Sweet Dreams: Coronavirus in den USA
Die sechs größten Städte Irlands sind Dublin (1,1 Mio), Cork (198.000) und Limerick (91.500). An vierter Stelle rangiert Galway. Knapp 77.000 Menschen leben dort. Und in Amerika werden augenblicklich jeden Tag mehr als 77.000 Menschen Coronaviruskrank. Das heißt, jeden Tag geht ein Galway in Isolation.
Würden Amerikas Zustände in Irland herrschen, würde es keine zwanzig Tage dauern und die vier größten Städte des Landes wären aus der Volkswirtschaftsgleichung genommen und das Land würde ökonomisch stillstehen, weil es keine Waren und keine Wirtschaft mehr gibt. Alles wäre lahmgelegt, und Irland würde mal wieder so wie 1850 großen Hunger leiden.
Auf Deutschland übertragen wird jeden Tag ein Bamberg infiziert. Oder ein Delmenhorst, Neumünster oder Marburg. Keine dieser Städte bedeutet groß etwas.
Delmenhorst hat keine Geschichte. Die Stadt wirbt damit, dass sie eine nette Kleinstadt sind und zwischen Bremen und dem Oldenburger Land liegen. Das einzig Bekannte, das Delmenhorst bieten, ist, dass Sarah Connor dort geboren ist. Und Kevin Schindler, einst ein relativ bekannter Fussballspieler, der heute den faröischen Fussballclub HB Tórshavn co-trainiert.
Trotzdem ist Delmenhorst wichtig, denn als Wirtschaftsknotenpunkt verbinden sie die Hansestadt Bremen mit dem Oldenburger Land, was an der Grenze zu Holland liegt. Würde Delmenhorst coronavirusbedingt wegfallen, wären nicht nur Sarah Connor und Kevin Schindler, sondern die gesamte norddeutsche Region betroffen. Denn den holländischen Tomatentransporter würde auf einen Schlag eine wichtige Handelsroute wegfallen, und Tomaten würden dem Ausgleichsprinzip zufolge nicht nur in Bremen, sondern dem ganzen Bundesgebiet teurer werden, weil man eine Region nicht mehr auf direktem Weg beliefern kann.
Amerikas meiste neue Coronavirusfälle finden augenblicklich in Florida, Louisiana, South Carolina und Texas statt. Das ist gut, weil keiner dieser Staaten zentral liegt. Die viergrößte Stadt South Carolinas ist Mount Pleasant. Melanie Thornton lebte dort. Sie ist der Sarah Connor-Szene wahrscheinlich bekannt, war nämlich Ende der 1990er Jahre ein Eurodance-Star und Sängerin der Band La Bouche.
Der Gedanke, dass jeden Tag eine Stadt von der Größe wie Mount Pleasant, Galway oder Delmenhorst aufgrund des Coronavirus wegfällt und ein Loch in die Wirtschaftskraft eines Landes reißt, macht mir zutiefst Sorgen. Denn wenn auch siebenundsiebzig tausend Infizierte por Tag für ein Land in Amerika nicht viel ist, heißt es trotzdem, dass jeden Tag die Bevölkerung einer „Kleinstadt“ vom Wirtschaftsnetz geht und vom Rest der Bevölkerung versorgt wird.
Wie lange kann das gut gehen, bis die Wirtschaft eines Landes bricht?