Ein mögliches Bild unter vielen - Tesla
Im Schatten der Vorboten des ersten großen Blockbusters nach dem Corona-Lockdown hat auch eine kleinere und dabei sehr interessante Produktion Ende August ihren Weg ins Kino gefunden. Tesla von Michael Almereyda ist auf dem Papier ein Biopic über den Erfinder Nikola Tesla mit einem Schwerpunkt auf dem Streit zwischen Edison und Tesla und damit zwischen Gleich- und Wechselstrom. Die beiden Wissenschaftler werden von Ethan Hawke und Kyle MacLachlan verkörpert. Hawke steht nicht so im Fokus wie als Chet Baker in Born to be blue (2015), eine musikalische Einlage nach allen Grundregeln des Musikvideos wird aber (erstaunlich nahtlos) in den Film eingebaut. Ebenso erstaunlich ist die homogene Mischung von alt (klassische Musik im viel gespielten LP-Sound) und neu im Soundtrack. Edison und die Erzählerin aber sind gleichberechtigte Mitspieler von Tesla. Die Konfrontation der beiden Wissenschaftler im Zuge des Stromkrieges in den 1890er Jahren bildet den Kern der Handlung, ohne aber das zentrale Thema zu werden. Die Produktion wächst ästhetisch über die Grenzen eines Biopics hinaus. Bildsprache und Kommentarstimme sind dafür entscheidend.
Eine junge Frau spricht die Biografie von Nikola Tesla, dessen Name erst mit Elon Musks Firma und deren E-Autos wieder prominent geworden ist, aus einer modernen Perspektive heraus. Diese wird auch durch punktuelle Verwendungen von Smartphone und Laptop aufgegriffen. Der Bezug zur Gegenwart ist ganz im Sinne einer zentralen Botschaft zu verstehen: Die elektrischen Experimente von Edison und Tesla legten die Grundlage für das moderne Internetzeitalter. Die Erzählerin des Films fasst diese mit den Worten: „Vielleicht lebte Tesla in seinem Kopf bereits in unserer Zukunft.“, prägnant zusammen. Ein solcher Satz kann pathetisch und dem Geniegedanken erlegen wirken, aber die dezent-ruhige Inszenierung der Produktion macht eine solche Wirkung unmöglich. Die Sprecherin arrangiert das Leben Teslas, kommentiert einige erträumte Filmszenen (darunter eine Versöhnung von Tesla mit Edison oder deren Streit mit Softeis in den Händen). Die einzigartige Lebensgeschichte Teslas wird nicht in ein übliches Schema gezwungen und nicht mit ehrfürchtigen Worten gefüllt, um eine lieblose, über-realistisch-künstliche Bildkulisse zu überblenden. Die Spannung des Films wächst aus einem ästhetischen Grundsatz heraus und die visuelle Ebene mag einfach wirken, ist aber äußerst wirkungsvoll.
Die visuelle Ebene ist eine bewusst illusionäre Bildsprache mit Gemäldecharakter, während der getriebene Tesla durch diese Kulissen stolpert. Die Elektrik und die Experimente mit Blitzen öffnen ein großes Feld an bildreichen Assoziationen, welchen ein Film von 102 Minuten in der Vielfalt kaum nachkommen kann. Und in Zeiten der digitalen und technisch ausgefeilten Bildspeicherung verliert dieser Anspruch jegliche Berechtigung. Daher wird auch dieses Schauspiel als gemaltes Bild inszeniert, welches keinerlei Ähnlichkeiten mit den hochaufgelösten, Wirklichkeit abbildenden Fotografien vom Himmel und seinen kleinsten Elementen hat. Die Stärke und Faszination der Bildregie liegt in der Entscheidung gegen die Schein-Authentizität der Computeranimation und für die offensichtlich illusionistische Malerei als Darstellungsmittel. Insgesamt also ein gewisser Respekt vor den Naturerscheinungen und den Möglichkeiten des Menschen, diese zu verstehen oder mit Maschinen zu ersetzen wie abzubilden.
Die Erfolgsgeschichte des Biopic in den letzten Jahren hat auch zur Standardisierung der visuellen und dramaturgischen Vorstellungen geführt. Das Leben einer bekannten (und meist männlichen) Persönlichkeit aus den Bereichen Wissenschaft, Musik, Kunst oder dem öffentlichen Leben wird durchschritten, meist mit einem zeitlichen Schwerpunkt auf Krisenjahren und Ausblicken in Kindheit und Lebensende. Problematisch sind in Einzelfällen ein gezieltes Arrangement der Lebensepisoden, welche einem Spannungsbogen und nicht der Biografie folgen. Auch die Vermittlung von polemischen Botschaften durch die Fokussierung auf wenig belegte Lebensabschnitte ist ein viel diskutiertes Thema im Umgang mit filmischen Porträts. In dem Biopic Bohemian Rhapsody (2018) etwa haben Brian May und Roger Taylor stark auf das Drehbuch eingewirkt und die Darstellung ihrer selbst konservativer gemacht als von Rockstars zu erwarten ist. Die Fokussierung auf die Münchener Phase im ersten Entwurf wiederum beruhte auf einer einseitigen Quelle. Zuletzt wurde die Erkrankung Mercurys und sein Eingeständnis der Krankheit gegenüber seinen Bandkollegen zwecks Spannungsbogen vorverlegt. Auch die Inszenierung der Aids-Erkrankung als Strafe für seine (in dieser Inszenierung) „moralischen Verfehlungen“ und der homogenisierende Familiengedanke innerhalb der Band sind fraglich. Damit vereint dieses Erfolgsprojekt alle diskutablen Elemente, kann sich aber darauf berufen, dass es nun mal ein freies, fiktives Kunstwerk ist. Im Wissen um diese fraglichen Aspekte aber kann man die gekonnte Machart dieses Films und die Mühen des Hauptdarstellers Rami Malek durchaus wertschätzen.
In Tesla ist die Grundanlage eine andere. Nicht Realität wird vorgetäuscht, sondern eine bewusste Inszenierung vorgenommen und diese Situation auch klar gemacht. Der Zuschauer begegnet nicht dem wahren Tesla, aber einigen Gedanken, welche seine Arbeiten und sein Leben bei der Erzählerin auslösen. Insgesamt also ein Film außerhalb der Schubladen, ein ästhetisch mutiger und dabei visuell zurückhaltender Film ohne zu großen Authentizitätsanspruch wie einer flachen inhaltlichen Spannungskurve. Es ist aber auch ein Film, der wenig Staub aufwirbeln und nicht das große Mainstreampublikum begeistern wird. Dennoch dürfte er sehr gegensätzliche Reaktionen hervorrufen, da der Regisseur sich gegen Klischees des Biopic und damit gegen die üblichen Sehgewohnheiten entschieden hat. Mut soll hier nicht als zu großer Begriff aufgefasst werden. Die Bilder liegen nicht fern aller Maßstäbe und der freiere Umgang mit Wirklichkeit ist auch kein neuer Ansatz. Mut bedeutet hier ein bewusstes Zurücknehmen der technischen Mittel des Films und damit ein sehr altmodisch wirkendes Verfahren mit kontrastreicher Wirkung zu den Biopic-Blockbustern der letzten Jahre. Und dieses Zurücknehmen und Reduzieren tut der Qualität von ernsthaften Filmen mit etwas mehr als Unterhaltungsanspruch unbedingt gut. Dabei soll nicht unterschlagen werden, dass auch Biopics zu Gundermann (2018) oder Nico, 1988 (2017) in einer solchen Sparte zu finden sind. Auch das Spielen mit den Realitäten ist schon in Gainsbourg. Popstar, Poet, Provokateur (2010) ein bestimmendes Inszenierungsmittel. All diese Produktionen scheinen nur vor dem Hintergrund der Blockbuster-Produktionen der letzten Jahre weniger in den Vordergrund zu treten und zudem sind Personen wie Tesla, Gerhard Gundermann und Nico einfach etwas weniger prominente Namen als der der Band Queen. Teslas Leistung in den Bereichen der Physik und der Elektrik allerdings dürfte die des Musikers Freddie Mercury für die Gesellschaft doch ein wenig übersteigen.











