Die da oben
Meine Herrschaften #42
Es sieht aus, als hätten Architekten des Brutalismus evangelische Kirchen in den Berg gerammt, aber es sind nur die Lüftungsschächte des großen Arlbergtunnels tief unten, die in das Idyll hineinragen. Ansonsten gilt hier oben in den feinsten Skiorten Österreichs – St. Anton, St. Christoph, Zürs und Lech – strengstes Authentizitätsgebot. Da kann nicht einfach ein jeder Investor seine Hotelburg hinpflanzen wie in diesem Kitzbühel und glauben, es wäre dem Alpenländischen Genüge getan, wenn man eine mit Swarovski-Kristallen besetzte Plastikgams vor die Freitreppe stellt.
Auf dem Arlberg, den sich die Bundesländer Tirol und Vorarlberg brüderlich teilen, muss alles arlbergerisch sein. Das heißt, dass jede noch so moderne Architektur die ortsüblichen Zirbenschindeln quer über die Fassaden zu nageln hat. Wer auf sich hält, nimmt selbstverständlich verwittertes Holz. Einmal, so wird vor Ort erzählt, hätten sich Gäste des „Tannenhofs“, einer der luxuriösesten Unterkünfte des Bergs, als Banausen erwiesen und über das Gebälk aus Vintageholz gelästert, weshalb man sie aufgefordert hätte, gern anderswo Urlaub zu machen.
Der Erfolg gibt den Schindel-Extremisten recht: Erzherzöge entspannen hier, Prinzen von Wales waren da. Die Treuesten der Treuen sind die Angehörigen der holländischen Königsfamilie. Königin Beatrix ist sogar Mitglied in der Bruderschaft St. Christoph, einer traditionellen barmherzigen Vereinigung, die im Hotel „Hospiz“ ihren Sitz hat. „Das ist schon toll, wir sind da alle per Du, sogar mit der Königin“, sagt Bruderschaftsmitglied Axel Bach, Besitzer des „Tannenhofs“ in St. Anton, ein gebürtiger Saarbrücker mit dem gewissen westdeutschen Charme und einer akut ansteckenden Fröhlichkeit. „Aber es geht nicht nur ums Feiern. Wenn mal ein Erdrutsch oder ’ne Lawine ein Haus wegreißt, dann nimmste unbürokratisch 200 .000 Euro in die Hand und sagste zu so ’nem Familienvater: „Komm, bau dir ein neues.“ Da hilft schon mal die Bruderschaft.
Etwas Neues zu bauen, davon träumte lange Bachs Kollege Florian Werner, Besitzer der Nobelherberge „Hospiz“. Werners Markenzeichen sind Trachtenjoppen, die er zu Segelschuhen trägt. Doch die störrische Lokalpolitik hat ihn die geplanten Luxusapartments nicht errichten lassen, wegen Authentizität und so. Und doch steht Werner vor einer gigantischen Baustelle. Gemeinsam mit anderen Luxushoteliers haben er und Bach das Festival Kulinarik & Kunst gegründet. Nun darf Werner den Gästen des Spektakels einen ersten Blick in die Zukunft des Arlbergs gewähren. Unterirdisch hat er gigantische Räumlichkeiten errichtet, eine Kunsthalle, eine Konzerthalle, alles in einem Ausmaß, über das sich eine mittlere deutsche Stadt glücklich schätzen könnte.
„Ich habe dem Bürgermeister g’sagt, ich schenke das alles dem Ort, aber ich muss es gegenfinanzieren dürfen.“ Über der philantropischen Anlage stehen nun also die Luxuswohnungen, alle verkauft. „An Europäer, das war die Auflage“, sagt Werner. Londoner Investoren sind auch Europäer, fügt er hinzu. Dann geht es hinauf auf den Berg. Hubertus von Hohenlohe, Skilegende, Popstar, TV-Moderator, heute aber in seiner Funktion als Fotokünstler zugegen, bittet zur Vernissage. „Sie haben mich schon seit Jahren gefragt, ob ich hier ausstellen will, aber ich habe immer gesagt, dass ich keine Intuition habe, was man machen könnte“, sagt der Prinz. Aber geht nicht gibt’s hier nicht. „Als sie mir die Galzigbahn gezeigt haben, wusste ich natürlich sofort, dass ich da rauf will.“
Die Galzigbahn ist tatsächlich beeindruckend, schwere Räder hieven Gondeln durch eine gläserne Station. Als hätte die industrielle Revolution noch einmal einen letzten imposanten Gruß ins digitale Zeitalter gepflanzt. „Aufi geht’s“, sagt Egon Zimmermann, Lecher Skilegende und Olympiasieger von 1964. Oben warten schon seine Nachfolger: der vierfache Weltcupsieger Marco Büchl und Patrick Ortlieb, Olympiasieger von 1992. Für heute haben sie sich auf Geheiß des Prinzen in schrille 70er-Jahre-Kostüme geworfen, Hohenlohes Fotografien sind riesengroß affichiert, wo sonst die Werbeplakate für Sonnencremes, Autos und Skier hängen. „Mountain Pop“ heißt die Ausstellung, alles soll an Hohenlohes Mentor Andy Warhol erinnern, die Factory am Berg. Der DJ legt Abba auf.
















