Nicht jeder Salafist wird auch ein Dschihadist. Aber viele Dschihadisten beginnen ihre kriminelle „Karriere“ im Salafismus. Daher ist es wichtig zu verstehen, wie die Radikalisierung hin zum Salafismus abläuft.
Der Islamismusexperte Jochen Müller sprach im Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ über die Ursachen der Radikalisierung bei jungen Muslimen.
Zur Frage, wie die Jugendlichen im Salafismus landen, sagt Müller:
„In unseren Gesprächen mit Jugendlichen merken wir, dass sich viele für Religion interessieren, ohne sehr religiös zu sein. Für sie ist es eine Frage von Identität und Zugehörigkeit. Sie interessieren sich viel mehr für Religion als ihre Eltern – gerade, wenn die Eltern Zuwanderer sind. Die Jugendlichen finden, ihre Eltern hätten sich in der Frage weggeduckt, um nicht anzuecken. Sie aber wollen ihre Identität als Deutsche UND Muslime leben – finden aber keine Orte, an denen sie darüber sprechen können. Nicht in der Schule, auch nicht in der Moschee, weil der Imam die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen nicht kennt. Also gehen sie ins Internet und stoßen auf Angebote der Salafisten.“
Und auf die Frage, was die Angebote des Salafismus für die Jugendlichen so attraktiv macht:
„Endlich spricht sie jemand in ihrer Sprache an – das ist nämlich Deutsch – und bietet simple, absolute Wahrheiten über die Welt, den Islam, Gut und Böse. Auch aufgrund mangelnder Medienkompetenz sehen sie das Problematische nicht, sondern schätzen das Gemeinschaftsgefühl. Es bietet sich eine Ersatzfamilie, oft Ersatzväter – auch für viele Jugendliche ohne Migrationshintergrund, die als Konvertiten aktiv werden.“
Die Religion sei in diesen Fällen nur das Vehikel, die Legitimation für provokantes Verhalten – wozu Müller den Konsum salafistischer Propaganda-Videos erst mal zählt.
Mit Religion oder Tradition, wie sie die Eltern vermitteln, habe das nichts zu tun. Die Provokation richte sich gegen die eigenen Eltern wie gegen die ganze Gesellschaft. Denn Die jungen Muslime, die Gewaltvideos verbreiten, halten das für die ultimative Form von Protest, Rebellion und Aggression gegenüber der Welt, mit der sie unzufrieden sind.
Die Religion sei nicht das Problem. Natürlich sei der Islam wie jede Religion instrumentalisierbar – und der Islamismus geriere sich derzeit als Gegengewicht zur westlichen Welt, die die Jugendlichen vielleicht frustriert.
Anfangs stellen die Jugendlichen ja nur Fragen, sagt Müller. Nötig seien dann klare Signale der Zugehörigkeit: dass man den Islam als Teil von Deutschland anerkennt. Muslime in Europa seien ständig mit diesem Teil ihrer Identität konfrontiert.
Es brauche eine aktive Auseinandersetzung mit Glauben, Religiosität, Identität. Andernfalls übernehmen die Radikalen diese Themen - und Jugendliche sind dem ausgeliefert, weil sie kein Problem erkennen (und oft wenig von ihrer Religion wissen).
Jochen Müller arbeitet beim Berliner Verein ufuq.de, der in ganz Deutschland Jugendarbeit und Fortbildung zur Islamismus-Prävention betreibt.