E-MTB FULLY – (K)EINE LIEBE AUF DEN ERSTEN BLICK
Vor fünf Jahren in etwa bin ich das letze Mal im Sattel eines Fully gesessen. Die Liebe zum Mountainbiken musstd dann der Liebe zum ersten Sohn weichen. Ich begnügte mich mit Rennradtouren und mein stolz erworbenes BMC Trailfox alias Fuchs wechselte den Besitzer. Schlussendlich kann man nicht alles haben. Dennoch blieb ich neugierig und verfolge die Entwicklungen im Mountainbiking kontinuierlich. Der in unseren Breitengraden zunehmende Blickkontakt mit elektrifizierten MTBs war wie eine innere Stimme, die sagte: Das muss ich auch einmal probieren.
Bevor der Altweibersommer dahin geht habe ich der Neugierde Taten folgen lassen. Kurt vom Bike Hotel Steineggerhof hat mir für ein Wochenende ein E-MTB Fully Typ Flyer Uproc 7 mit satten 160 mm Federweg und Bosch Performance CX Antrieb. Mit vollem Akku ging es zunächst in die Seilbahn von Bozen nach Oberbozen auf das Rittner Hochplateau. Die ersten 1.000 Hm sind geschafft. Jetzt folgt die erste Etappe mit guten 1.000 Höhenmetern von Oberbozen auf das Rittner Horn (2.250 m). Das E-Fully zeigt sich kletterfreudig und die Fahrtgeschwindigkeit bergauf orientiert sich eher an einem durchtrainierten Rennradfahrer auf den Hügeln rund um Siena als an den vielen traditionellen Mountainbikern, die ich auf diesem steilen Anstieg bis über die Baumgrenze überholte.
„Hallo, ja macht Spass! Guten Morgen, ja ich fahre auch mit normalen Bikes! Hallo, ja das geht flott dahin!“ Ganz wohl in meiner kaum schwitzenden Haut habe ich mich nicht gefühlt, als ich die vielen Radkollegen in etwa doppelter Geschwindigkeit auf dem steilen Anstieg zum Rittner Horn überholt habe. Dennoch, Zeiten ändern sich und ganz ohne Muskelkraft war ich auch nicht unterwegs. Und Abgase habe ich auch keine produziert.
Am Gipfel angekommen musste das Bike und nicht der Fahrer zum Auftanken. Eine Zwangspause nach einer guten Stunde Fahrtzeit, denn der Bosch Bordcomputer pendelte bei der Akkuleistungen auf einem kritischen Wert ein. „Können wir bitte bestellen? Einmal Knödel und einmal Strom bitte..!“ Nach einer knappen Stunde geht es dann weiter Richtung Eisacktal zur Klausner Hütte. Der Akku ist fast ganz voll – dies sollte reichen. Im Downhill ist das E-Fully extrem spursicher. Das Gewicht des Uproc macht sich zwar bemerkbar und dem E-MTB fehlt es ein wenig an Agilität für kurze Sprünge und schnelle Wechsel, aber das 160 mm Fahrwerk, die 2,8 Zoll Bereifung und die 180 mm Bremsen machen verdammt viel Spass. Schneller mit Strom im Downhill ist aber Fehlanzeige. Ein konventionelles Bike beschleunigt ohne Muskelkraft besser aber für Downhill-Rennen wurde das E-Fully auch nicht geschaffen.
Ein zu Beginn verlockendes Trailstück hat sich kurz vor der Klausner Hütte aber als andauernde Schiebepassage entpuppt. In derartigen Situationen kann das E-Fully seine Qualitäten überhaupt nicht ins Spiel bringen. Die 20 Kilogramm sind kaum zu (er)tragen. Als gute Idee hat sich die elektronische Schiebeunterstützung (man lernt nie aus) erwiesen. Warum die Bosch Ingenieure den Druckknopf hierfür hinter und nicht vor dem Lenker platziert haben, bleibt mir aber ein Rätsel. Steve Jobs wäre dies nicht passiert. Im Ergebnis wird es schwierig den Knopf zu drücken und das Bike zu schieben. Schade eigentlich, denn diese Funktion ist ein wichtiges Essential. So bleibt nur zu hoffen, dass die Bosch Ingenieure meinen Bericht lesen werden und in der kommenden Saison den Knopf auf der Front-Seite des Lenkers montieren.
Vom Blick auf die Bergkette der Dolomiten schweift das Auge regelmäßig über die Akkuanzeige, die sich nun wieder dem kritischen Bereich nähert. Die nächste Hütte ist nicht weit und die Rast ist jetzt wohl verdient. Nach der obligatorischen Steckdosen-Caching in der Hütte bleibt Zeit für Kaffee und Kuchen und Laden. Die Zeit vergeht, das Tageslicht wird immer schwächer und der Akku wieder stärker. Nach über 1,5 h Rast und 80 Prozent (nicht Promille) folgt nun die Rückkehr. Auf einer extrem steilen Rampe von der Klausner Hütte bis auf die Latzfonser Kreuz Hütte zeigt das Flyer E-Fully seine Stärken. Diesen Anstieg schaffen nur Wenige mit reiner Muskelkraft und auch das Uproc 7 geht an seine Grenzen. Im extrem steilen Gelände ist der vermeintliche Turbo-Modus nicht zu gebrauchen. Die zusätzlichen Newtonmeter bringen das Hinterrad zum Durchschleifen und wichtiger, um an das Ziel zu kommen, ist eine gleichmäßige Kraftentfaltung: die Symbiose Mensch und Maschine ist entscheidend. Der Puls erreicht Höchstwerte.
Im blockigen Gelände von der Latzfonser Hütte bis zur Stöfflhütte fühlt sich das E-Fully bestens wohl – und auch der Fahrer. Wäre da nur nicht wieder der besorgte Blick auf den Zustand des Akkus. Der Befürchtung folgen Fakten: Der Akku bis auf das Horn und zurück nach Oberbozen hat nicht ausgereicht. Die Dämmerung weicht der Finsternis und mit Lampe aber ohne Strom in den Pedalen erreiche ich dann irgendwann doch die Bergstation in Oberbozen.
Summa Summarum war es ein toller Tag. Meine Neugierde wurde befriedigt und Stammtischreden kann ich nun meine eigene Erfahrung entgegensetzen. Ein E-Fully ist ein Spaßgerät und das Kritische an der Technik ist die aktuelle Akkuleistung (Akku 500 Ah, Ende Saison) und die Verfügbarkeit von Hütten-Steckdosen. Bei zunehmenden Boom des E-MTB kann ich mir eine Hüttenraufereri um Anschlusszeiten gut vorstellen. Bei sportlicher Fahrweise reicht der Akku für 1,5 h oder 1.000 Hm und ohne Akku ist das Bike kaum fahrbar. Im Uphill erleichtert das E-MTB die Arbeit wesentlich und wird den einen oder anderen Mountainbiker auch in ungeahnte Höhen bringen aber talwärts… Im Downhill schlägt das Pendel in die andere Richtung und das menschliche Können bleibt das Maß aller Dinge; im Gegenteil – das Gewicht des Bikes bringt eher Nachteile mit sich. Für mich – beim aktuellen Stand der Technik – ist das E-Fully zunächst ein Spaßgerät und weniger ein Touren-Bike. Die Abhängigkeit von Akkus und dementsprechenden Lademöglichkeiten schränkt die Freiheit arg ein. Die Technik, die zwar sehr faszinierend daherkommt, bestimmt den Tagesverlauf – fast so wie das Smartphone.
Für mich bliebt die Faszination des Radfahrens die Reduktion auf das Wesentliche. Nur so bleibt das Radfahren ein wunderbarer Exit aus der Alltagshektik, aus dem Imperativ ‚ich muss jetzt…“! Diese Philosophie ist dem E-Bike noch fern.