Was ich mich ja schon oft gefragt habe: Was genau steht eigentlich in den Drehbüchern bzw. in den Regieanweisungen, wenn es um die Umsetzung von Gestik und Mimik geht? Da muss es doch eine genaue Anweisung zu geben, wenn Thiel & Boerne z.B. Blicke austauschen sollen?! Was steht dann wohl da? ,,Boerne & Thiel gucken sich an " ODER ,,Boerne & Thiel gucken sich verträumt an"?
Hallo Anon!
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Kommen wir aber auf deine Frage zurück. Ich weiß genau, was du meinst, wenn du sagst “Da muss es doch eine genaue Anweisung geben”, weil man es irgendwann für unmöglich hält, dass solche Blicke und Gesten aus Versehen oder zufällig passieren. Und das tun sie auch sicherlich nicht, doch ich fürchte, ich muss dich dennoch enttäuschen: Wie der Regisseur Daniel Nebenborn ganz richtig schreibt, wird die eigentliche Handlung
»[…] kurz, prägnant und ohne überflüssige Beschreibungen im Präsenz geschrieben. Alle Informationen sollten für die Story relevant sein. […] Grundsätzlich haben Regie- und Kameraanweisungen nichts in einem Drehbuch zu suchen.«
Nur in Ausnahmefällen könne es von Vorteil sein, eine Szene dramaturgisch zu beschreiben (Quelle).
Diese Aussage unterstützt auch die Drehbuchwerkstatt München, die in einem Dokument zusammengefasst hat, wie ein Drehbuch aussieht und dabei Folgendes schreibt:
»Für die Handlungsbeschreibung der Beispielszene reichte ein Halbsatz (Monika und Gerd beim Abendessen). Da die ganze Szene hindurch gegessen wird, hätte man weitere Handlungen beschreiben können: er salzt seine Erbsen nach, sie streicht Butter aufs Brot, er gießt sich Wein nach. Wenn aber kein besonderer Grund besteht, eine spezifische Handlung zu beschreiben, wird deren Erfindung in der Regel dem Regisseur überlassen. Wäre es dagegen darauf ankommen zu zeigen, dass Gerds tyrannische Art Monika zum Trinken bringt, hätte man die Szene mit der Beschreibung beenden können, dass sie sich ein großes Weinglas einschüttet und wortlos mit dem Essen fortfährt.«
(Quelle)
Wir sehen also, dass nur jene Handlungen explizit beschrieben werden, die für das Verständnis der Handlung und der Charaktere unerlässlich oder zumindest sehr hilfreich sind. Das ist, wie ich behaupten würde, bei den meisten Gesten und Blicken von Thiel und Boerne nicht der Fall, zumindest nicht bei solchen, die wir als slashig betiteln würden. Das würde nämlich gleichzeitig einen spezifischen höheren Zweck solcher implizieren, wie zum Beispiel die Darstellung heimlicher Gefühle, was ich für den Tatort Münster (so sehr ich die beiden auch shippe) doch etwas weit hergeholt finde. Auch deshalb, weil die Drehbücher immer wieder von anderen Autoren geschrieben werden und einen langen Überarbeitungsprozess durchlaufen, in den viele Menschen immer wieder eingreifen, auch wechselnde Regisseure etc.
Nun habe ich natürlich noch keines der Drehbücher vom Tatort Münster gelesen und kann deshalb nur spekulieren. Allerdings lässt sich auch in kurzen Ausschnitten, die hier und da mal aufgeschnappt werden können, die bereits angesprochene reduzierte Ausschreibung etwaiger Anweisungen erkennen:
Wie wir sehen, werden hier kaum schauspielerische Handlungen vorgeschrieben, Adjektive werden selten verwendet. Wenn überhaupt, dann im ersten Beispiel, um den Witz hervorzuheben - und selbst das wurde zumindest von Jan Josef Liefers in der entsprechenden Folge “Summ, summ, summ” ganz anders gespielt.
Denn auch das müssen wir ja bedenken: Letztendlich entsteht ein Film nicht auf dem Papier. Was auch immer ein Drehbuch vorschreibt, kann am Ende abweichend dargestellt werden. Sei es nun, weil beim Spiel festgestellt wird, dass ein bestimmter Satz nicht oder vielleicht anders besser funktioniert oder weil der Regisseur plötzlich irgendeine Eingebung hat. Alles hat es schon gegeben. Das Drehbuch mag der Samen sein, das Filmteam aber ist Sonne, Wasser und Wind, welche der Blume erst zum Gedeihen verhelfen.
Sollten also in einem Tatort-Münster-Drehbuch solche Verhaltensweisen beschrieben sein, dann vermutlich nur, um die (platonische) aktuelle Gefühlslage der Personen hervorzuheben, einen Witz zu betonen oder auf ein wichtiges Detail im Bezug auf den Fall aufmerksam zu machen. Und selbst dann wissen wir nicht, inwiefern die Schauspieler, der Regisseur oder andere Beteiligte noch auf die ursprüngliche Drehbuchszene eingewirkt und ihre Bedeutung oder Wirkung dadurch verändert, zumindest aber beeinflusst haben.
Ich persönlich glaube, dass im Tatort Münster viel durch das spontane Spiel oder vielleicht auch die Intention der Darsteller entsteht. Jan Josef Liefers und Axel Prahl wissen um ihre Chemie und spielen gerne damit, da müssen bestimmte Blicke oder Berührungen gar nicht im Drehbuch vorgegeben sein.
So, und jetzt, wo ich fertig mit Schreiben bin, merke ich, dass du deine Frage so ernst vielleicht auch gar nicht gemeint hattest … na ja, aber so ein bisschen Drehbuchinput kann ja nicht schaden, nech? :D
Auf jeden Fall schicke ich dir viele Grüße und hoffe, ich konnte trotzdem irgendwie helfen!
In einer nicht allzu weit entfernten Zukunft, in einer Fernsehstudioküche der berühmten Kochshow „Social Cooking“. In medias res.
Nun ja, es ist nicht gerade das, was man als munden bezeichnet,...
nein, zumindest für mich nicht. Es ist ja auch nicht das delikateste Stück. Die Konsistenz ist mir persönlich zu... schleimig, schmalzig. Man könnte natürlich, und ich habe das auch schon getan, diese Masse, die ja hauptsächlich aus Nervengewebe besteht, mit einem Fett ausbraten, so nennt man das, ausbraten und zusammen mit ein paar anderen Zutaten, Apfel und Rosmarin zum Beispiel, ein richtiges Schmalz herstellen. Ich persönlich mag kein Schmalz. Ich empfinde das Gehirn auch als ein dreckiges Organ. Das ist mir zuwider. Oberschenkelmuskulatur dagegen, Muskulatur überhaupt, ist richtig gebraten, also nicht mehr blutig und noch nicht durch, schon allein wegen der Einfachheit, immer wieder verlockend. Natürlich sollte das Fleisch nicht all zu alt sein. Früher habe ich ja fast alles gegessen. Heute verzichte ich weitestgehend auf Innereien, ich verkaufe sie lieber. Stücke aus der Rippe sind auch lecker, weil da noch das Knochenmark zum Geschmack beiträgt.
Auftritt der Nahrungsmittel.
Also hier haben wir jetzt frisches Hack, wir nennen es aber aus kulinar-ästhetischen Gründen Haschee, die Phantasie, das Empfinden das isst ja auch mit, nicht wahr. Hack, das ist Pöbel. Haschee dagegen, das ist Frankreich, das ist Proust, die „Verlorene Zeit”, Haute cuisine! Außerdem, unser Haschee wird ausschließlich mit Meersalz aus dem toten Meer gesalzen, weil seine Aromen sich damit erwiesenermaßen besser entfalten können. Dann haben wir hier frischen Bacon aus dem Bauch, der auch mit Meersalz gepökelt ist. Das hier ist Steak aus der Hüfte. Und hier, das hier ist geräucherte Pelle, also Haut, die direkt vom Kopf gezogen und über schwelenden Pneu geräuchert wird, dessen Zusammensetzung über den Geschmack entscheidet. Wir haben da drei verschiedene Produkte in unserem Sortiment. Das hier nennen wir PEAU A LA STYROL, die einen leicht süßlichen Geschmack hat, der an Honig und Sommerwiese erinnert.
Hier, das kann man ja unschwer erkennen, das ist Herz. Hier haben wir Lungenhaschee, sehr lecker. Und Nieren, die bereits gefüllt sind mit einer Tomaten-Basilikum-Paste, mikrowellengerecht, wenn es mal schnell gehen soll. Da haben wir uns der Nachfrage angepasst und uns entschieden hochwertige Fertigprodukte zu machen, für den Single-Haushalt junger Professioneller, natürlich alles aus kontrolliertem Anbau. Und schließlich Darm, in den wir dann das angebratene Haschee drücken. Wir haben herausgefunden, dass ungereinigter Darm tatsächlich besser schmeckt, herzhafter, das liegt an den darin enthaltenen Bakterien, die beim Garen bittersüße Aromen entwickeln, ein bisschen wie leicht gesüßter Kaffee. Gefüllt mit Herzhaftem unschlagbar. Wir machen ja auch seit geraumer Zeit Würste, mit echtem Darm natürlich. Für unsere Produktreihe FIENTE EXTRAORDINAIRE wurden wir international mit Preisen überhäuft. Wir sind im übrigen die erste Nahrungsmittelmarke die mit Sternen ausgezeichnet wurde. Keines unserer Produkte hat weniger als drei Sterne.
Ja und die Früchte. Broccoli, gut gegen Krebs,...also solange man ihn noch nicht hat. Erdbeeren, Spargel, Aprikosen, Artischocken, Fenchel und Ananas und Tomaten, Knoblauch und Zwiebeln. Als Gewürze nutzen wir heute neben Salz und Pfeffer, Habaneros und Cayenne-Chilis, Kreuzkümmel, Zimt, das immer gut zu Tomaten passt wie zum Beispiel auch Honig, das passt auch gut zu Tomaten. Tomatenketchup ist ja eigentlich nur Zucker. Kurkuma, Koriander und Ingwer. Das Spezielle an unseren Früchten und Gewürzen ist, dass sie alle mit einem Lymphe-Wasser-Gemisch gegossen und mit Fäzes gedüngt werden. Wir haben damit eine Ertragssteigerung von vierhundert Prozent erzielt und,... hier kosten Sie mal diese Erdbeeren. Ist das nicht irre? Erdbeeriger geht’s ja nun wirklich nicht!
Also heute gibt es ein Steak aus der Hüfte zu einer Tomate-Ingwer-Ananas-Sauce mit ein wenig Haschee. … Als Beilage, achso ja, das habe ich ja ganz vergessen zu erwähnen, als Beilage gibt es in PISSER-DU-SANG eingelegte süße Kartoffeln. Die PISSER-DU-SANG wird als Vorsuppe serviert. Dazu wird im Speckmantel geschmortes Haschee aus Lunge und üblichem Hack zusammen mit einer Paste aus Spargel und Artischocke gereicht. Sie glauben gar nicht wie aufwendig es ist, eine gescheite PISSER-DU-SANG herzustellen! Allein über acht Jahre die Kontrolle über die Nahrungszufuhr zu behalten, ist an Aufwand wohl kaum zu überbieten! Aber so ist das eben bei uns, für unsere Kunden nur das Allerbeste. Wir scheuen da keine Mühen um aus konventionellem Material neue Nahrungsmittel zu entwickeln. Wie zum Beispiel unser Nachtisch für heute, zum Abschluss gibt es unsere ganz neue Spezialität: ROUBIGNOLES FROID, erst in flüssigem Stickstoff eingelegt, da haben wir uns von der Molekularküche inspirieren lassen, werden sie anschließend mit karamellisierten Honig überzogen und mit Erdbeeren serviert.
Ja, bald feiern wir mit der Firma 25 Jähriges Bestehen. Angefangen habe ich aber ganz allein. Warum?
Sie beginnen mit dem Schnippeln.
Ich hatte Hunger!? Gegen diesen unsäglichen Stoffwechsel kann man einfach nichts machen. Lacht. Als ich nach dem Studium keine Stelle bekam, sah ich mich wie so viele dazu gezwungen, ALG II zu beantragen, womit ich dann nur sehr schlecht über die Runden kam. Bis es aber soweit war, während der Bearbeitungszeit meines Antrages, ich glaube das waren schon so vier Wochen, hatte ich kein Geld mehr. Ich wollte nicht betteln und einen Dispokredit hatte ich nie beantragt. Ich weiß noch, dass dieser eine Politiker, ich glaube er war zu dieser Zeit Finanzverwalter in B., den Bedürftigen vorrechnete, wie gut man sich mit dem Hartz-IV-Regelsatz ernähren könne. Ich komme aus einer Familie von Bauern, müssen Sie wissen, so richtig mit Hof, Vieh und allem. Und das was dieser Herr, ich habe seinen Namen vergessen, als Nahrung bezeichnete, also bitte ja... Ich konnte das einfach nicht essen. Selbst Fäzes beinhaltet mehr brauchbare Stoffe als dieses... Zeug. Lacht. Und biologischer wäre es auch. Lacht. Jedenfalls, diese Dinge essen?, mir das da auftischen lassen?, das wollte ich nicht. Ich wollte aktiv sein, und selbstbestimmt. Ich wollte die Kontrolle über mich und meinen Konsum haben. Nur, der Arbeitsmarkt machte mir zunächst einen Strich durch die Rechnung. Das war keine gute Zeit. Wie das alles angefangen hat? Ja also, lassen Sie mich zunächst ein wenig auf meine Vorgeschichte eingehen. Als kleines Mädchen konnte, eigentlich müsste man schon sagen: durfte, da durfte ich Zeuge sein, sozusagen, und sehen, woher Nahrungsmittel kommen, wie sie verarbeitet und gemacht werden, was ihnen hinzugefügt und was ihnen abgeführt wird. Wir lebten ja, wie gesagt, auf einem Bauernhof, ich hatte da sozusagen Informationen aus erster Hand. Bei der Schlachtung der Tiere durfte ich aber auch erst mit zwölf Jahren dabei sein, beziehungsweise musste es, um zu helfen. Das war damals sehr schrecklich für mich, als ich entdeckte, dass mir Lebewesen, die in ihr eigenes Arschloch gestopft werden, ahaha, dass, ahaha, dass die mir schmeckten. Ahahha. Aber so ist es doch! … Da begann ich dann für eine gewisse Zeit, erst vegetarisch und dann sogar vegan zu leben, was meinen Eltern, als alteingesessene Landwirte, fremd war. Aber sie tolerierten es. Zwei oder drei Jahre ging das so. Nachdem ich den Schock über diese verächtliche Verarbeitung der Tiere überwunden hatte, aß ich dann auch wieder Fleisch, aber eben nur das von unserem Bauernhof. Als ich anfing zu studieren erfuhr ich mehr und mehr, wie Tiere anderswo gehalten und verarbeitet werden, dieses industrielle Gelöt und was da alles reingepanscht wird. Zum Glück hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch die Möglichkeit ausschließlich Erzeugnisse von unserem Hof, zu, na ja, zu essen. Zum Ende des Studiums jedoch geriet ich mit meiner Familie in Streit, bis der Kontakt schließlich ganz abbrach. Long Story. Mein Studium schloss ich zwar erfolgreich ab, sehr erfolgreich sogar, der sogenannte Markt aber brauchte keine Geisteswissenschaftlerinnen und ich wurde direkt in Hartz IV entlassen, wie viele andere auch. Das muss man sich mal vorstellen. Der Markt braucht und der Markt braucht nicht, als wäre er ein handelndes Subjekt. Aber das ist ja eine andere Geschichte.
Sie schnippeln. Sortieren das Geschnippelte.
Jedenfalls herrschte damals für alle ein Klima der Angst, besonders bei unteren Einkommensklassen, aber irgendwie muss das ansteckend gewesen sein, da auch Menschen die gut bis, ja bis übertrieben gut verdienten, von dieser Angst ergriffen wurden. Geld machen, Geldmachen, Geld, Geld, Geld, weil man sich ja auch so viel kaufen musste, sei es weil es kaputt gegangen war, oder weil man nicht die Sachen vom letzten Jahr tragen, und sich schon gar nicht mit dem Smartphonemodell von vor zwei Jahren sehen lassen wollte. Das wäre ja nun wirklich peinlich. Zumindest in Prenzlauer Berg. Die Besserverdienenden konnten immerhin horten, alle anderen lebten von der Hand in den Mund, wie man sagt. Jedenfalls, mein ALG-II-Antrag war also in Bearbeitung. Es war Dezember und bitterkalt. Ich hatte kein Geld mehr und keinen Kontakt zu meiner Familie. Meine Mitbewohner waren über Weihnachten zu ihren Familien gefahren und ich war allein. Zu dieser Zeit war es sogar so schlimm, dass ich in diversen Supermärkten Kleinigkeiten stahl, also Essen natürlich. Das zog sich zwar über einige, wenige Wochen hin, kann aber kaum aufgefallen sein, weil ich mein Einzugsgebiet sehr weit anlegte. Zu einer Suppenküche für Bedürftige oder dergleichen wollte ich nicht gehen. Einerseits hatte ich dort keinen Einblick, oder keine Auskunft über Ursprung und Zusammensetzung der Nahrungsmittel, andererseits wollte ich mich nicht so... ergeben. Ich wollte mich nicht ergeben und nicht bloß nur ernährt werden, und vor allem nicht in so ein Abhängigkeitsverhältnis geraten.
Ich wollte selbst über mich bestimmen. Ganz normal eigentlich, sollte man denken, allerdings war es schon zu damaliger Zeit gar nicht so einfach, das zu bewerkstelligen. Na ja, das ist ja auch eine andere Geschichte. Jedenfalls, am frühen Nachmittag des 24. Dezembers, ich weiß das noch ganz genau, ging ich nochmal raus, um etwas Essen aufzutreiben. Die Geschäfte waren noch offen und gut überfüllt, da kann man dann auch beherzter zugreifen. Ich habe auch schon, na ja sozusagen Weggeschmissenes aus Supermarktcontainern gefischt, zwei drei Mal, aber… also, nein das…, da habe ich mich nicht gut mit gefühlt. Es ist ein unerhörtes Verbrechen, dass Menschen sowas machen müssen, wenn sie nicht betteln wollen. Scheußlich. Ein unerhörtes Verbrechen. Na jedenfalls, ich wollte also rausgehen. Als ich die Haustür zur Straße öffne, sehe ich da jemanden liegen, direkt im Eingangsbereich. Es war ein Obdachloser, so schien mir, dessen Oberkörper nur von einem Pullovern vor der Kälte geschützt war. Ich kannte ihn vom sehen. Er stand immer krummgebückt, in Decken gehüllt auf dem Parkplatz vor Penny. Dachte nicht, dass es ein Obdachloser ist, sondern ein Säufer. Vielleicht war er auch kein Obdachloser, keine Ahnung. Jedenfalls lag er nun in meinem, in unserem Hauseingang. Deckenlos. Sofort stupste ich ihn an, um zu sehen ob alles in Ordnung war. Allerdings war es schon zu spät. Er war tot und wie sich herausstellte bereits steif gefroren. In einer Art embryonalen Haltung, wobei der Kopf seltsamerweise grotesk in den Nacken gelegt war, lag er da. So etwas kann zu Weihnachten natürlich nur im Prenzlauer Berg passieren. Da ist es ja dann so gut wie leer, weil die alle zu ihren Eltern und Großeltern nach Baden-Württemberg fahren. Als ich in die Manteltasche griff, fiel mir wieder ein, dass ich das IPhone oben liegen gelassen hatte, um bei der, sagen wir mal Jagd nicht gestört zu werden. Lächerlich eigentlich, damals hat mich sowieso kaum jemand angerufen. Gerade als ich im Begriff war, das Telefon zu holen um die Polizei zu rufen, fiel mir auf, dass wirklich niemand zu sehen war. Es schneite auch sehr stark. Ich sah den Obdachlosen oder Säufer oder was auch immer, nennen wir ihn einfach mal den Verhaltensauffälligen, also als er noch Verhalten aufwies, damals, vermutlich vor ein paar Stunden, vielleicht sogar nur Minuten, den sah ich nun vor mir liegen. Es schien, dass er noch nicht lange auf der Straße lebte. Vielleicht war es gar kein Obdachloser. Er wirkte, soweit man das von einer Leiche sagen kann, auch ziemlich jung. Sein Gesicht war noch gar nicht so gegerbt, kaum faltig, nicht eingefallen. Nur die Sachen waren in Mitleidenschaft gezogen. Der Pullover und die vergilbte Jeans hatten Löcher. Die Leiche selbst, also das Gesicht, sah eigentlich... recht frisch aus.
Ich wollte einfach nur,... ich wollte halt, dass er nicht umsonst gestorben war und zog den Toten in den Hauseingang, was sich als gar nicht so einfach erwies. Ich konnte ihn unmöglich in den vierten Stock ziehen. Zum Keller würde ich es vielleicht schaffen. An der Kellertreppe angekommen, wollte ich den Körper die Treppe runtergleiten lassen, was mir mehr oder weniger auch gelang. Er entglitt meinen Händen, rutschte die Treppe hinunter und schlug sich an der Ecke, bei der die zwei Kellergänge zusammenkommen, den Kopf, so dass derselbe sich in einem Krach vom Körper trennte. Er muss echt schon eine Weile im menschenleeren Prenzlauer Berg gelegen haben. Jedenfalls wusste ich jetzt, wie ich ihn nach oben befördern konnte. Versuchen Sie mal mit einem Brotmesser und einer Nagelschere eine Leiche zu zerteilen. Solange sie gefroren und steif war, ging das noch, da kam ich gut voran. Sobald sie aber ein wenig angetaut war, wurde das alles sehr, na ja, eben matschig. Immerhin wusste ich, was zu tun war. Ich wusste ja wie man schlachtet. Und ich habe so viel verschwendet, dieses erste mal. Den ganzen Torso habe ich weggeschmissen und nur das Fleisch der Extremitäten benutzt. Ich habe den Oberkörper zwar geöffnet, darin aber so viel Schaden angerichtet, dass an eine Verwendung, zum Beispiel der Leber, gar nicht mehr zu denken war. Aber Rippchen habe ich geschmort. Bis nach Silvester hat das Fleisch gereicht. Zum Jahreswechsel habe ich damals Pilzragout mit Rotweinsauce daraus gemacht. Die Pilze und den Rotwein konnte ich mir sogar kaufen, weil zwischenzeitlich die Hartz-Zahlung eintrudelte. Das Gericht kam außerordentlich gut an, auf der Silvesterparty unsere WG. Als ich meinen Mitbewohnern später die Umstände erklärte, zu einem Zeitpunkt als sie dann auch bedürftig wurden, fanden sie das alles ganz okay und so ist dann diese Sache entstanden, die dann später zu Restlé wurde. Ach ja, von diesem Obdachlosen habe ich auch, also aus seinem Gehirn, habe ich dann auch ein Schmalz hergestellt und, na ja, also nee, das war nicht gut. Ich mag das nicht. Das ist eklig.
Sie beginnen zu kochen.
So, also als erstes mache ich immer die Zwiebeln rein und lass dieselben dann ein wenig anbraten, bis sie glasig sind. Dann kommt ein Löffel Honig dazu, das Ganze karamellisiert dann. Zucker und Tomaten das geht immer gut. Später kommt dann ein wenig Zimt hinzu, weil das gut zu den Tomatenaromen passt. Ich finde es besser wenn das Fleisch in der Tomatensauce kocht und gar wird, aber man kann es auch mit den Zwiebeln anbraten und dann die Tomaten dazugeben. Na ja, jedenfalls habe ich dann erst mit meinen Mitbewohnern unser kleines Start-up betrieben, so als Internetshop und so. Obdachlose gab es ja immer mehr, dank des Wirtschaftswachstums und steigernder Mieten. Wachstum halt. Das war alles noch ein bisschen illegal, müssen Sie wissen. Als man dann aber in Berlin die rückläufigen Obdachlosen- und na ja Arbeitslosenzahlen bemerkte machten die neoliberalen Chefideologen ein riesen Fass auf.
...ja, na ja, die Nachfrage nach bezahlbaren, hochwertigen Nahrungsmitteln war enorm, wir waren dazu gezwungen, zu expandieren, sonst wäre unser Business schlichtweg eingebrochen. Also haben wir einfach damit begonnen ein anderes Ressourcenfeld auszubeuten. Arbeitslose. Dann Rentner. Schließlich begannen wir dann zu experimentieren, und neue Geschmacksrichtungen zu entwickeln. Zum Beispiel durch die Verarbeitung von Alkoholikern. Wir haben ganze Welten von neuen Aromen entdeckt. Wer hätte gedacht, dass sich das Schmalz von adipösen Zuckerabhängigen hervorragend dafür eignet, in Whisky getränkte Fettleber zu frittieren? Das schmeckt dann ein bisschen wie eine Mischung aus Kirsche, Whyskie und Fritten, deswegen nennen wir es auch Pommes Chéri, hat zwar nichts mit Kartoffeln zu tun, aber wen interessiert das schon? Zu diesem Zeitpunkt hatten wir dann aber auch schon unseren ersten kleinen Shop, direkt am Helmholtzplatz, mit riesen Eröffnungsfeier, Prominenz und allem Drum und Dran.
Da war uns längst aufgefallen, dass unsere Arbeit die Welt so verändert, wie es uns die FDP und die anderen Neoliberalen seit Jahrzehnten versprochen hatten. Es gab ja immer weniger Obdach- und Wohnungs- und Arbeitslose, und zwar nicht nur in Zeiten der Konjunktur. Der Markt regulierte sich tatsächlich selbst! Also nicht wirklich. Wir, also Restlé, waren ja die unsichtbare Hand. Dabei hatten wir uns diese Narrative gar nicht zur Vorlage gemacht, sondern wir strebten schlichtweg nach dem Guten, Wahren und Schönen. Ganz Einfach. Und natürlich, je mehr die unschönen Nebenprodukte des Kapitalismus aus der Öffentlichkeit verschwanden, desto sichtbarer wurde der Wohlstand, das Wirtschaftstwachstum und so weiter. Kein Vertreter der Autorität hätte sich dieser Pragmatik entziehen können, es ging ja schließlich auch um sein oder ihr Amt und damit Einkommen, das von den Stimmen der Wähler abhängig war. Jedenfalls, wir, also Restlé, waren und sind nach wie vor eine Wahrheitsmaschine. Wissen Sie nicht mehr, damals als in den Politik-Talkshows immer von Vollbeschäftigung und sozialem Ausgleich die Rede war? Das ist jetzt Realität. Der Akt der Legalisation war also ein Kinderspiel. Und dann kamen die Flüchtlinge und ein Jahr später sind wir an die Börse gegangen und haben nach und nach die anderen Player aufgekauft. Gegessen wird immer und es gab genug Konfliktherde und damit Expansionsmöglichkeiten. Niemand kann sich heute überhaupt noch vorstellen, dass es über Dekaden hinweg einen Nahostkonflikt gab. …
Erschütternde Explosion. Das Dach des Studios fällt halb herunter halb wird es nach oben weggerissen. Eine riesige Hand greift aus dem Himmel in das Studio und schnappt nach der Unternehmerin und dem Moderator, fasst beide und zerquetscht sie in der Faust. Die Crew, blutgetränkt steht sie da, starr vor Angst auf das riesige Loch in der Decke starrend. Es geht eine leichte Brise und man hört entfernt Schreie auf den Straßen.
Der Kameramann lugt hinter der Kamera hervor: „Der große Berliner.”
Ein zynischer amerikanischer Schriftsteller in Paris soll einen Liebesroman schreiben – doch statt sich zu verlieben, verliert er sich in eine Illusion: die ideale Frau, erschaffen aus den Stimmen zweier Frauen, die beide ihr eigenes Spiel mit ihm treiben.
SYNOPSIS
Paul Miller, ein amerikanischer Romanautor in Paris, hat den Glauben an die Liebe längst verloren. Ausgerechnet er soll für seinen Verlag einen romantischen Bestseller schreiben. Als er der charismatischen Schauspielerin Julia begegnet, scheint sie alles zu verkörpern, was er nicht mehr für möglich hielt – Inspiration, Geheimnis, Begehren.
Was Paul nicht weiß: Die sensiblen, poetischen Texte, die ihn zutiefst berühren, stammen nicht von Julia, sondern von Cécile, einer jungen Literaturstudentin, die heimlich in ihn verliebt ist und in Julias Namen schreibt. Während Paul sich immer tiefer in seine Vorstellung von „der idealen Frau“ verliert, verschwimmen Realität, Projektion und Autorschaft.
Parallel dazu spielt Julia ihr eigenes Spiel: Sie engagiert Cécile, um einen aufdringlichen Regisseur abzuwehren – der ausgerechnet die Geschichte von Henry Miller und June Miller verfilmen will.
Ein Spiegel beginnt sich zu drehen: Vergangenheit und Gegenwart, Fiktion und Wahrheit, Liebe und Inszenierung greifen ineinander – bis niemand mehr sagen kann, wer hier eigentlich wen erschaffen hat.
Nisha hat gerade Abitur gemacht und will oder soll jetzt studieren. Dann trifft sie auf Clara, die schon Musik studiert. Trotz verschiedener Leben lernen sie sich kennen und erleben einiges zusammen.
Nisha hat gerade Abitur gemacht und will oder soll jetzt studieren. Dann trifft sie auf Clara, die Musik studiert. Trotz verschiedener Leben
Nisha ist entspannt. Sie schlendert in Gedanken allein
durch einen Park. Die Bäume rauschen im Wind. Sie schaut
sich währenddessen genau um, mal nach oben, mal zur Seite
und auch nach unten.
Nisha liegt mit dem Rücken auf ihrem Bett und das Handy
neben ihr. Kleider liegen verstreut auf dem Boden. Der
Raum sieht ansonsten ordentlich aus und scheint wie in
einem stilvollen Möbelhaus eingerichtet zu sein mit
wenigen persönlichen Gegenständen.
NISHA
(OFF)
Ich bin so leer und kaputt,
seit ich Abi gemacht habe. Nur
lernen, lernen, lernen. Und
jetzt? Ich habe ja nicht mal
eine richtige Leidenschaft …
wie Clara. Wirklich besonders!
Das will ich auch … ich muss
sie nur finden. Aber wie?