9. August 2017
Wie ins Gesicht gedruckt
Ich brauche eine neue Brille. Die alte ist abgewetzt, die Scharniere wackeln, aber vor allem sind die Gläser verkratzt. Die Sehstärke passt noch sehr gut, zumindest für das weiträumige Sehen. Nur werden die Arme langsam zu kurz. Schon bei der letzten Brille hatte ich im unteren Teil der Gläser eine leichte Lesebrillenkorrektur. Man hat mir das als “Wellness-Brille” verkauft, worauf ich nur etwas schief gegrinst habe. Mir egal, wie das heißt, Hauptsache ich kann gut gucken. Und die ersten Jahre waren mit der Brille super. Dennoch besteht inzwischen wieder Handlungsbedarf, seit ich zur normalen Brille noch ein 2,95€-Lesegestell aufsetze. Damit sehe ich gut, aber bekloppt aus. Das lässt sich ja eigentlich auch in einer Brille vereinen (also das gute Sehen im Nah- und Fernbereich ...)
Nun sollte also ein neues Modell her. Bei einem Spaziergang in Berlin-Kreuzberg komme ich an einem kleinen Optikerladen vorbei, in dem sich etwas im Schaufenster bewegt. Und zwar ein 3D-Drucker, also ein Gerät, das ich ja sowieso höchst spannend finde.
Kurz darauf betrete ich den Laden und schaue mich ein wenig um. Rechts an der Wand hängen nebeneinander diverse Modelle. Untereinander sind auf den ersten Blick die gleichen Brillen zu finden. Sie unterscheiden sich aber tatsächlich in der Größe.
Relativ zügig finde ich ein Gestell, das mir gut gefällt. Ich wähle eine Größe aus, stelle aber fest, dass die Bügel zu lang sind. Kein Problem, es kommen die eines kleineren Modells dran. Als nächstes wird mit einem Handy ein Foto von mir ohne Brille aufgenommen, das umgehend in einer Software auf einem Laptop erscheint. Dazu wird ein passendes digitales Abbild der Brille geladen und mir aufs Gesicht gelegt.
Mir gefällt das alles schon sehr gut, allerdings könnte ich mir die Brille insgesamt etwas gedrungener vorstellen. Auch an der Nasenauflage könnte eine kleine Änderung nicht schaden. Schnell wird der Editier-Modus der Software aktiviert und es erscheinen an den Bögen und Ecken des Brillengestells Ziehpunkte, wie man sie aus CAD-Software kennt. Damit wird die eine Hälfte des Brillenmodells an meine Vorstellungen angepasst und auf die andere Hälfte übertragen. Das Ergebnis sehe ich gleich am Rechner und gebe die Produktion in Auftrag. Das wird, wie man mir sagt, ein bisschen dauern, da das Brillengestell nicht etwa mit dem 3D-Drucker im Schaufenster hergestellt wird. Dort werden nur erste Entwürfe, die komplett plan sind, gedruckt.
Die Gestelle, die in den Verkauf gehen, stammen aus einem Rapid-Prototyping-System, das, wenn ich das richtig verstanden habe, mit Stereolithografie arbeitet: In einem Bad mit flüssigem Kunststoff, der bei Einwirkung einer bestimmten Lichtintensität aushärtet, fährt ein Laser schichtweise die Kontur ab, wo der Kunststoff fest werden soll. So entsteht meine neue Brille, die ich ein paar Tage später abholen kann. Sie ist extrem leicht, wirkt recht stabil und trägt sich auf Anhieb sehr komfortabel.
(Markus Winninghoff)










