Definitionsmacht – oder warum Rassismus nicht mit Sexismus bekämpft werden sollte
Die Kampagne #NippelstattHetze und das zugehörige Foto, dass die letzten Tage mehrfach in Facebook geteilt wurde regt mich auf. Und ich möchte erklären warum. Und warum ich deshalb nicht humorlos bin, eine gute Kampagne kaputt diskutiere oder mich einfach nur anstelle.
Erstens. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel. Ja, die Intention ist gut. Hetze in den sozialen Medien ist ein Thema, dass dringend angegangen werden muss. Facebooks Policies müssen sich dahin gehend ändern. Dringend. Hetze ist keine Meinungsfreiheit. Damit stimme ich 100% überein. Und trotzdem lehne ich die Kampagne ab, weil sie sexistisch ist! Wenn ich mich am Sexismus bediene, um Rassismus zu bekämpfen, spiele ich eine Form der Diskriminierung gegen die andere aus. Es gibt bestimmt kreativere Möglichkeiten dieses Thema umzusetzen!
Zweitens. Nein, ich hab kein Problem mit Brüsten. Aber mit Sexismus. Und das ist was anderes. Brüste sind etwas Natürliches. Facebook löscht beispielsweise auch Bilder, auf denen Frauen stillen oder Bilder zur Brustkrebsprävention. Sowas ist wichtig. Aber Sexismus ist etwas ganz anderes. Der Hashtag #NippelstattHetze suggeriert, dass sexistische Postings besser sind als rassistische Hetze. Hier wären wir wieder dabei, dass eine Form der Diskriminierung als schwerwiegender dargestellt wird als die andere. Was wäre, wenn wir uns einfach für eine Gesellschaft ohne jegliche Diskriminierung einsetzen? Ich bin überzeugt, dass Menschen die sich gegen Rassismus stark machen eben genau dieses Ziel haben: eine Gesellschaft ohne Diskriminierung. Und Sexismus diskriminiert!
Drittens. Definitionsmacht. Nein ich stelle mich nicht einfach nur an! Ich suche nicht nach Problemen, um mich endlich echauffieren zu können. Wer definiert, wann ich mich diskriminiert fühlen darf? So sehr es mir in diesem Zusammenhang wiederstrebt, möchte ich einen Vergleich zum Rassismus ziehen. Es soll in diesem Vergleich nicht darum gehen, eine Form der Diskriminierung über die andere zu stellen. Ich denke nur, dass Viele (leider nicht Alle, wie die ganze Hetze auf Facebook zeigt!) empfindlicher gegenüber rassistischen Äußerungen reagieren. Sexismus ist oftmals gedanklich nicht so präsent. Also: Wenn eine Person rassistisch diskriminiert wird, wer sollte dann entscheiden, ob es sich um Diskriminierung handelt? Bei dieser Konstellation sind, denke ich, Viele der Überzeugung, dass die betroffene Person zu entscheiden hat, ob sie sich durch die Aussage verletzt fühlt oder nicht und eben nicht die Person, die aus einer privilegierten Position heraus, die rassistische Äußerung von sich gab. Auch hier muss vorsichtig geschaut werden, ob die_der Betroffene zum Beispiel auf Grund von gesellschaftlichen Erwartungen oder Hierarchien überhaupt zugeben möchte, dass sie_er sich diskriminiert fühlt. Nun, wie sieht das Ganze nun aus, wenn ich mich über Sexismus beschwere? Würdest du Betroffenen von rassistischer Diskriminierung auch sagen, dass sie_er sich anstellt?
Und das Ganze passiert nicht nur in der Anti-Rassismus-Bewegung. Mensch bedient sich fröhlich V*rg*w*lt*g*ngsvergleichen oder anderem sexistischen Bums, um dem eigenen Anliegen Nachdruck zu verleihen. Wir sind alle Aktivist_innen in verschiedenen Bereichen, die alle von Bedeutung für die Gesellschaft sind. Warum spielen wir uns dann gegenseitig aus und denken, wir würden dabei unser Ziel einer besseren Gesellschaft erreichen? Vielmehr sollten wir zusammen arbeiten und es nicht als persönlichen Angriff auf unser Anliegen verstehen, wenn wir zum Beispiel für die Verwendung von sexistischen Vergleichen kritisiert werden. Es ein Weg unseren Aktivismus zu verbessern und inklusiver zu gestalten. Dazu müssen wir Betroffenen eine Plattform bieten und ihnen Definitionsmacht zugestehen.
Hier gehts zu unserem ersten Statement zur #nippelstatthetze -Aktion sowie zur Aktion samt Interview des Erstellers: http://prochange.tumblr.com/post/132263808066/das-ding-ist-au%C3%9Fer-kontrolle-geraten-meint