“Everyday Sadism” und Videospiele, oder anders gesagt, was soll dieser Unfug?
Tja, tja, die bösen Videospiele Mal wieder.
Und wie üblich ist auch dieser Artikel ein gutes Beispiel für den Mangel an Sachverstand und Objektivität, die für die Diskussion des Themas nach wie vor prägend sind…
Es gibt eine ganze Reihe von Begriffen, deren bloße Erwähnung bereits genügt um eine ganze Reihe von negativen Konnotationen hervorzurufen: So fühlen Deutsche denen Rassismus vorgeworfen wird sich schnell in die ideologische Nähe zum Nationalsozialismus gerückt und Männer, denen Sexismus vorgeworfen wird fühlen sich schnell als Frauenfeinde verunglimpft. Der Sadismus hat als Begriff mit einem ähnlichen Problem zu kämpfen, schon weil die An- bzw. Verwender des Begriffs oftmals kein klares Bild davon zu haben scheinen wie der Begriff abzugrenzen ist, oder was genau damit überhaupt gemeint sein soll.
Das ändert allerdings nichts daran, dass ein Haufen Menschen kein Problem damit hat den Begriff aus dem Hut zu zaubern, wann immer sie sich in ihrem moralischen, ästhetischen, oder ganz allgemeinen Empfinden in irgendeiner Weise durch wen oder was auch immer gekränkt oder gestört fühlen. Der Vorwurf des Sadismus ersetzt hier häufig sachliche Argumente und sagt in vielen Fällen (wenn man genau hinschaut) eigentlich überhaupt nichts aus.
Auch in dem Artikel von „Spiegel Online“; „Töten in Videospielen – Ein Fest für Sadisten“, der mir an dieser Stelle als Anlass gilt, kommt meiner Einschätzung nach dieser Mangel an Definitionsvermögen seitens des Autors zum Tragen.
Ohne jetzt viel weiter ausholen zu wollen: Der Begriff „Sadismus“ geht auf den französischen Philosophen Marqui de Sade zurück, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit aufsehenerregenden Thesen und ausgeprägtem Zynismus von sich reden machte. (Nichts für schwache Nerven, aber sehr empfehlenswert) Der Begriff bezieht sich zunächst, nicht ausschließlich aber überwiegend, auf einen sexuellen Kontext, womit die Frage aufgeworfen wäre (wohlgemerkt die Frage!) ob eine generelle Vorliebe für Gewalt und gewalttätige Handlungen bereits ausreichen um einen Menschen als Sadisten zu bezeichnen, wenn das Sexuelle bei dessen Motivation eine bestenfalls unwesentliche, bzw. kaum bis gar nicht nachzuweisende Rolle spielt.
Der Autor des Artikels sowie die zitierten Experten umschiffen dieses Problem, indem sie den Begriff des „Everyday Sadism“ einführen. Und spätestens hier haben wir es mit einem Problem zu tun:
Wer sagt denn, dass Sadismus an sich nicht bereits alltäglich genug ist?
Wo liegt der Unterschied zwischen Sadismus und „Everyday Sadism“?
Und wen überrascht es wiederum, dass Sadisten, die Vergnügen an Gewalt in ihrem Sexualleben oder in der allgemeinen Interaktion mit Menschen empfinden, dieselbe Präferenz auch auf ihr Spielverhalten oder etwa ihren Filmgeschmack übertragen?
Das meiner Ansicht nach schwerwiegendste Problem mit dem Begriff „Everyday Sadism“, kommt allerdings besonders bündig in diesem Zitat zum Ausdruck;
Zitat: „Alltagssadisten empfinden Genugtuung, wenn anderen Menschen Leid widerfährt.“ – Wenn das so ist bezeichnet diese Neuschöpfung nichts anderes als gewöhnliche Schadenfreude. Jedenfalls wird der allgemeinen Definition des Sadismus absolut nichts hinzugefügt, im Gegenteil: Der Begriff wird dermaßen butterweich, dass man dieser Definition entsprechend eigentlich so gut wie jeden Menschen als Alltagssadisten bezeichnen könnte und ob das sinnvoll ist kann wohl jeder für sich selbst entscheiden.
Letztlich setzt der Autor des Artikels einfach voraus, das Gewalt in Videospielen in irgendeiner Weise gerechtfertigt bzw. legitimiert werden müsse, eine Forderung deren Sinn sich mir einfach nicht erschließen möchte. Man kann sich natürlich ganz privat über eine „Skyrim-Mod“ die das Töten von kindlichen Charakteren ermöglicht ärgern und selbstverständlich kann man selbige kritisieren, hinterfragen und ablehnen. Aber so banal es klingt (und ich kann eigentlich nicht fassen das in dem Artikel nicht ein Wort über diesen Umstand verloren wurde): ES SIND NUN MAL KEINE ECHTEN KINDER! Was kommt als nächstes? „Moorhuhn“-Spieler denen wir eine allgemeine Lust an Tierquälerei unterstellen?
Zitat: „Für Diskussionen über Sinn und Unsinn dieser und ähnlicher Mods haben die meisten Spieler nur ein müdes Lächeln übrig. Es ist halt nur ein Spiel.“
Und damit sollte eigentlich alles gesagt sein. Die Frage nach der Gewalt in Videospielen wird damit nämlich zu einer Frage nach der Gewalt in der Kunst. Wer mir erzählen will Gewalt habe in der Kunst nichts verloren, kann das gerne tun aber solange die Kunst das Leben abbilden/wiederspiegeln soll, etc. hat die Gewalt ihren festen Platz in der Kunst verdient, genauso wie Liebe, Sexualität und so weiter.
Ein Argument, das immer wieder gegen die Darstellung von Gewalt in Videospielen angeführt wird (auch wenn es im Artikel höchstens implizit enthalten ist) ist der Umstand, dass der Spieler diese virtuelle Gewalt, im Gegensatz etwa zu Film und Buch, selbst anwendet, nur handelt es sich hierbei einen elementaren Trugschluss. Denn auch in Film und Buch versetzten wir (oder zumindest viele von uns) als Rezipienten, uns in die Rolle von nicht selten gewalttätigen Protagonisten (Ob nun der antike Achilles oder der zeitgenössische Dexter) und sicherlich je nach Präferenz auch schon mal in die Rolle von Antagonisten (wie etwa Hannibal oder Ramsay Bolton). Der Unterschied zum Videospiel ist bei weitem nicht so groß wie manch einer annehmen mag.
Und völlig unabhängig vom Medium dürfte ein gewisses voyeuristisches Vergnügen beim Rezipieren von Gewalt fast immer, oder doch zumindest nicht selten, eine erhebliche Rolle spielen. Menschen die persönlich Gewalt grundsätzlich ablehnen mögen nicht erkennen können worin hier der „Spaß“ besteht, aber das kann und sollte kein Grund sein das Phänomen an sich zu pathologisieren, vor allem dann nicht wenn es in derartig dilettantischer und oberflächlicher Weise geschieht wie im Falle dieses Artikels.
Zitat: „Dabei geht es, trotz aller Widerworte, nicht jedem um Immersion, Experimentierfreude oder den Abbau von Aggressionen. Ein Artikel der Zeitschrift "New Yorker" machte den Fall eines "GTA V"-Spielers bekannt, der in einem Forumspost sagte, er wolle im Spiel "die Gelegenheit haben, eine Frau zu entführen und als Geisel zu nehmen, in den Keller einzusperren und zu vergewaltigen, ihren Schreien zu lauschen und sie weinen zu sehen"“
Ein heftiges Beispiel, keine Frage. Und dem besagten Spieler eine sadistische Tendenz zu unterstellen dürfte zumindest plausibel sein. Aber der Sadismus an und für sich ist in keiner Weise gründlich genug erforscht um zu behaupten zwischen Sadismus und Aggressionsabbau würde kein Zusammenhang bestehen. GERADE was dieses Fallbeispiel angeht, würde ich sagen, sexuelle oder auch allgemein soziale Frustration könnte einen ebenso geeigneten Erklärungshintergrund abgeben, ohne auf ein schwammiges Konzept wie „Everyday Sadism“ zurückgreifen zu müssen. (Wie schon gesagt, die Unterscheidung zwischen selbigem und „echtem“ Sadismus leuchtet eigentlich nicht wirklich ein, zumindest mir nicht).
Es folgt der allgemeine „alles wird schlimmer und schlimmer“-Sermon ohne den heutzutage offenbar kein Artikel mehr auskommt. Der Autor räumt zwar ein, es hätte Spielreihen wie „Mortal Kombat“ und „Doom“ auch schon früher gegeben, kann sich folgende Behauptung jedoch offenbar nicht verkneifen;
Zitat: „[…] die Finishing Moves von damals sind mit den heutigen nicht vergleichbar, besonders was Realismus und Explizitheit angeht.“
Explizitheit? Mag sein. Die graphischen Fortschritte ermöglichen natürlich ein erhebliches Maß an Detailliertheit. (Allerdings spielte in Zeiten vor dem graphischen Quantensprung dann eben die individuelle Fantasie eine größere Rolle und lieferte die fehlenden Einzelheiten unter Umständen sozusagen nach, wer weiß, aber ich bin mir sicher damit hat sich noch niemand halbwegs neutral auseinandergesetzt)
Und Realismus? Ein sich zum Leidwesen der Spieler dauernd wiederholendes Argument das zum Leidwesen der Videospielgegner auch dadurch nicht wahrer wird, dass man es immer wieder sagt: Wer mir erklären kann, was an einem Echsenwesen (und mag es noch so hervorragend animiert sein) welches seine Feinde in Säure auflöst realistischer ist als an Tom und Jerrys grausamen Eskapaden kriegt einen Preis von mir. (In Form eines feuchten Händedrucks)
Allerdings ist der Autor des Artikels natürlich nicht der einzige, der sich sicher ist, dass sich der Trend zur Gewalt intensiviert;
Zitat: "Ich kann mir vorstellen, dass Videospiele weiterhin immer sadistischer werden" (Delroy Paulhus von der University of British Columbia)
Gut, der Mann ist auf Persönlichkeitspyschologie spezialisiert, sollte sich mit Sadismus also auskennen. Umso gespannter wäre ich zu erfahren, wie sich „Sadismus“ steigern lässt. Wenn es um die Freude am Leiden anderer geht, oder um das Zufügen desselben, wann ist ein Mensch dann sadistischer, oder am sadistischsten? Quantität, Qualität, worum soll es hier gehen? Sadismus kann logischerweise nicht komparativ sein, entweder man ist es, oder man ist es nicht. Wenn er sagen wollte dass Videospiele in Zukunft zunehmend stärker auf die sadistischen Tendenzen der Spieler eingehen werden, hätte er das vielleicht so sagen sollen (und falls er es so gesagt hat, Schande über die Übersetzer!)
Abgesehen davon sollte sich ein Wissenschaftler darüber im Klaren sein, dass was er sich „vorstellen kann“ absolut keine Rolle spielt. Ich kann mir vorstellen der Mond wäre aus Käse. Ich kann mir vorstellen, dass die Welt in eine Millionen Jahren von intelligenten Tintenfischen bevölkert wird: Das ich mir all das vorstellen kann ist aber nun mal noch kein Argument…
Allerdings kann dieser Satz stellvertretend ein bestimmtes Problem repräsentieren. Sobald es um Videospiele geht, scheint saubere wissenschaftliche Arbeit einfach KEINE ROLLE mehr zu spielen und jeder, der mal zufällig was von Videospielen gehört hat gibt einfach seinen Senf dazu.
Der Autor lässt es sich im Folgenden nicht nehmen auch auf die Online-Community einzugehen. Wie der Autor richtig darstellt, stellt der Triumph über das menschliche Gegenüber bei Online-Matches für viele Spieler den entscheidenden Reiz dar (Der sogenannte „Killer“-Typus, eine Bezeichnung die an und für sich bereits in ihrer Lächerlichkeit kaum zu überbieten sein dürfte). Ein simulierter Kampf auf Leben und Tod also. Dem Artikel zufolge ist das ein Problem, wie der Autor in dramatischer Weise zu unterstreichen versucht;
Zitat: „Der Killer hat Spaß, wenn er anderen überlegen ist und weiß, dass er mit seinem Gebaren schwächere Spieler ärgert. Menschliche Gegner zu erledigen ist dabei befriedigender als Bots plattzumachen.“
Also wenn das alles ist worum es geht, müssen wir wohl eine Großteil aller Sportler als „Killer“-Sportler bezeichnen, denn auch hier geht es überspitzt ausgedrückt um die symbolische Vernichtung des Gegners. (Der erste der mir jetzt mit Sportsgeist kommt, erhält zur Antwort ein hämisches Lachen)
Allerdings geht es mir darum an dieser Stelle nicht.
Der Autor problematisiert vielmehr fortwährend das unproblematische: Wettbewerbshang und Neigung zur Gewalt sind, auch wenn es so manchem Gutmenschen nicht passt, integraler Teil der menschlichen Natur. JEDER Mensch genießt den Triumph und zumindest fast jeder Mensch hat wenigstens von Zeit zu Zeit einen Schwächeren gepiesackt.
Videospiele wiederum sind lediglich einer von zahllosen Kanälen in denen entsprechende Neigungen in möglichst harmloser Weise abgeleitet werden können (und müssen).
Ich stelle an diesem Punkt folgende These auf: Während die meisten Menschen sich zumindest unbewusst darüber im Klaren sind, das Gewalt in der einen oder anderen Weise zum Leben und eben auch zum Menschsein dazu gehört, existiert ein gar nicht mal so kleiner Kreis von Traumtänzern, der sich über derartige Naturgesetze erhaben glaubt, nur weil die eigene Drang zur Gewalt so kunstvoll verbrämt wurde, dass er kaum noch als das erkennbar ist was er ursprünglich war. Und da Menschen nichts lieber tun, als sich über ihre Artgenossen zu erheben, wird im Anschluss ein herablassender Artikel über die kranken „Everyday Sadists“ in der Gamer-Community verfasst, wodurch man sich selbst erfreulicher Weise noch weiter von derartigen Denk- und Handlungsweisen distanzieren kann, damit auch jedem klar wird was für ein menschlicher Mensch man ist.
(„Denn gewöhnliche Schadenfreude ist natürlich ganz normal, aber wenigstens bin ICH kein Alltagsadist…“)
http://www.spiegel.de/netzwelt/games/toeten-in-videospielen-ein-fest-fuer-sadisten-a-1125478.html