Ca. 1983
Mein vermutlich erstes produktiv genutztes Computerprogramm
An meiner Schule gibt es einen Computerraum und darin zwei Computer – ein vorsintflutliches Ding von Hewlett-Packard und einen Texas Instruments TI 99/4. Der HP-Rechner verfügt anstelle eines Bildschirms nur über ein LED-Display, auf dem man jeweils eine Zeile BASIC-Programmcode angezeigt bekommt. Immerhin kann man sein Programm mittels eines integrierten Laufwerks auf Compact Cassetten abspeichern.
Das große Plus des Rechners ist der daran angeschlossene Typenraddrucker. Man kann damit den Programmcode von Zeit zu Zeit ausdrucken, Korrekturen in der Druckversion vornehmen und die Änderungen dann mühselig wieder über die Tastatur eingeben. Wenn man etwas halbwegs Komplexes programmieren will, sollte es also etwas sein, das in einem Druckvorgang resultiert.
Unter diesen Umständen ist es nicht einfach, sinnvollere Dinge zu tun, als z.B. mathematische Funktionen zu berechnen und auszuplotten (gähn). Einer der Nerds, die ihre Nachmittage in diesem Raum zubringen, schreibt ein Game of Life und lässt dessen Sequenzen auf Papierrollen für Tischrechner ausdrucken.
Mein Vater arbeitet in dieser Zeit als Verkehrsrichter und hat tatsächlich eine passende Aufgabe für mich: In seinen Verfahren geht es immer wieder um Unfälle, bei denen Überholvorgänge eine Rolle gespielt haben. Unfallbeteiligte machen Angaben, wie schnell sie fuhren und wo sie zum Überholen ansetzten.
Ähnlich wie für den Bremsweg bei gegebener Geschwindigkeit gibt es eine Formel dafür, welche Strecke man bei bekannten Geschwindigkeiten zweier Fahrzeuge für einen Überholvorgang braucht. Diese Formel findet sich in einem kleinen Nachschlagewerk mit dem schönen Titel Kraftfahrtechnisches Taschenbuch, welches von der Firma Bosch herausgegeben wird und von dem mein Vater ein Exemplar besitzt.
Um ihm also die Arbeit abzunehmen, anhand der Formel mit Taschenrechner oder Stift und Papier die Angaben der Unfallbeteiligten durchzurechnen und so auf Plausibilität zu prüfen, darf ich ein Programm schreiben. Dieses erzeugt eine Tabelle, deren Zeilen und Spalten den Geschwindigkeiten der Fahrzeuge in 10-km/h-Schritten entsprechen und deren Felder die resultierende Strecke für den Überholvorgang in Metern enthalten.
Es gibt eine Version, in der der vorgeschriebene Sicherheitsabstand mit einberechnet wird und eine, in der er vernachlässigt wird. Nach einigem Herumprobieren mit dem Format der Tabelle kann ich meinem Vater stolz zwei im Querformat bedruckte A4-Bögen überreichen, anhand derer er nun ohne Rechnerei rasch Plausibilitätsprüfungen durchführen kann. Wie oft diese Tabellen tatsächlich zum Einsatz kommen, ist nicht überliefert.
(Virtualista)










