Auch 2019 noch
Eine Technik, die nie funktioniert haben kann: der Mail Chute
Es gibt sie überall in Manhattan: die Mail Chutes. Das sind Briefeinwürfe auf jeder Etage, die in langen, vertikalen Schächten zu Briefkästen im Erdgeschoss führen. Ich hielt sie immer für ein Relikt aus einer Zeit, als es nicht einmal Telefone gab, um mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen. Geschweige denn E-Mail oder Slack. In meinem Wohnhaus in der Upper West Side sind die Mail Chutes neben den Fahrstühlen und sehen so aus:
Sie münden in diesen Briefkasten im Erdgeschoss:
Um sie für's Techniktagebuch zu dokumentieren, frage ich nach. »Die Mail Chutes funktionieren bestimmt nicht mehr, oder?« Unsere Doorwoman verneint. »Doch, natürlich funktionieren die. Der Briefkasten wird jeden Tag vom Postboten geleert. Aber wenn ich dir einen Rat geben darf: Wirf die Briefe nicht auf der Etage ein. Wenn du das im 15. Stock machst, verkanten die manchmal und kommen nie unten an. Wirf die Briefe lieber gleich in den Kasten hier. Oder in die Einwürfe zwischen den Postfächern. Das ist eigentlich jetzt der offizielle Ort.«
Jetzt will ich natürlich auch wissen, wie es in unserem Bürogebäude in Midtown ist. Die Mail Chutes dort – im 38. Stockwerk – sehen ziemlich neu aus.
Die Kollegin an unserer Rezeption weiß aber nichts darüber. Ich frage im Erdgeschoss beim Pförtner. »Werden die Mail Chutes noch benutzt?« – »Nicht benutzen!« sagt der Pförtner energisch. – »Aber werden sie noch benutzt?« – »Nicht benutzen!« beharrt der Pförtner. »Wenn man da Briefe reinwirft, verkanten die unterwegs, und dann muss die Post mit so langen Stangen kommen und drin rumstochern.« – »Also werden sie noch benutzt?« – »Wenn Sie was schicken wollen, fahren Sie auf Level C, gehen rechts und dann links, da ist der Briefkasten. Wird täglich geleert.« – »Danke!«
(André Spiegel)








