„Das ist eine Katastrophe. Sie wissen ja gar nicht, wie viele Jahre der Forschung in diesem Tier stecken,“ sagte der Techniker leise.
„Ich suche ihn. Sie kommen mit. Aber bleiben Sie immer drei Schritte vor mir, dass ich Sie im Blick behalten kann.“ Die Vorstellung, Malinowski diesem Mann zu überlassen, gefiel mir nicht. Ich plante daher, zunächst den Kater zu finden und ihn schließlich dem Zugriff des Technikers zu entziehen.
Ein drittes Mal innerhalb weniger Stunden durchforstete ich die gesamte Anlage, doch wie beim letzten Mal blieb der Kater unauffindbar. Der Techniker wurde mit jedem Schritt unruhiger und berichtete mir, er habe Malinowski gerade für den Transport verstauen wollen, als meine Ankunftsdurchsage einige Stunden zuvor ihn ablenkte und das Tier ihm entwischte. Der Atem des Technikers ging flach und stoßhaft, seine Augen zitterten in ihren Höhlen. Schließlich führte unsere Suche uns in die Eingangshütte der Basis. Dort, am Ende des Flurs, erkannte ich einen schwarzen Streifen. Nacht. Die Tür, die aus der Basis führte, lag nicht im Schloss.
„Oh nein,“ sagte der Techniker und stürmte nach draußen.
„Warten Sie,“ rief ich. Er trug nur seinen Overall, innerhalb kurzer Zeit würde er draußen im Schnee erfrieren. Ich rannte ihm nach, doch es war zu spät. Nirgends hinter den dichten Vorhängen aus Schneetreiben konnte ich den Techniker erkennen.
„Pawlowitsch,“ schrie ich in die Nacht hinein. Ich rannte zurück in den Wohnraum und entnahm aus meinem Rucksack eine starke Taschenlampe. Mit ihr begab ich mich auf die Suche nach Kater und Techniker. Doch auch mit diesem Hilfsmittel musste ich mein Vorhaben bald aufgeben. Wie sehr ich auch den Namen des Technikers schrie, Wind und Schnee regierten mittlerweile so stark, dass meine Stimme nur wenige Meter weit getragen wurde. Auch meine Sicht war stark eingeschränkt, sodass ich mich bald am Gitterzaun der Station fand. Mein Atem wurde stoßhafter, meine Magengegend begann zu schmerzen. Ich konnte in der eindringlichen Kälte kaum noch einen klaren Gedanken fassen und so drehte ich mich um und suchte den Weg zum bunkerartigen Eingang. Ich sah mich schon gefroren in der Eiswüste liegen, da fand ich endlich das Schneemobil wieder und tastete mich bald zu den Türen der Basis.
Zurück in der Station wartete ich solange, wie es mir möglich war. Ich sparte etwas Diesel für die Rückfahrt mit dem Schneemobil und löschte alle Lichter und deaktivierte jedes noch so kleine Gerät. So verblieb ich noch viele Stunden in der Dunkelheit des Bunkers, bis schließlich die Heizung ausfiel. Ich war gezwungen aufzugeben und so packte ich resigniert meine Sachen.
Bevor ich mich zum Schneemobil aufmachte, ging ich ein letztes Mal den langen Weg nach unten, vorbei am nun vollkommen stillen Generatorraum, hin zum Labor. Ich hoffte, doch noch herauszufinden, was hier in Wirklichkeit vorgefallen war und warum ein einzelner Kater derart wichtig sein konnte.
Die Taschenlampe brannte Helligkeit in den Raum und ich erkannte, dass ein Bereich vom Labor abgetrennt war. Hinter einer Tür erwarteten mich groteske Körper, die einmal normale Tiere gewesen sein mochten. Hier und da erkannte Augen oder Krallen ich in den starren Fleischexplosionen, welche die Formaldehydgläser des Raumes füllten. Meine Kraft hatte mich nun nahezu vollständig verlassen.
Ich fand noch Aufzeichnungen, die ich kaum verstehen konnte. In einigen wurde der Name Malinowski erwähnt. An anderen Stellen hieß es, man habe einem Subjekt erfolgreich etwas hinzugefügt und die Worte 'Krankheit' und 'biologischer Kampfstoff' fielen mir auf. Bilder formten sich. Soldaten, schwer bewaffnet für eine eigentlich unwichtige Raketenbasis. Techniker, die niemals wirklich gebraucht wurden. Die Gerüchte, die langsam aber stetig die Runde machten über etwas Geheimnisvolles, das im zusätzlichen Stockwerk vor sich ging. Ein wachsendes Kratzen an den Hirnen der stationierten Militärs, das sich zu echter Angst entwickelte.
In der Dunkelheit des Tals stehend fragte ich mich, ob in dieser entlegenen Ecke der Welt jemals der Tag anbrechen würde. Mit meiner Taschenlampe leuchtete ich ein letztes Mal in die mich umgebende Nacht hinein und füllte schließlich den verbliebenen Treibstoff in das Schneemobil. Am Hafen bat ich um Einsicht in die hinterlegte Liste der Stationierten, doch ein Techniker namens Pawlowitsch war nicht verzeichnet. Auf dem Schiff Richtung Heimat konnte ich zwei Bilder nicht aus meinem Kopf verdrängen. Pawlowitsch, wie er in die Nacht hineinrannte. Und einen blauen Kater im Schnee, erfroren und unfassbar krank.
Der Vorteil an der Arbeit eines Abrüstungsinspektors besteht darin, dass man sich schnell an neue Räumlichkeiten gewöhnt und einen guten Orientierungssinn schult. So dauerte es nicht besonders lange, bis ich alle Etagen der unterirdischen Basis durchsucht hatte. Ich drang immer tiefer in das Erdreich ein, doch von Malinowski fehlte jegliche Spur. Ich wollte schon aufgeben, da bemerkte ich, dass noch einige Stufen weiter vom Eingang zur untersten Etage eine Tür halb geöffnet vom Treppenhaus ausging. Neugierig näherte ich mich der Tür und schob sie beiseite. Hinter ihr befanden sich weitere Treppen, die noch einige Meter tiefer in den Boden führten. In Gedanken rief ich den Etagenplan der Station auf. Der Generator sollte sich ganz unten befinden, darunter gab es nur noch Steine und Erde. Zumindest zufolge des offiziellen Plans. Ich ging nach unten.
Angekommen erwartete mich eine Stahltür, die es laut Plan nicht hätte geben dürfen. Hinter ihr wurde ich umschlang gleißendes Licht all meine Sinne. Nichts erinnerte hier mehr an die militärische Einrichtung, aus der ich gerade kam. Hier, in diesem großen Raum unter Tage, regierten Licht, Glas und penible Sauberkeit. Ich hatte ein im Vergleich zum Rest der Basis riesiges und hochmodernes Labor betreten, das weit über die Ausstattung einer normalen Krankenstation hinausreichte. Kaum war ich eingetreten, drehte sich der einzig sonst Anwesende mit aufgerissenen Augen zu mir.
„Pawlowitsch!“ Der Techniker trug nach wie vor seinen zu alten Overall. In einer Hand hielt er eine Spritze. Er war zu einem Monument menschlicher Bewegungslosigkeit erstarrt, sein Mund stand offen. Als er endlich begann, nach Luft zu schnappen, sah ich das, was auf dem Tisch vor ihm lag: der reglose Malinowski, offensichtlich betäubt. Jetzt merkte ich, dass die Spritze in der Hand des Technikers leer war.
„Was tun Sie? Was haben Sie mit dem Tier vor?“
„Mein guter Herr Tank, Sie...“
Ehe er seinen Satz beenden konnte, war ich zwischen ihn und den Tisch getreten und nahm den Kater an mich. Ein schlaffer Malinowski hing nun in meinen Armen, der noch in der Traumwelt zwischen Leben und Tod stromerte.
„Nein!“ Endlich war der Techniker wieder erwacht und ging auf mich los. Ohne darüber nachzudenken machte ich einige Ausfallschritte, verlagerte Malinowski, sodass ich wieder einen Arm frei hatte und presste den Hals des Technikers gegen die Wand.
„Was geht hier vor? Ganz in Ruhe,“ sagte ich. „Kann ich Sie wieder loslassen?“
Der Techniker nickte atemlos. Ich löste meinen Griff, er sank zu Boden und ließ die Spritze fallen. Ich setzte mich. Malinowski schlief nach wie vor, weshalb ich ihn auf dem Tisch neben mir platzierte.
„Erklären Sie sich,“ befahl ich.
„Die Gelder sind gestrichen und der Krieg neigt sich dem Ende entgegen.“
Mit einer Handbewegung signalisierte ich, dass er sich kurz fassen möge und deutete ihm, er solle sich auf dem Stuhl niederlassen, der in einiger Entfernung von mir und dem Kater stand.
„Sehr wohl. Nun, sehen Sie sich um. Erinnern Sie sich an den Rest der Basis? An ihren traurigen Zustand? Selbst wenn Mutter Russland nicht mehr das ist, was sie einmal war, ist es nicht so schlimm um uns bestellt, wie man nun glauben könnte. Tatsächlich war die Raketenbasis nur Fassade. Ein sofort nach seiner Inbetriebnahme veralteter Außenposten mit nur zwei Raketen, die nicht einmal nuklear sind? Dafür interessiert sich kein...“ Der Techniker brach ab, sein Blick war plötzlich starr auf den Tisch gerichtet.
Die letzte Ebene, sie hatte zuvor die Wohneinheit und Waschräume beherbergt, war jetzt nur noch mit einem Feldbett ausgestattet. „Für Sie. Es war ein langer Tag. Ruhen wir uns aus, ehe wir morgen zum Hafen fahren,“ sagte der Techniker.
Ich hatte nichts einzuwenden. Laut meiner Uhr waren nahezu sieben Stunden vergangen, doch unter Tage verlor ich jegliches Zeitgefühl. Nun spürte ich allerdings, dass mein Körper gegen jede weitere noch so kleine Anstrengung protestieren würde. Ich sank sofort auf das harte Bett, musste jedoch noch Haltung bewahren, da der Techniker mich nicht sofort meinem Schlaf überließ. Erst unternahm er einen letzten Versuch, Malinowski zu fassen zu bekommen. Der Kater quittierte dies mit einer plötzlichen Entladung seiner über viele Stunden aufgeladene Missgunst, indem er dem Techniker einen Hieb auf dessen rechte Hand versetzte.
„Verflucht! Blödes Mistvieh, verdammtes!“
Der Techniker und ich sahen uns an. Noch loderte es in seinen Augen, doch bereits eine Sekunde später hatte er sich wieder gefangen. Er lachte und fragte, ob ich etwas gegen die Gesellschaft hätte, wobei er auf Malinowski zeigte, der sich bereits wieder auf meinem Schoß eingerollt hatte. Ich meinte, dass es mir nichts ausmache und so wünschte mir der Techniker geruhsame Stunden und schloss die Tür der Wohnkammer. An der Innenseite der Tür hing einsam ein vergessenes Bild, dessen Ränder sich bereits vor Feuchtigkeit wellten. Auf der Fotografie war eine dunkelhaarige Frau in einem schlichten Kleid auf einer Theaterbühne zu sehen. Offensichtlich sang sie gerade, als das Foto für das Poster gemacht worden war. Eine interessante und äußerst Motivwahl für eine männderdominierte und äußerst abgelegene Militärstation. Ich verliebte mich augenblicklich. Nachdem ich das Licht gelöscht und mich hingelegt hatte, spürte ich gleich das Gewicht meines pelzigen Freundes auf der Brust. Malinowskis unrhythmisches Schnurren erfüllte die Kammer.
Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen war. Plötzlich wurde ich von dem Geräusch der ins Schloss zurückfallenden Tür geweckt.
„Pawlowitsch? Sind Sie das?“ Meine Stimme hörte sich so müde an, wie mein Körper sich noch fühlte. Lange konnte ich nicht geschlafen haben, schloss ich.
Ich stand auf und zog mir meine Schuhe an. Der Rest meiner Kleidung fühlte sich schon jetzt, nur wenige Stunden innerhalb des Bunkers, feucht, kalt und modrig an. Ich schlug mir zweimal gegen das Gesicht und wartete, bis meine Augen richtig aufgewacht waren. Als ich das Licht angeschaltet hatte, sah ich, dass Malinowski nicht mehr im Raum war. Etwas zog in mir. Der Kater konnte sich allzu leicht verstecken und schließlich nicht mehr rechtzeitig vor unserer Abfahrt gefunden werden, was seinen Kältetod garantieren würde. Es wäre besser, ihn jetzt gleich zu suchen, beschloss ich und so verließ ich die karge Kammer, nachdem ich mich wieder komplett mit meiner Winterkleidung ausgestattet hatte.
Der Aufzug kam nicht. Entweder hatte Pawlowitsch beschlossen, ihn auszuschalten oder dergleichen war aufgrund der nachlassenden Stromversorgung von alleine geschehen. Mein Seufzen erfüllte den Flur und ich wandte mich der Treppe zu. Ich betrat diese zum ersten Mal seit meinem Aufenthalt und auch hier präsentierte sich, wie im Rest der Basis, eine Gestaltung, welche militärische Zweckmäßigkeit über alles stellte.
Wunderbar, dachte ich. Nun standich also auch noch unter Zeitdruck. Ich hoffte, dass alles gemäß den Vorgaben aufgegeben und abgebaut wurde. Meine Hoffnung hierauf war allerdings nicht sehr groß. Notfalls würde ich einige Vorgaben ignorieren oder subjektiver auslegen müssen. Von anderen Inspektoren hatte ich gehört, dass auch sie darauf angewiesen waren, nicht alles zu genau zu nehmen, wollten sie ihre Heimat jemals wiedersehen. Plötzlich fiel ein Gewicht auf meinen Schoß. Ich blickte nach unten und sah auf einen Berg von blau glänzendem Fell, der es sich gerade auf mir gemütlich machte. Das Ding atmete für etwas seiner Größe laut und schwer.
„Malinowski!“ Der Techniker war aufgesprungen und griff das Bündel Tier.
„Was ist das,“ fragte ich. Doch es war mehr eine rhetorische Frage. Offensichtlich handelte es sich bei Malinowski um eine dicke, blauschwarze Katze. In den Händen des Technikers wirkte sie äußerst unzufrieden. „Was ich meine ist: was macht das Tier hier,“ korrigierte ich mich.
„Malinowski ist, wie soll ich sagen, unser Maskottchen hier.“ Der Techniker hielt die Katze weiterhin fest, doch schaffte diese es schließlich, sich ihm zu entwinden. Sie landete auf dem Boden und hopste zurück in meinen Schoß, wo sie anfing, sich zu putzen. Der Techniker starrte das Tier an.
„Die meisten hatten Angst vor ihm,“ sagte er.
„Warum das?“
„Strahlung, wegen der Strahlung. Ungezogene kleine Kater kommen leicht in die entferntesten Winkel und wer weiß, was er mittlerweile allem ausgesetzt war. Nicht unbedingt der gebildetste Menschenschlag, der hierhin versetzt wurde. Also, wenn Sie mögen, nehme ich Ihnen das Tier gerne ab.“ Schon streckte er seine Hände aus. Irgendetwas mißfiel mir an seiner Aussage und ich legte einen Arm über das Tier.
„Das ist schon in Ordnung,“ sagte ich. Innerlich schüttelte ich das Bild von einem blauschwarzen Kater, der an nuklearem Kampfstoff knabberte, von mir ab und streichelte das Tier auf meinen Beinen. In den nächsten Stunden führte uns die Checkliste, abgesehen vom flurartigen Eingang in den Komplex, durch alle der sieben Ebenen.
Im sechsten Untergeschoss befand sich der große laute Dieselgenerator, ein mächtiges Rohr beförderte die entstehenden Abgase durch die restlichen Stockwerke und schließlich nach draußen. Die darüber liegende Ebene beherbergte die Werkstatt, in welcher hauptsächlich Raketenteile zusammengefügt wurden. Der Techniker berichtete, dass die Werkstatt nur selten zum Einsatz gekommen war, insgesamt wurde die Basis in den letzten dreißig Jahren mit zwei Raketen ausgestattet und von diesen wurde nur eine fertig montiert. Anschließend hatte man die eine fertiggestellte Rakete direkt von der Werkstatt aus durch eine Querverbindung in das Abschusslager gebracht. Dieses war eine schlichte, wenn auch beeindruckend große zylindrische Aushöhlung in der Erde. Die Wände wurden mit Eisenplatten verstärkt. In dieser Weise ging es noch eine ganze Weile lang weiter. Die Waffenkammer war leer, die Zentrale hatte ich schon geprüft, die Kantine war schmutzig aber ebenfalls weitgehend geräumt. Insgesamt war die Station in einem bedauernswerten Zustand. Viele Glühbirnen waren ausgefallen, geputzt hatte schon lange niemand mehr. Der staubige Fußboden lieferte Zeugnis für die erhöhte Betriebsamkeit der letzten Tage, in denen die Station nun endlich aufgegeben worden war.
Immer wieder musste ich aufpassen, nicht auf den Kater Malinowski zu treten, der sich unentwegt an meine Beine zu drücken suchte. Hier und da musste ich einiges mehr an Zeit für die eine oder andere Sache investieren. Solche Zeitpunkte verbrachte der Techniker mit Versuchen, den Kater auf seinen Armen zu halten. Hierbei kam es stets zu einem Kampf. Ich sagte nichts hierzu sondern tat so, als würde ich mich stur auf meine Arbeit konzentrieren.
„Dreizehnter Januar Neunzehnhundertsechsundachtzig, acht Uhr vierunddreißig. Sonderbeauftragter Tank, dritter Eintrag. Nach mehrstündiger Fahrt mit einem Schneemobil in bedauernswertem aber funktionalen Zustand bin ich schließlich...“
Während ich routiniert meine gedanklichen Notizen in das kleine Mikrofon hineinsprach, betätigte ich den Rufknopf für den Aufzug. Da er bereits oben auf mich wartete, öffneten sich die Türen augenblicklich. Im Inneren besah ich die Aufschriften neben den Etagenknöpfen und wählte den der Missionszentrale. Insgesamt waren sieben der zehn Knöpfe mit Aufschriften versehen, wobei sich der Generator in der untersten der bezeichneten Ebenen befand. Die Fahrt nach unten war sanft, der Aufzug war für den Transport schwerer und hochexplosiver Teile optimiert, sodass jede Erschütterung ein beachtliches Risiko bedeutet hätte. Angekommen verlies ich den Bauch des Aufzugs.
Die Zentrale wurde wie der bisherige Rest der Station von Kälte, schlechtem Licht und feuchter, modriger Luft beherrscht. Ich hatte erwartet, zumindest hier noch jemanden des verbliebenen Basispersonals vorzufinden, doch immer noch war ich allein. Um das Zittern zu unterdrücken, unternahm ich eine Reihe von Leibesübungen, die man mir im Büro daheim gegen die Kälte nahegelegt hatte. Ich hatte mich, soweit es mir möglich war, eingerichtet und so machte ich mich an den nächsten Punkt meiner Tagesordnung: den ernsthaften Versuch einer Kontaktaufnahme. An der entsprechenden Schalttafel suchte ich das Mikrofon, mit dem man in der Basis eine Durchsage würde machen können. Schnell hatte ich es gefunden, räusperte mich kurz, drückte den Knopf zur Aktivierung des Lautsprechersystems und sprach in die Anlage: „Guten Morgen, mein Name ist Tank, ich bin hier, um die Abrüstung dieser Basis zu inspizieren. Zur Zeit halte ich mich auf der Ebene Nummer drei auf. Bitte schicken Sie jemanden mit den passenden Qualifikationen, damit wir diese Inspektion so schnell und angenehm wie möglich über die Bühne bringen können. Tank Ende.“
Innerlich gab ich dem verbliebenen Personal dreißig Minuten, bis mich mein Empfangskomitee begrüßen würde. Ich sah kurz auf meine Uhr und machte es mir schließlich so bequem, wie es mir möglich war.
Meine Gedanken schweiften zu der Tatsache, dass mich meine Kenntnisse und mein Beruf immer wieder in die kältesten Gegenden der Welt zu führen schien. Manchmal verfluchte ich, dass ich mein Studium vorzeitig beendet und eine nicht näher klassifizierte Position als Beamter in einer nicht näher klassifizierten Behörde angenommen hatte. Die Leichtigkeit, mit der ich Sprachen lernen konnte, machte es mir in Verbindung mit meiner Position unmöglich, ein entspanntes Dasein zu fristen. Eis, Schnee, graue Berge und brutalste Winde. Trost- und farblose Welten waren es, die ich betrat und die Kälte hing mir regelmäßig zum Hals heraus. Solchen Denkprozessen nachhängend, fummelte ich eine mehrere hundert Seiten starke Checkliste aus meinem Rucksack hervor und begann mit dem, was ich zu diesem Zeitpunkt im Alleingang würde prüfen können, möglichst ohne dafür meinen Stuhl verlassen zu müssen. Alle Rechnerschnittstellen der Schaltzentrale befinden sich an ihrem Platz, check. Der Lastenfahrstuhl ist in einem funktionalen Zustand und so weiter. Diese und ähnliche Fragen konnte ich quasi nebenbei beantworten. So machte ich eine Viertelstunde weiter.
Ein Tippen auf meine Schulter zog mich aus dieser Arbeitsroutine. Ich drehte den Stuhl und blickte einem Mann ins Gesicht, der sich auf den nächstgelegenen Stuhl niedergelassen hatte. Das freundliche Gesicht ließ auf eine gesunde Portion Lebenserfahrung schließen. Der Mann war drahtig und hatte das typische Erscheinungsbild eines Menschen, der mit seiner Arbeit in einer glücklichen und zeitraubenden Ehe lebt.
„Nikolai Pawlowitsch, hauptverantwortlicher Techniker,“ sagte er und streckte mir seine Hand entgegen.
Ich ergriff sie. „Tank, angenehm.“ Seine Hand war dünn und weich, der Händedruck jedoch übertrieben kräftig. Kurz musste ich an die Techniker daheim denken, deren Hände ausnahmslos grob und rauh aussahen und die es sich dank ihrer Arbeit angewöhnt hatten, dennoch mit Fingerspitzengefühl zu operieren.
„Sie sind also hier, um die Abrüstung zu überprüfen? Endlich, wie ich sagen muss. Ich weiß, wir sind nicht unbedingt die wichtigste Basis. Die anderen konnten es gar nicht mehr erwarten, endlich zu verschwinden.“
Ich blickte mich um. „Sind denn noch viele hier?“
Er lachte und zeigte dabei ein gut gepflegtes Gebiss. „Oh nein. Ich bin sozusagen der letzte Überlebende. Die anderen sind schon vor vielen Stunden gefahren.“
„Achso?“
„Sie werden doch nicht allzu lange brauchen,“ fragte er.
„Schwer zu sagen. Warum fragen Sie?“
„Nun, wir haben Sie schon sehr viel früher erwartet. Die Jungs hatten Ihnen sogar eine Flasche Vodka zur Seite gestellt, als Willkommensgeschenk. Die ist jetzt natürlich weg. Und nun gibt es auch nicht mehr viel Diesel für den Generator. Strom und Heizung funktionieren vielleicht noch sechsunddreißig Stunden, wenn wir sparsam sind. Und einen kleinen Rest werden wir vielleicht noch für das Schneemobil benötigen. Sonst sitzen wir hier noch fest.“ Wieder lachte er.
„Hier wird geheizt?!“ Wild rieben sich meine Handschuhe aneinander, um Wärme zu erzeugen.
„Ja, danke,“ schrie ichgegen rasiermesserscharfen Wind zurück, während ich meinen Mantel fester umklammerte.
„Die Heizung im Mobil funktioniert nicht richtig. Wird eine lange Fahrt für Sie.“
Der Mann warf mir einen Schlüsselbund mit zwei identischen Zündschlüsseln zu, den ich verständnislos mit aufgerissenen Augen anstarrte.
„Kommen Sie denn gar nicht mit?“
„Machen Sie Witze? Für mich und meine Frau geht es so schnell wie möglich nach Kuba, Genosse, ins Warme.“
„Und wie soll ich die Station finden?“
Der russische Soldat befand sich schon auf dem Weg zum Schiff, mit jedem weiteren Schritt konnte ich ihn schlechter erkennen. „Folgen Sie einfach der Straße, Genosse. Aber ich würde an Ihrer Stelle einfach wieder...“
„Was? Welche Straße?“ Doch er hörte mich nicht mehr. Der Mann war bereits vollkommen von Wind, Nacht und Schnee verschluckt worden. Zwecklos, dachte ich und drehte mich zum Schneemobil. Noch einmal blickte ich mich um. Welche Straße?
Nachdem ich das Gefährt bestiegen hatte, wurde ich im Inneren von einem ausgeleierten Allgemeinzustand begrüßt. Ich sank in den Fahrersessel aus dünn gewordenem Kunstleder, schloss die Tür hinter mir und konnte so das niemals endende Pfeifen des Windes zu großen Teilen aus meiner Fahrerkapsel ausschließen. Mit einem Rütteln erwachte der kräftige Motor der Raupe zum Leben und erhellte die Schneefläche vor mir. Ich hatte keine Erfahrung mit Schneemobilen und war auch Zeit meines Lebens ein wenig begabter Autofahrer. Zuhause hatte ich nur eine Ente und ich fuhr sie nur dann, wenn es sich absolut nicht mehr vermeiden ließ. Entsprechend dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, ehe ich das Mobil gewendet hatte. Nun konnte ich einen Streifen in der Landschaft erkennen, der weniger steinig und aggressiv wirkte. Innerlich nickte ich mir zu und beschloss, dass dies die Straße sein musste. Ich setzte mein Fortbewegungsmonster in Gang und musste mit jedem Beben, dem ich ausgesetzt wurde, stärker das ziehende Gefühl in meinem Magen unterdrücken.
Gedanklich ließ ich den bisherigen Verlauf meiner Reise revue passieren. Mit den Problemen an der Grenze hatte ich gerechnet, die Nachricht von dem Abkommen war noch nicht überall vorgedrungen und so ließ man sich bei der Bearbeitung meiner allzu kapitalistisch durchtränkten Papiere und Genehmigungen einiges an Zeit. Die Reise zu der Fähre wiederum verlief erstaunlich angenehm. Dass der Reifen platzte, gehörte quasi zu den steinigen Gegebenheiten dazu und wurde vom Fahrer mit einem gelangweilten Schnauben hingenommen. Als dann schließlich auch der Ersatzreifen der Penetration des Schotters erlag, verlor ich zwar jegliche Hoffnung noch mein Ziel zu erreichen, doch der Fahrer versicherte mir in kurzen Worten, dass meine Sorgen unbegründet seien. Wie es der Zufall wollte, kam bald ein Bauer mit Esel und Karren unseres Weges und mit Zigaretten und Vodka konnte ich mir eine Weiterfahrt erkaufen. So ging es noch eine ganze Weile lang weiter, ein Missgeschick folgte auf Akte des Unwillens und umgekehrt, sodass ich mit insgesamt sechs Tagen Verspätung die Fähre erreichte. Das alles hatte auch etwas Gutes dachte ich, während die holpernde Fahrt des Schneemobils weiter meine Innereien vermischte: meine Geduld war in Hinsicht auf meine Reise auf ein geradezu buddhistisches Niveau gewachsen. So nahm ich die trostlose Fahrt gelassen hin und hoffte auf ein erfreuliches Ergebnis meiner Wegwahl.
In der Tat hatte ich die Straße gefunden. Nach zwei Stunden Fahrt erreichte ich zunächst ein offenes Gitter mit den wohlbekannten Totenkopfsymbolen militärischer Prägung und schließlich das, was das Hauptgebäude sein musste. Mein Ziel lag vor mir: die unwichtigste, abgelegenste, unbeeindruckendste Raketenbasis der modernen Welt. Eine graue Betonwarze mit einer Personaltür und einem Lastentor, die sich so gedrungen wie möglich an das Erdreich drängte, sowie ein massives Loch im Boden, sowjet-typisch mit einer massiven Stahlplatte verdeckt. Erhebungen in der Ferne bildeten ein schützendes Tal. Das Schwarz des Himmels, das Weiß des Bodens und das Grau des Komplexes – ich hatte ein ganz und gar monochromes Paralleluniversum betreten.
Meine Hände waren steif gefroren, jedes Gelenk knarrte in die Kälte hinein und fügte sich so in eine schmerzhafte Symphonie der Bewegung. In der Innentasche meines Mantels fingerte ich nach dem Schlüssel für den Bunker, der mir in der Heimat überreicht worden war und benutzte ihn schließlich, um die kleinere der beiden Türen des steinernen Eingangsfurunkels aufzusperren. Endlich ein kompletter Ausschluss des Windes. Als ich den Schnee von meiner Mütze schüttelte, blieb er am Boden liegen. Mich erwartete ein schmuckloser Flur, der Zugriff auf eine Treppe, einen großen Fahrstuhl und etwas, das ich für einen Besenschrank hielt, gewährte.
„Hallo?“
Der Raum antwortete nicht, ich war allein. Diesen Moment nutzte ich daher, um die ersten Eindrücke auf meiner Diktiermaschine festzuhalten. Meine Finger hämmerten ungeschickt auf das Gerät ein, bei dem Versuch, mit den kleinen Plastikknöpfen zu operieren.