Nachdem ich „Watchmen“ nach verhältnismäßig langer Zeit zum zweiten Mal (und innerhalb weniger Wochen zum zweiten, dritten und vierten Mal) gesehen habe, ist der Film in meinen Augen nur besser geworden und welcher Charakter mich dabei (Überraschung!) besonders fasziniert, ist Rorschach.
Dabei geht es weniger um den rauen Gesamteindruck und noch weniger um seine spezifischen Eigenschaften, sondern vor allem um das was er repräsentiert:
Obwohl Nite Owl rein oberflächlich betrachtet die Karikatur Batmans darzustellen scheint, ist es meiner Ansicht nach im Grunde Rorschach, der, bei geneigter Betrachtungsweise den eigentlichen „Konterpart“ zu DCs Batman repräsentiert, bzw. selbigem Charakter einen dunklen (man könnte auch sagen Abyss-artigen) Spiegel vorhält.
- Beide wurden durch traumatischer Ereignisse in ihrer Kindheit geprägt (Rorschach durch seine, sagen wir einfach mal schwierige, Sozialisation, Batman/Bruce Wayne durch den Mord an seinen Eltern). Doch während Bruce Wayne in Folge dieses Ereignisses in jeder Hinsicht zu einem „vollkommeneren“ Wesen wird, verwandelt sich Rorschach in etwas, was man bei geneigter Betrachtungsweise durchaus als „monströs“ bezeichnen könnte. Ohne ein Experte zu sein, würde ich behaupten, dass letztere Alternative wesentlich wahrscheinlicher ist. (Anzunehmen, ein Mensch werde durch Schmerz zu einem besseren Menschen erscheint mir ziemlich unmenschlich)
- Beide Charaktere werden von einem radikalen Gerechtigkeitssinn geleitet, der in B./Bs Fall unter anderem in einer entschiedenen Weigerung zu töten resultiert. In Rorschachs Fall hingegen, sehen wir vor allem den gnadenlosen Aspekt des Gerechtigkeitsbegriffs verwirklicht, der folgerichtig auch das Töten nicht ausschließt. Das Ergebnis ist unter anderem (Spoiler!!!!) sein eigenes Ableben und (je nach Interpretation) das Ende der Welt.
- Beide Charaktere arbeiten in der Regel allein und werden von einem, in B./B.s Fall an Paranoia grenzendem und in Rorschachs Fall in Paranoia endendem Misstrauen verfolgt.
Wie an diesen Vergleichen bereits klar wird, sind auch die Parallelen zwischen Batman und Rorschach zunächst oberflächlich und natürlich gibt es eine ganze Reihe wesentlicher Differenzen. Allerdings nähren wir uns hier dem Punkt an auf den ich, glaube ich, hinaus möchte: Rorschach IST Batman, in einer Welt die mit der unseren mehr gemeinsam hat als einem Comicuniversum.
Denn wieso sollte ein von seinen Eltern unfreiwillig allein gelassener, bzw. willkürlich oder unfreiwillig im Stich gelassener Mensch zu einem moralisch sensiblen Menschen heranwachsen, es sei denn dieser moralische Sinn wäre, wie im Falle Rorschachs, selbst ein übersteigerter, ans Unmögliche grenzende Anspruch? (dem Rorschach bei näherer Überlegung übrigens kaum selbst gerecht werden dürfte, es sei denn in einem kindlich/naiven Sinne)
Batmans Einsamkeit wird implizit durch eine work-aholik-artige Pflichtversessenheit erklärt, die keinen Raum neben seiner quasi-heiligen Berufung lässt. Rorschach würde über sich vermutlich dasselbe sagen, nur wäre die Wahrheit wesentlich einfacher: Da sich schlichtweg niemand findet zu dem er auch nur ansatzweise Vertrauen aufzubauen fähig wäre, geschweige denn jemand, der seine Kompromisslosigkeit und Brutalität ertragen, bzw. dauerhaft tolerieren könnte, sind Beziehungen zu anderen Menschen, die über ihre Funktionalität hinaus gehen, unmöglich. (Selbst Nite Owl, den man noch als ehesten als Freund Rorschachs bezeichnen könnte wird, nachdem er die Heldenberufung quittiert, von ihm ausgeschlossen)
Bei DCs Batman wird der Umstand, dass ein Mensch, der sein ganzes Leben einem einzigen Zweck unterordnet unweigerlich im Elend enden müsste, durch unermesslichen Reichtum und eine Reihe von, entgegen aller Vernunft außerordentlich stabilen Beziehungen abgefangen (Alfred, eine Garnitur Robins usw.). Wie es einem „soziopathischen“, paranoiden Serien-Vigilanten aus dem Waisenhaus hingegen tatsächlich ergehen dürfte sehen wir eindrucksvoll an Rorschach. Soweit ich es überblicke ist er ein maskierter Penner der kalte Bohnen aus der Dose für ein Mittagessen hält. (Was seine „Arbeit“ umso eindrucksvoller erscheinen lässt, denn wie KRASS muss jemand sein, der auf dieser Grundlage internationale Verschwörungen bekämpft? ;-) )
Wo wir bei DC also den „Dunklen Ritter“ sehen, konfrontiert uns „Watchmen“ mit einem gebrochenen Phantom, einem Mann der selbst dann nicht anders leben könnte, wenn die Welt von allen Verbrechen und Ungerechtigkeiten verschont bliebe. Einen Mann der (ich denke nicht zufällig) seinen Auftritt mit einer aus dem Off gesprochenen Zivilisations-Untergangsfantasy beginnt und im Knast wie zuhause scheint.
Batman und einen seiner wesentlichen Antagonisten, den Joker, verbindet die Überzeugung ungestraft nach eigenen Regeln spielen zu können, auch wenn dieses Thema durch Batmans „Kodex“ seiner Brisanz beraubt wird. „Watchmen“ tut seinen „Helden“ diesen Gefallen nicht: Sowohl das Handeln Rorschachs, als auch des Antagonisten Ozymandias wird von non-personalen Kategorien bestimmt, ob nun „Gerechtigkeit“ oder „Frieden“. Bei beidem spielt das individuelle Leben und Überleben von Einzelpersonen oder im Zweifel auch Großgruppen eigentlich keine Rolle. Der Zweck heiligt die Mittel, solange er dem Endziel nicht im Wege steht.
Und letzten Endes MUSS Rorschach (im Gegensatz zu Batman) selbstverständlich scheitern. Sein Mittel ist, genau wie das Mittel von Batman, Gewalt. Angewendet in einem derartig begrenzten Maßstab kann Gewalt realistischer Weise aber nun Mal kein konstruktives Mittel sein. Und für nichts verdient „Watchmen“ größeres Lob, als dafür, dass der Film zumindest begründete Zweifel säht, ob Gewalt diesen Zweck überhaupt, selbst wenn im größeren Rahmen angewendet, erfüllen kann.