VERDÄCHTIGE STILLE
"OH WIE COOL EIN PJLER! DAS IST JA TOLL HIER IN DER NOTAUFNAHME IST ES IMMER SEHR SPANNEND" Mir sackt das Herz in die Hose, als ich die Ambulanz betrete und die Oberärztin Frau Doktor Heiland sehe. Frau Dr. Heiland ist knapp einen Meter fünfzig groß, unter ihrem schwarzen Topfhaarschnitt stets kreidebleich und in etwa so tiefenentspannt wie eine heroinabhängige Spitzmaus im Entzug auf Futtersuche nach 2mg Adrenalin i.v. Von ihr gesprochene Worte bohren sich als FETTGEDRUCKTE GROSSBUCHSTABEN ihren Weg durch mein Gehirn und in meinem 24h-Livestream-Kopfkino wird sie stets von drei zahmen Gewitterwolken verfolgt, die in ausgesuchten Momenten (etwa alle 5 Minuten) von ihr gesagte Dinge mit dramaturgischem Blitz&Donner untermalen. Nur, um das klarzustellen: Frau Dr. Heiland ist ein super lieber und freundlicher Mensch und eine sehr kompetente Internistin. Ihre Aufgeregtheit macht sie aber für Pjler zu einer weniger gut geeigneten Anleiterin, denn letztendlich läuft es für Studenten bei dieser Oberärztin auf Hinterherdackeln, Kopieren, Telefonieren und Blutabnehmen hinaus. Ihre mit pressender Stimme gesprochene Begrüßung wird also vom Heiland-Deutsch; Deutsch-Heiland-Übersetzter in meinem Kopf uminterpretiert: - "OH WIE SCHÖN ICH HABE HEUTE EINEN SKLAVEN FÜR SCHEISSAUFGABEN!!!" Glücklicherweise ist heute viel los in der Notaufnahme. Oberärztin Dr. Heiland dekompensiert recht flott und ist emotional (nicht fachlich, die Patienten werden sehr gut versorgt) gegen 11:30 so sehr am Ende, dass ich mir klammheimlich einen Mann mit starken Bauchschmerzen in einen der Untersuchungsräume stibitze und anfange, seinem Problem auf den Grund zu gehen. Des Rätsels Lösung ist nicht schwer. Aus seinem Bauch wurden in mehreren großen Operationen erst Dinge ausgebaut, um dann Ersatzteile einzubauen und dann diese Ersatzteile wiederum auszubauen, weil sie kaputt gegangen sind. Chirurgen nennen so etwas dann einen voroperierten Verwachsungsbauch. Internisten nennen sowas einen "Zustand nach Viszeralchirurg". Ich zücke also mein Stethoskop, lausche damit in seinen Bauch und höre nichts. Ich lausche weiter und ziehe sogar die Tür zu, um nicht doch ein eventuell leise Gluckerndes Frühstück zu überhören. Aber ich höre auch weiterhin nichts. Der Mann hat einen Ileus, einen Darmverschluss. - "Verdächtig still da drin", sage ich zu meinem Patienten und hole Frau Doktor Heiland dazu. Diese ignoriert meine komplette Fallvorstellung, beginnt mit der Anamnese von vorn und korrigiert eine Reihe unwichtiger Details (zum Beispiel das Datum seiner Blinddarmentfernung - nicht 1978, sondern schon 1976. Für die gegenwärtige Situation absolut bahnbrechender Unterschied). Dabei vermittelt sie mir das Gefühl, auf ganzer Linie versagt zu haben. Nach einiger Zeit kommt sie angesichts seiner Symptome darauf, ebenfalls mit dem Stethoskop in den Bauch des Patienten zu horchen. - "VERDÄCHTIG STILL DA DRIN", stellt Frau Dr. Heiland fest. Die Gewitterwolken über ihrem Kopf begleiten diese Worte mit Blitz und Donner. - "WIESO HAST DU MIR NICHT BESCHEID GESAGT, DASS HERR XYZ EINEN ILEUS HAT!" Ich verkneife mir den Kommentar, dass ich Herrn XYZ mit dieser Verdachtsdiagnose an sie übergeben habe. Etwa dreieinhalb Minuten später ist sie mit Herrn XYZ und mir im Aufzug, um ihn in Richtung OP zu fahren und auf dem Weg dahin ein beweisendes Röntgenfoto zu schießen. Dabei telefoniert sie bereits in Großbuchstaben mit dem diensthabenden Chirurgen. - "DENN ÜBER EINEM ILEUS DARF DIE SONNE NIEMALS AUF- ODER UNTERGEHEN!", teil sie mir von ihrer oberärztlichen Weisheit mit. "DER MUSS SOFORT OPERIERT WERDEN!" Die uns entgegenkommenden Chirurgen sehen das anders. Sie werfen einen Blick auf den mittlerweile völlig verunsicherten Herrn XYZ und stellen fest, dass ihr Hunger größer ist als die Dringlichkeit der Operation. Vollgepumpt mit Allesegalium Forte hat Herr XYZ kein Problem damit, noch eine Stunde zu warten, um von einem erholten und nicht unterzuckerten Chirurgen operiert zu werden.










