Lord Rednelak – Unter fremden Sternen
Er liess sich vor dem Zelt zu Boden sinken. Einige Muskeln meldeten sich mit dieser Art heftigen Brennens, das für den nächsten Morgen schmerzhafte Steifheit vorhersagte. Etwas, das dieser Körper eher zu fühlen schien. Das Training war nicht wirklich erschöpfend gewesen. Nichts, was er sich … zu … hause … nicht jeden Tag antat. Aber hier war es anders. Ob auch dies eine Methode des Kristalls war, ihn an seine Grenzen zu bringen? Ihm Zerbrechlichkeit zu geben, die er nicht gewohnt war? Ihm die Endlichkeit und den Tod vor Augen zu führen, auf eine Art, die seine Machtfülle und sein echtes Leben maximal karikierte ...
Mit einem unwilligen Laut schob er diesen Gedanken beiseite und begann, seine Rüstung zu reinigen.
Von weiter hinten im Lager hörte er Erias Stimme, die sich in einem Lachen über das Gemurmel der anderen Söldner erhob. Sie fügte sich gut ein. Überhaupt schien sie diese irreale Welt immer besser anzunehmen. Als trüge jeder Mandalorianer irgendwo tief in sich die Sehnsucht, zu den ältesten Wurzeln zurückzukehren - ein Taung auf Coruscant, lange vor dem Aufbruch zu den Sternen.
Wer war er, dies zu kritisieren? Niemand konnte so gut verstehen, was es hieß, sich nach Ursprünglichkeit zu sehnen. Nur galt sein Streben dem alten Blut. Zu leben wie seine primitiven Vorfahren, Adas´ Axt zu schwingen ... nein, danach stand ihm nicht der Sinn. Und doch hatte er genau das bekommen.
Aber vermutlich ging es genau darum - zu sehen, wie weit er gehen würde, um den Schlüssel zu finden. Nach hause zu kommen. Nach hause ... wo er nach Akiratis´ Tod eine Position erreicht hatte, die alles war, was er sein wollte. Nur noch eine Sache wäre zu erreichen - doch daran hinderte ihn noch der Krieg und die dadurch zerbrochenen Strukturen. Was bedeutete, dass er noch viel zu tun hatte. Außerhalb der Traumwelt.
Mit methodischen Bewegungen führte er den Putzlappen über die schlammverkrusteten Stellen der Brustplatte.
Es schien wirklich, als würde der Kristall Erias tiefste Wünsche nehmen und einen virtuellen Spielplatz daraus formen. Aber was war mit ihm? Was war mit Lord Rednelak, dem Patriarchen der Karaz-Familie, Führer der Seniai Qo? Was spiegelte die Gedankenfalle für ihn?
Er hatte in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht. Und nach und nach hatte es sich herauskristallisiert. Persönliches war für ihn noch nie gleichbedeutend mit Wichtigem gewesen. Er konnte trennen, konnte mühelos kalt und distanziert sein. Aber das, was die Jahre dieses letzten Krieges ihm angetan hatten, das, was sie ihm genommen hatten - das war nicht nur persönlich. Es hatte an den Grundfesten seiner Überzeugungen genagt und gebissen, wie eine lästige und beharrliche Ratte.
Doch jetzt bot ihm der Kristall auf eine höhnische, lockende Art eine Möglichkeit, diese Verluste ungeschehen zu machen.
Und ja, es war verführerisch. Ein Sirenengesang knapp über der Schwelle des Unbewussten. Irgendwann würde er ihm erliegen. Irgendwann würde er sich zurücklehnen und den Schlüssel vergessen. Irgendwann wären die primitiven Waffen alles, an was er sich noch erinnern würde. Irgendwann wären die weichen, ihn willkommen heißenden Arme der Alor, ihre warmen Schenkel um ihn geschlungen, alles, was ihn noch halten würde. Irgendwann hätte er sich an die Blindheit gewöhnt, die ihn mit nichts als winzigen Funken in seinen Händen zurück gelassen hatte.
Irgendwann ...
Dann würde die Verbindung erlöschen. Ihre Körper würden in einer Höhle dem Tod entgegen dämmern und nichts wäre mehr als diese Welt.
Und was, wenn das gar nicht so schlimm wäre? Nein. Dieser Gedanke kam vom Kristall.
Aber dennoch - er hatte in ihre Augen gesehen. Hatte die Zufriedenheit gespürt. Die Gelöstheit und Entspannung. Die Freude am Schmerz in den Muskeln, wenn sie trainierten. Ihr Feuer, wenn sie ihre Körper eins werden liessen.
Selbst wenn er heute den Schlüssel in Händen hielte, war er nicht sicher, ob sie ihm folgen würde.
Es gab also nur eine Möglichkeit. Er musste den Kristall von innen verstehen lernen. Die Traumwelt bewahren und begehbar halten. Selbst mit seinen normalen Fähigkeiten eine Aufgabe, die ihn an seine Grenzen bringen konnte. Und hier - so ganz ohne eine Verbindung zu allem, was Leben und Tod war? Wie sollte er anfangen? Es war, als müsste er ein vierdimensionales Puzzle lösen, von dem er selbst ein Teil war.
Wieder trug ihre Stimme zu ihm herüber ".. habe ich zu ihm gesagt, glaubt´s mir ruhig! ...", Gegröhle darauf.
Er musste es tun.
Während er den Panzer zur Seite legte und nach dem Lederöl für die Riemen griff, grinste er und schüttelte den Kopf. Eine selbstlose Tat! Wie weit war es mit ihm gekommen.
Er würde mehr Bücher brauchen. Denn in der Natur einer Gedankenfalle lag es, dass sie in sich selbst enthalten war. Also könnte er die Bau- und Schaltpläne, all´ die winzigen Elemente der Hexerei, die hineingeflossen waren, die Worte der Rituale und die Zeichen der Bindung, hier irgendwo finden. Und dann könnte er den Schlüssel benutzen, ohne sie zurückzusetzen.
Eine Tür, die in beide Richtungen führen würde.
Er wünschte, er hätte Zugriff auf seine Bibliothek. Aber statt dessen musste er wohl mit dem Wissen dieser seltsamen Frau vorlieb nehmen, die ihm - er schnaubte ein Lachen - "Unterricht" geben wollte.
Und sie würden in der Zeit, die sie nicht mit diesen Söldnern verbringen mussten, die Orte aufsuchen, die Macht sammelten. Pole des Lebens, der Zauberei und der Wissenschaft.
Keine geringe Aufgabe, die er sich hier stellte. Er wollte die Uhr nicht mehr anhalten - er wollte sie auseinander bauen, neu zusammensetzen und sie wieder und wieder aufziehen. Sollte es ihm gelingen, hätte er nicht nur das schönste Geschenk für die Alor - ein Universum in einem Kristall - sondern auch das elaborierteste Gefängnis, das je geschaffen worden war. Die Möglichkeiten waren schier endlos.
Aber ein Schritt nach dem anderen. Zunächst musste er sich an der Realität festhalten. Er durfte sich nicht verlieren, denn sonst würde er nicht einmal den Schlüssel finden können, geschweige denn die Pläne.
Er sah hinüber zum Feuer. Wo sie aufgestanden war, einen Bierkrug in der Hand und mit irgend jemandem diskutierte.
Sie durfte sich fallen lassen, eins mit der Kristallwelt werden. Rednelak würde für sie beide wach bleiben.
Er hob den Blick zum Himmel, wo die beiden Monde sich langsam um die Welt drehten. Er kannte schon ihre Namen. Genau wie den des Planeten.
Ein Anfang.













