Die Macht des Placebo
- "TÄTÄRÄTÄÄ TÄTÄ TÄTÄ, TÄRRÄÄÄ TÄTÄ TÄ TÄÄÄÄ TÄÄÄ" - "Brainzz, seit einer Stunde im Feierabend?" - "Hi, hier Station. Du, die Frau Krasowskaya… Die kotzt seit heute Mittag. Die kotzt, weint und schreit gleichzeitig. Da muss jetzt irgendwas passieren. " Ich seufze. Manche Patienten haben unter Chemotherapie etwas, das sich antizipatorische Übelkeit nennt. Das ist eine sehr mächtige und mit Medikamenten praktisch nicht zu durchbrechende Form der Übelkeit, die psychologisch durch klassische Konditionierung entsteht und keinen greifbaren Auslöser hat - deswegen ist sie ja auch so unfassbar schwer zu behandeln. So auch die total nette und mir sehr ans Herz gewachsene Frau Krasowskaya. - "Ja. Ist okay. Ich komme." Oben auf Station nehme ich die Kurve mit und stelle etwas frustriert fest, dass ich nicht mehr so viele Asse im Ärmel habe. In die Dame ist heute im Laufe des Tages so ziemlich alles reingelaufen, was es in unserem Krankenhaus gegen Übelkeit gibt - in maximaler Dosis. Mehr kann man nicht so wirklich tun, trotzdem kotzt sie im Gespräch wieder aufs Bettlaken. - "Okay", sage ich. "Das wird so nichts. Sie kriegt jetzt erst ne Tavor zur Überbrückung und dann Duzitrex." - "Häh?", sagt der Pfleger und guckt mich an. "Kenn ich nicht. Haben wir nicht." - "Ja, das müssen wir aus dem OP oder von Intensiv holen. Komm, wir machen das gerade." Auf dem Flur mache ich die Tür zu und gehe ein paar Meter weit. - "Ich brauche jetzt mal eine Zwanzigerspritze mit Kochsalzlösung, nen Liter Infusion und den Monitor aus dem Eingriffsraum", sage ich. Der Pfleger grinst mich an und nickt. Zehn Minuten später schließe ich die Patientin an den Monitor an und erkläre ihr, dass wir ihr jetzt unter Blutdruck- und Pulskontrolle in kleinen Portionen ein Narkosemedikament spritzen. - "Das kann jetzt an dem Zugang ein bisschen kribbeln oder brennen", sage ich und gebe ein paar Milliliter NaCl in den Einspritzhahn. "Das ist aber überhaupt nicht schlimm und geht gleich wieder weg." Frau Krasowskaya nickt und streicht über ihren Arm. Ich drehe die kalte Infusion auf, damit in dem Arm auch tatsächlich was passiert. - "Das macht auch so ein bisschen die Augenlider schwer", sage ich. "Machts im Kopf ein bisschen leichter, ein bisschen duselig kann einem auch werden." Sie würgt einmalig. Ich lege ihr die Hand auf den Rücken und weise sie an, tief ein und auszuatmen. - "Ja", sagt sie. "Mir wird auch etwas schwindelig." Ich messe mehrmals den Blutdruck, spritze in kleinen Portionen NaCl hinterher und mache nach ein paar Minuten eine Pause, weil "der Druck jetzt zu niedrig ist". - "Okay. Das waren jetzt fast zehn Milligramm Duzitrex", sage ich. "Mehr kann ich ihnen nicht geben, ohne Sie auf Intensiv zu verlegen." - "Es ist schon besser", sagt Frau Krasowskaya. "Immer noch ekelhaft, aber es wird besser. Schwindelig ist mir und ganz müde bin ich." Natürlich ist sie müde, denke ich mir. Kotzt ja auch seit sechs Stunden und hat eine Tavor genommen. - "Das ist das Duzi", sage ich. "Mir wäre es total wichtig, dass Sie die nächsten 2-3 Stunden nicht alleine sind. Ich schicke ihnen auch den Kollegen aus dem Spätdienst noch ein, zwei Mal zum Blutdruckmessen vorbei. Sie dürfen ab in einer halbe Stunde schlafen, wenn Sie müde sind - bis dahin bitte immer ans tiefe Atmen denken." Frau Krasowskaya nickt und ist sodann etwas schlapp, aber beschwerdefrei. Und ich werde in meinem Leben nie wieder die Macht des Placebos (respektive des Nocebos) unterschätzen. Ein bisschen Drama gehört halt auch dazu.











