"Vor der Kunst, wie vor dem Gesetz, sind alle Menschen gleich, Herr Direktor."
Dieser und ähnliche Sätze fallen im Theaterfundus des ehemaligen Theaterdirektors Hassenreuter, welcher sich direkt auf dem Dachboden einer Berliner Mietskaserne befindet und in dem wir einen Teil von Gerhart Hauptmanns Tragikkomödie DIE RATTEN erleben.
Jette John, einer Putzkraft im Theaterfundus, fehlt es an einem: ein Kind. Ihr Erstgeborenes starb im Kindbett und seitdem will es mit dem Babyglück nicht noch einmal klappen. Kurzerhand kauft sie dem ungewollt schwangeren, polnischen Dienstmädchen Pauline ihr neugeborenes Kind ab - für 123 Mark! (Hier: 300 Euro) - und gibt es als ihr eigenes aus. Lässt sich mit dem Baby anfangs heile Welt spielen, Herr John ist begeistert über den Familienzuwachs und selbst der Ex-Direktor Hassereuter und Familie kommen mit Geschenken zum vermeintlichen Babyglück vorbei, gerät die durch die psychischen Probleme von Frau John eh schon angeknackste Situation schnell ins Wanken. Denn Paulina fühlte sich zur Abgabe ihres Kindes gedrängt und besteht darauf, es jetzt zurückzubekommen. Als Frau John dann ihren Bruder Bruno auf Pauline ansetzt um diese von sich und ihrer Familie fernzuhalten, endet das tödlich für das Dienstmädchen.
Beim Staatsschauspiel Dresden versetzt die Inszenierung von Daniela Löffner den Handlungsort wortwörtlich in Schieflage und lässt Hauptmanns Milieustudie auf der einer langen, angeschrägten Bühne spielen, die in den Saal hineinragt. Ein brilliant-schönes Monstrum an rechteckiger Bühnentechnik, das auf der schiefen Bahn entlangfährt, tränkt das Ganze dabei den Abend über in Regen, Nebel, Licht und Donnergrollen und flutet den Saal mit selbigem. Das ist dann zwar wahnsinnig effekt-, aber nicht wirklich stimmungsvoll.
So richtig kommt das Stück nicht in Schwung. Der, immerhin versimpelte, Berliner Dialekt der Arbeiterschicht geht ständig in der Akustik unter und die Teil-Modernisierung und Lokalisierung, in dem sich die eingestürzte Carolabrücke, MeToo und nachtkritik.de tummeln, sind zwar für den Augenblick ganz unterhaltsam, aber alles in allem ein bisschen flach. Dem eh schon a-natürlichen, hauptmannschen Text fehlt die Dynamik. Mit den Charakteren lässt sich irgendwie nicht so richtig warm werden - es fehlt die Nähe, es fehlt der Bezug. Die Probleme der Arbeiterklasse bleiben hier nur Abstraktion. So fühlt man sich hier dann eben mal nur dabei, statt mittendrin.
Wenn es auf der Bühne dann außerdem zu einer Diskussion kommt, dass man dem selbst denkenden Theaterpublikum ja durchaus etwas zumuten und zutrauen kann, dann wirkt das in Kombination mit dem sonst doch recht frontalen Stück irgendwie ironisch.
Das der B-Plot rund um Meta-Geplänkel und die Diskussion um Theater im Theater dabei trotzdem noch so viel interessanter ist als der ungreifbare A-Plot rund um Frau John, tut einem schon fast Leid. Immerhin findet man hier als Highlight des Abends Hans-Werner Leupelt als Direktor Hassereuter, in der Paraderolle 'Alter, weißer Mann nach dem man etwas werfen möchte', Leonie Hämer als seine dynamische Tochter Walburga und Jonas Holupirek als optimistischen Erich Spitta, der lieber Schauspieler statt Pastor werden will und nebenbei noch mit Walburga anbändelt.
Ganz zum Schluss, zum großen Showdown, als sich Frau John und die Ihrigen gegenseitig mit Beschuldigungen zerfleischen und die gebildete Klasse nur betroffen daneben steht und blöd dreinschaut, kommt noch einmal Dynamik in das Spiel. Aber dann ist das Stück auch schon vorbei. Frau John hat sich umgebracht. Ach herrje.
Schade. Ein Abend auf den ich mich eigentlich sehr gefreut hatte und der mit seinen Grundthemen rund um Klassizismus, Erwartungen an Mutterschaft und das Sein der Kunst eigentlich super in die aktuelle Zeit passt, der mich aber irgendwie nur unzufrieden zurücklässt. Anschauen werd ichs mir trotzdem nochmal. Wer weiß, was ich beim zweiten Mal davon halte.













