicher ist das bei weitem nicht.
Von außen und von innen kann das morsch werden.
Mir haben heute vier Männer nachträglich zum Geburtstag gratuliert.
Zwei mich sogar umarmt.
Und mir war das nicht mal unangenehm.
Ist doch schön, wenn die Schlange stehen.
Waren ja junge Männer.
Die hätten gerne fragen dürfen: "Wie alt?",
weil ich gerne wüsste, ob sie mich auch 10 Jahre jünger schätzen wie der eine über 50-Jährige letzte Woche.
Bei dem Anlass hat mich auch der Beau sehr intensiv umarmt, übern Rücken gestreichelt, lange gedrückt, hin und her gewogen.
Hat null Kribbeln ausgelöst in mir.
Er ist mir einfach zu schön.
Als heute viel die Rede von Partnerschaft, von Beziehungen, von Freund-Freundin, Ehemann-Ehefrau war, hab ich mich eine Weile weggeträumt. Kann ich nichts zu sagen.
Hab mir mich und meinen lockigen, großen Freund in meiner Küche vorgestellt. Wie ich Spiegeleier brate und er mich von hinten umarmt. Wie wir in meinem Bett kuscheln. Wie er mich fragt, ob wir heute in den Tierpark wollen. Dass wir uns miteinander wohlfühlen, war das Zentrale.
Der eine in der Gruppe wird ungeplant Vater. Das sollte mir mal passieren. Dazu gehört jedoch Geschlechtsverkehr. Und diesbezüglich herrscht unfreiwillige Abstinenz. Für den einen Onlinekontakt, mit dem ich's mir hätte vorstellen können, "passte es optisch nicht so", mein Gesicht. Hat mich aber nicht sonderlich gekränkt. Kann ja nicht jedem gefallen. Mir gefallen ja auch nicht alle Männergesichter. Nur extrem bedauert habe ich den dadurch nicht stattfindenden Sex.
Viel Augenschmerzen in den letzten Tagen.
Wie schnell schreitet Kurzsichtigkeit fort?
Zwei, drei Typen in der Gruppe fühlen sich für meinen Eindruck zu wohl in der Opferrolle.
Ich war kurz davor, dem einen zu sagen, er solle mal aufhören mit seinem Selbstmitleid-Gesülze.
Hab dann aber recht konstruktiv von "Verantwortung für sich selbst übernehmen", "Trocken bleiben: Fulltime Job" und "Menschen sowie Situationen meiden, die Druck auslösen" gesprochen.
Ich denke, mindestens zwei fanden es schade, dass nächste Woche meine letzte Nachsorge ist.
Ich bin erleichtert, wenn's vorbei ist.
Obwohl ich weiß, dass für mich 40 Nachsorgegruppensitzungen wichtig waren.
Keiner geht austherapiert, geheilt aus der Klinik.
Und wie die Leitung das anmerkte, manchmal ist es schwerer für das Umfeld zu verstehen als für einen selbst, dass das jeden verdammten Tag weitergeht mit der Abstinenztherapie:
Kapitulation
Achtsamkeit
Selbstfürsorge.
Jeden Tag nur für heute trocken bleiben.