Contra-Mag.:Als Nordkorea letztens die Rakete testete, feuerte Südkorea in die Gewässer östlich Nordkoreas – in exakt der Distanz, in der sich die nordkoreanische Abschussvorrichtung für Raketen befindet. Von Marco Maier Es war ein deutliches Signal Südkoreas an den Norden: Nur sechs Minuten nachdem das nordkoreanische Militär die Hwasong-15 Interkontinentalrakete in die Atmosphäre jagte, bevor sie ... http://dlvr.it/Q3x8tV
„Dreizehnter Januar Neunzehnhundertsechsundachtzig, acht Uhr vierunddreißig. Sonderbeauftragter Tank, dritter Eintrag. Nach mehrstündiger Fahrt mit einem Schneemobil in bedauernswertem aber funktionalen Zustand bin ich schließlich...“
Während ich routiniert meine gedanklichen Notizen in das kleine Mikrofon hineinsprach, betätigte ich den Rufknopf für den Aufzug. Da er bereits oben auf mich wartete, öffneten sich die Türen augenblicklich. Im Inneren besah ich die Aufschriften neben den Etagenknöpfen und wählte den der Missionszentrale. Insgesamt waren sieben der zehn Knöpfe mit Aufschriften versehen, wobei sich der Generator in der untersten der bezeichneten Ebenen befand. Die Fahrt nach unten war sanft, der Aufzug war für den Transport schwerer und hochexplosiver Teile optimiert, sodass jede Erschütterung ein beachtliches Risiko bedeutet hätte. Angekommen verlies ich den Bauch des Aufzugs.
Die Zentrale wurde wie der bisherige Rest der Station von Kälte, schlechtem Licht und feuchter, modriger Luft beherrscht. Ich hatte erwartet, zumindest hier noch jemanden des verbliebenen Basispersonals vorzufinden, doch immer noch war ich allein. Um das Zittern zu unterdrücken, unternahm ich eine Reihe von Leibesübungen, die man mir im Büro daheim gegen die Kälte nahegelegt hatte. Ich hatte mich, soweit es mir möglich war, eingerichtet und so machte ich mich an den nächsten Punkt meiner Tagesordnung: den ernsthaften Versuch einer Kontaktaufnahme. An der entsprechenden Schalttafel suchte ich das Mikrofon, mit dem man in der Basis eine Durchsage würde machen können. Schnell hatte ich es gefunden, räusperte mich kurz, drückte den Knopf zur Aktivierung des Lautsprechersystems und sprach in die Anlage: „Guten Morgen, mein Name ist Tank, ich bin hier, um die Abrüstung dieser Basis zu inspizieren. Zur Zeit halte ich mich auf der Ebene Nummer drei auf. Bitte schicken Sie jemanden mit den passenden Qualifikationen, damit wir diese Inspektion so schnell und angenehm wie möglich über die Bühne bringen können. Tank Ende.“
Innerlich gab ich dem verbliebenen Personal dreißig Minuten, bis mich mein Empfangskomitee begrüßen würde. Ich sah kurz auf meine Uhr und machte es mir schließlich so bequem, wie es mir möglich war.
Meine Gedanken schweiften zu der Tatsache, dass mich meine Kenntnisse und mein Beruf immer wieder in die kältesten Gegenden der Welt zu führen schien. Manchmal verfluchte ich, dass ich mein Studium vorzeitig beendet und eine nicht näher klassifizierte Position als Beamter in einer nicht näher klassifizierten Behörde angenommen hatte. Die Leichtigkeit, mit der ich Sprachen lernen konnte, machte es mir in Verbindung mit meiner Position unmöglich, ein entspanntes Dasein zu fristen. Eis, Schnee, graue Berge und brutalste Winde. Trost- und farblose Welten waren es, die ich betrat und die Kälte hing mir regelmäßig zum Hals heraus. Solchen Denkprozessen nachhängend, fummelte ich eine mehrere hundert Seiten starke Checkliste aus meinem Rucksack hervor und begann mit dem, was ich zu diesem Zeitpunkt im Alleingang würde prüfen können, möglichst ohne dafür meinen Stuhl verlassen zu müssen. Alle Rechnerschnittstellen der Schaltzentrale befinden sich an ihrem Platz, check. Der Lastenfahrstuhl ist in einem funktionalen Zustand und so weiter. Diese und ähnliche Fragen konnte ich quasi nebenbei beantworten. So machte ich eine Viertelstunde weiter.
Ein Tippen auf meine Schulter zog mich aus dieser Arbeitsroutine. Ich drehte den Stuhl und blickte einem Mann ins Gesicht, der sich auf den nächstgelegenen Stuhl niedergelassen hatte. Das freundliche Gesicht ließ auf eine gesunde Portion Lebenserfahrung schließen. Der Mann war drahtig und hatte das typische Erscheinungsbild eines Menschen, der mit seiner Arbeit in einer glücklichen und zeitraubenden Ehe lebt.
„Nikolai Pawlowitsch, hauptverantwortlicher Techniker,“ sagte er und streckte mir seine Hand entgegen.
Ich ergriff sie. „Tank, angenehm.“ Seine Hand war dünn und weich, der Händedruck jedoch übertrieben kräftig. Kurz musste ich an die Techniker daheim denken, deren Hände ausnahmslos grob und rauh aussahen und die es sich dank ihrer Arbeit angewöhnt hatten, dennoch mit Fingerspitzengefühl zu operieren.
„Sie sind also hier, um die Abrüstung zu überprüfen? Endlich, wie ich sagen muss. Ich weiß, wir sind nicht unbedingt die wichtigste Basis. Die anderen konnten es gar nicht mehr erwarten, endlich zu verschwinden.“
Ich blickte mich um. „Sind denn noch viele hier?“
Er lachte und zeigte dabei ein gut gepflegtes Gebiss. „Oh nein. Ich bin sozusagen der letzte Überlebende. Die anderen sind schon vor vielen Stunden gefahren.“
„Achso?“
„Sie werden doch nicht allzu lange brauchen,“ fragte er.
„Schwer zu sagen. Warum fragen Sie?“
„Nun, wir haben Sie schon sehr viel früher erwartet. Die Jungs hatten Ihnen sogar eine Flasche Vodka zur Seite gestellt, als Willkommensgeschenk. Die ist jetzt natürlich weg. Und nun gibt es auch nicht mehr viel Diesel für den Generator. Strom und Heizung funktionieren vielleicht noch sechsunddreißig Stunden, wenn wir sparsam sind. Und einen kleinen Rest werden wir vielleicht noch für das Schneemobil benötigen. Sonst sitzen wir hier noch fest.“ Wieder lachte er.
„Hier wird geheizt?!“ Wild rieben sich meine Handschuhe aneinander, um Wärme zu erzeugen.