Nisr Karaz – Kopfsplitter
Der Mann, der nur Gegenwart war, griff nach der Schale aus gepresstem Zellstoff, die ihm über die Theke gereicht wurde. Sah sich den Inhalt neugierig an, verglich die rotbraune Stückigkeit darin mit dem über dem Laden angebrachten Werbeschild und kam zu dem Ergebnis, dass nur wenig Ähnlichkeit vorhanden war.
Hinter ihm wurde die Schlange länger. Aber wenn man deutlich über zwei Meter aufragte und Vibroklingen groß wie Echsenaffen trug, konnte man sich in der Regel bei Vielem Zeit nehmen. Er hielt noch ein wenig inne. Tunkte das Ende eines Metallfingers in die Soße und leckte es ab.
Der Rodianer hinter der Theke sah ihn nervös an, die riesigen Augen noch dunkler als gewöhnlich, angstgefärbt. Schweiß bildete sich unter den Antennen und holperte über die schrundige Haut in Richtung des speckigen Kragens.
Der Mann, der nur Gegenwart war, drehte sich zur Seite, ließ einen kleinen Credstick auf die Theke fallen. Deutlich waren die Markierungen des Kartells zu erkennen. Dann ging er zu einem der Plastiktische in den düsteren Tiefen der Fastfoodbutze hier in den mittleren Ebenen des stinkenden Mondes.
Systematisch und ohne großen Genuss begann er zu essen. Mechanische Handlungen halfen manchmal. Sorgten dafür, dass seine Gedanken Wege um die Sicherung in seinem Kopf, die die Finder eingebaut hatten, nehmen konnten.
Aber vielleicht war er doch noch zu angespannt, vielleicht war es nur der Ekel, den er vor seiner Umgebung empfand. Jedenfalls kam diesmal nichts zurück. Nicht einmal der Hauch eines Geruches, ein Lachen, ein Blick über die Schulter. Die Vergangenheit blieb leer und dunkel, erhellt nur von den Splittern, die sich viel zu selten in den letzten vier Jahren eingefunden hatten.
Er klaubte einen kleinen Fleischklumpen aus der Schale und warf ihn dem roten Horranth unter dem Tisch zu. Der Rodianer sah ihn kurz strafend an, aber nicht strafend genug, um nicht sofort wieder wegzusehen, als der Mann, der nur Gegenwart war, den Kopf in seine Richtung drehte.
Auch das war ein Splitter. Man fürchtete ihn. Hatte es schon immer. Und es lag nicht an seinem Äußeren. Die kybernetischen Arme, Beine. Die verbrannte Gesichtshälfte. Es lag an anderen Dingen. Aber sie kamen nicht zurück.
Er wusste, was er war. Er war Sith. Er konnte die Macht nutzen und nichts fiel im leichter als zu töten. Aber das war einfach gewesen, ein Blick in den Spiegel und dann ein Griff nach einem Datapad mit Holonetverbindung hatte gereicht, das herauszufinden. Aber sonst blieb die Leere.
Er hätte nach seiner vollständigen Genesung – Hah! vollständig! Wie denn, wenn nur noch die Hälfte seines Körpers vorhanden war? - zurück ins Imperium gehen können. Aber das Chaos dort war zu groß. Und was, wenn er zu hoch auf der Abschussliste stand? Wenn er nur zu seiner eigenen Hinrichtung marschieren würde?
Nein. Er musste von hier aus herausfinden, was hinter ihm lag.
An manchen Tagen schien es ihm, dass er es nicht musste. Nicht wollte.
An anderen war es ein Brennen hinter den Augen, das sich nicht ignorieren ließ.
Was war sein Wille? Und was war das, was das Implantat ihn denken ließ?
Natürlich war er den Findern dankbar. Die ihn aus dem brennenden Wrack gezogen und verarztet hatten. Die erkannt hatten, was er war. Und die vor allem Möglichkeiten gesehen hatten.
Aber diese Möglichkeiten waren mit Risiken gekommen. Es gab wenig effektivere Vollstrecker als Sith. Sie waren gnadenlos, unermüdlich und getrieben. Aber genau das machte sie zweischneidig und gefährlich – auch und gerade für die, die sie beauftragten. Deshalb hatten die Finder ihm das Implantat eingesetzt, als er noch bewusstlos gewesen war.
Das Implantat, das ihm Frieden geben konnte, wenn er Zorn wollte. Das Implantat, das ihn nicht auf seine Vergangenheit sehen ließ. Das Implantat, das die Ärzte der illegalen Klinik mit großer Ehrfurcht auf dem Holo betrachtet und ihm dann gesagt hatten, dass diese Technologie mit das Fortschrittlichste und Perfideste sei, das sie je gesehen hätten. Das Implantat, das niemand außer die Finder nutzen oder entfernen konnte. Und warum sollten sie es entfernen wollen?
So war das Verhältnis des Mannes, der nur Gegenwart war, zu den Findern ein Zwiespältiges. Sie hatten ihn gerettet, sie hatten ihm den Körper wiedergegeben. Aber sie hielten ihn fest.
Er würde sie töten.
Aber zuerst musste er weiter Splitter sammeln. Denn noch war es viel zu wenig. Alles, was er bisher gefunden hatte, war rinnender Sand zwischen den Fingern. Das Lachen einer Frau, ein Junge mit roten Haaren und roter Haut. Eine Tür im Dschungel Korribans. Das glatte Gefühl, wenn man mit den Fingern über die Navigationskonsole einer Interceptor strich. Keine Namen und das Gesicht des Jungen war nirgendwo zu finden. Nicht einmal sein eigenes Gesicht – das, was davon übrig war – war zu finden. Oder ließen sie ihn finden.
Der Gegner saß in seinem Kopf und ahnte jede Bewegung voraus, weil er es selbst war.
Der Mann, der nur Gegenwart war, hatte seine Mahlzeit beendet. Er stand auf und schnippte mit den Fingern. Der Horranth knurrte und schoss unter dem Tisch hervor an seine Seite.
Er hatte noch etwas zu erledigen. Jemanden zu erledigen. Der den Findern oder ihren Geschäften im Wege stand. Freiwillig wäre er auch nicht auf diesem Mond.
Während er sich ohne allzu viel Aufmerksamkeit auf seine Umgebung zu verschwenden durch die Menge bewegte, die die Geschäftsstraße dieses Ebenendistrikts entlangwogte, dachte er, dass er wieder einmal einen neuen Namen gebrauchen könnte.
In den letzten vier Jahren hatte er etliche ausprobiert.
Diesmal? Wie wäre es mit … Ramad. Ja, Asche.
Vielleicht war es diesmal der richtige?













