Lustige Fakten zu Amputationen - Teil 1
Eine Amputation ist der Verlust eines Körperteils. Ist glaube ich jeden der hier draufklickt soweit klar. Aber so einfach wie man denkt ist das ganze Thema nicht, weshalb ich denke, dass es ein ganz nettes Thema ist um mal einzusteigen.
Also, wie äh... geht das jetzt mit ner Amputation?
Erst mal fangen wir bei der Ursache der Amputation selbst an. Die häufigsten 2 Formen der Amputation (zumindest in Deutschland) ist die traumatische und die chirurgische.
Traumatisch ist irgendwie klar. Irgendwas passiert (meist unfall-mäßig) und ab ist das gute Stück. Kann Scharf/Spitz verlaufen (aka Messer, Axt, scharfe Kante von z.B. einem Kühlschrank, Säge, ein sich hinreichend schnell bewegendes Stück draht) oder stumpf (z.B. durch die “flache Seite” des Kühlschranks, Autofür, Kühl-Tür, Feuerschutz-Tür (generell Türen, Türen sind gefährlich!), Stein (mit entsprechendem Gewicht und/oder Geschwindigkeit) oder auch einen Autoreifen) passiert. Im ersten Fall wird das entsprechende Körperteil sauber abgetrennt/geschnitten während im letzteren Fall das ganze eher eine Riss-Quetsch-Verletzung ist die halt so sehr gerissen und gequetscht ist, dass am Schluss nix mehr da war, was weiter reissen oder gequetscht werden konnte.
Es gibt da natürlich noch die Zug-Reiss-Verletzungen (Vierteilen ist ja aus der Mode gekommen aber so bestimmte industrielle Maschienen bekommen auch noch gut Finger, Hände und Füße gut aus einen Menschen gerissen) aber die sind aktuell eher selten hierzulande.
Entsprechend des Unfall-Hergangs (oder äh... je nach dem was das Mittel der Wahl war, wenn es kein Unfall war) ist es mehr oder weniger kompliziert das entsprechende Körperteil wieder mit dem restlichen Körper zu vereinen. Faustregel hierbei: Je schärfer das Trauma und je schneller aufm OP-Tisch desto besser. Dazu aber später mehr.
Wichtig in jedem Falle:
- Selbstschutz!
- Unfallstelle sichern
- 112 anrufen (wichtig: Wer spricht, Wo seit ihr, Was ist passiert, Wie viele verletzte gibt es und in welchen Zustand sind die verletzten?)
- Blutung stillen wenn möglich (dazu gleich mehr)
- Körperteile einsammeln und wenn vorhanden auf Eis legen (auf Eis halten sich die meisten Körperteile gut und gerne 6 Stunden)
- Verletzen im Auge behalten. Manche denken sie können mit nur einem Bein weiter laufen und so schlimm das doch nicht, aber sie irren sich und sind in dem Zustand äh... nicht ganz so zurechnungsfähig. Auch wenns nicht so sehr blutet. Auch wenn’s aktuell nicht so weh tut. Adrenalin ist ne coole Sache. Leider nur nicht so auf dauer.
FALLBEISPIEL
Leider nicht selbst erlebt aber nen Bekannten passiert: Motoradfahrer (liebevoll “rollende Organspender” in bestimmten Kreisen genannt) mit Hochgeschwindigkeitstrauma (aka Unfall mit hoher Geschwindigkeit... je nach Quelle bekommt man da werte ab 30km/h (ja ich weis) und 60 km/h raus (ja ich weis das erscheint sehr wenig aber die Kräfte sind enorm! Also denkt dran, nicht die Geschwindigkeit ist gefährlich sondern der plötzliche Stillstand! Schnallt euch an und Airbags sind toll!). Wo waren wir? Ah ja, junger Mann mit Hochgeschwindigkeitstrauma. War an einem schönen Sommertag unterwegs, von der Straße abgekommen und so halb unter, halb durch eine Leitplanke. Welche ihm bei so ca 80-100 km/h aufprallgeschwindigkeit sauber das eine Bein so auf Höhe mitte Oberschenkel durchgetrennt hat. Das heißt wir hatten hier einen klassischen Fall von scharfer Amputation. Ein glatter, sauberer Schnitt einmal durch. Gute Lederkombi hatte da auch keine Chance. Wer ne Käseschneide zuhause hat, kann sich das jetzt bildlich gut vorstellen.
So ungefähr schaute dass dann aus wenn man auf das Bein schaute. Nur äh... in Farbe, ohne Beschriftung, mit ner schicken (nun kaputten) Lederkombi-Hose rings herum und natürlich so n bissel blutig.
Werkt ihr was? Ich sagte “so n bissel blutig”. Aber da sind doch MEHERE große Blutgefäße! Fette Arteria femoralis, das müsste doch ne Spritzblutung geben weil aterielle Blutung! Außerdem ist in so nem Bein doch locker ein Liter Blut drinne, also so ungefähr ein sechstel des gesammten Blutes. Das matscht doch jetzt da rum!
Ja, erinnert ihr euch an Adrenalin? Das gute Zeug macht nicht nur das Herz n guten Ticken schneller, es wirkt auch hervoragend vasokonstriktorisch aka es lässt Gefäße sich zusammenziehen! (warum? Weil Radius einen Gefäßes um faktor hoch vier proportional zu Flussgeschwindigkeit steht. aka enge Gefäße = höhere Fließgeschwindigkeit = mehr Druck) Also es läuft also: Schock -> Nebennierenrinde freakt complett aus und wird kräftig ausgequetscht -> Adrenalin-Flut-Party im Körper -> Vasokonstriktion im Bein + kräftig Opiate im Hirn -> kein Schmerz und so leichte Verwirrung bis hin zu so leicht Banane sein.
Die Folge des Falls war also dass der junge Mann so völlig verwirrt auf der Straße saß und sein Bein betrachtete, was so ca einen halben Meter weiter weg lag, als es so sollte. Sein Hirn war gerade massiv mit allem geflutet was so geht und kam zu den Schluss dass da irgendwas nicht stimmt aber war nicht in der Lage so richtig zu checken was und warum an dem Bild nicht stimmte. Bluten tat er so gut wie gar nicht weil Adrenalin sehr effektiv seine Gefäße verschlossen hatte. Er hatte dann beim Eintreffen der Rettungskräfte ein wenig verwirrt versucht sein Bein wieder mit seinen Körper auf eine Linie zu bringen, war aber nicht so ganz in der Lage zu erkennen warum und was da nicht so richtig ging.
Kollegen haben darauf hin Mann und sein Bein eingesammelt, ihm ne gute Blutsperre am Bein gesetzt und ihn mit guten künstlichen Opiaten (Fentanyl ist aktuell das Mittel der Wahl, ist ca 125 mal so stark wie Morphin, ist n cooles Zeugs sag ich euch!) versogt weil die körpereigenen Stoffe nicht so lange halten (Adrenalin und eigene Opiate halten so ca 10-15 Minuten, bei manchen Leuten mehr oder weniger natürlich) und dann kam alles zusammen mit Blaulicht ins krankenhaus wo die lieben Unfallchirurgen (übrigens: Orthopäde und Unfallchirurg wurde in den letzten Jahren zu einem Facharzt zusammengelegt) in mühseeliger Kleinarbeit Bein und Mensch wieder vereinten. Soweit ich weis läuft der gute Mann jetzt wieder, Motorrad fahren tut er allerdings nicht mehr ;)
Insgesamt hatte er Glück gehabt: scharfes Trauma, junger Mensch und schnelle Hilfe haben ihn sein Körperteil erhalten.
Was ist jetzt aber mit den Stumpfen Traumatas?
Ja äh... die sind schlechter.
Erinnert sich wer an das Bild hier?
Das ist die Folge eines stumpfen Quetsch-Trauma. Anders bei scharfen Traumata wo Knochen, Nerv, Muskel und Blutgefäße sauber durchgetrennt werden, ist so n stumpfes Trauma ein einziges Chaos. Der Knochen wird halt irgendwo gebrochen, meist in eine Trümmerfraktur aka lauter Kleinteile (und keiner hat Lust auf DAS Puzzle), Blutgefäße, Haut und Nerven einfach irgendwo abgerissen und die Haut ist meist das, was am rissfestesten ist. Eine Amputation durch stumpfes trauma ist meist eine ziemliche schweinerei und schwierig wieder zusammen zu bringen.
Meist ist hier keine vollständige Rekonstruktion möglich. Man puzzlet den Knochen zusammen, nagelt und verschraubt was so geht (und wo man überhaupt nen Nagel oder ne Schraube rein bekommt), schneidet meist Haut grozügig weg und schaut was vom Muskel zu retten ist (erstaunlicherweise meist recht viel wenn nicht komplett zerfetzt) das eigentliche Problem ist aber meist das Blutgefäß und der Nerv.
Blutgefäße müssen sauber freipräperiert werden, dann wird häufig beide enden “sauber” geschnitten aka dafür gesorgt dass beide enden sauber und glatt sind und dann beide Enden miteinander vernäht (unter Einsatz von Lupen und viel Fingerspitzengefühl).
Aber das eigentliche Problem ist der Nerv. oder sagen wir es so: Der Ausläufer vom Nerv.
Die tatsächliche Nervenzelle sitzt irgendwo im Rückenmark und chillt. Das, was wir als “Nerv” kennen ist eigentlich nur ein langer Ausläufer vom Nerv selbst. Der ist mal während der Embryonalentwicklung unter Hilfe von diversen Signalstoffen gewachsen und unser Hirn hat mühseelig in der Kindheit gelernt wie man das mit der Steuerung macht. Tja und jetzte ist quasi das wichtige Kabel kaputt. Abgerissen. Man kann den Ausläufer wieder annähen (mit noch feineren Lupen und viel mehr Fingerspitzengefühl) aber keiner weis vorher, ob das jetzt wirklich wieder zusammen wächst und weiter geht.
Der Nerv im Rückenmark kann theoretisch natürlich nen neuen Ausläufer machen oder den alten Ausläufer etwas verlängern (sonst könnten wir ja gar nicht wachsen ;) ) ABER: Ohne diese Spezial-Signal-Stoffe weis der Nerv nicht so richtig wohin er wachsen soll und unser Gehirn weis im schlimmsten Fall dann nicht mehr so richtig was es jetzt mit den komischen neuen Signalen machen soll. (dazu gibts noch eine Menge Probleme und Komplikationen die da auftreten können selbst wenn die OP selbst ein großer Erfolg war)
Um es etwas einfacher zu machen:
Bei stumpfen Traumata ist meist das abgetrennte Körperteil nicht mehr vollständig zu retten. Bei dem Beispiel da oben?
Es sieht sehr brutal aus... und das ist es auch. Man musste hier die gesamte Mittelhand entfernen. Der Mann hier hat jetzt nur noch Radius und Ulnar und DIREKT DA DRAN 2 Finger. Weil der Rest schlicht nicht zu retten war.
Also, Take-Home-Message für Heute:
- Amputation = Verlust eines Körperteils
- traumatische Amputationen kann man in scharf und stumpf unterscheiden
- scharf = sauberer Schnitt, meist einfacher zu retten, oft mit Vollständigen Erhalt des Körperteils verbunden wenn schnell genug im OP-Saal
- stumpf = Riss-Quetsch-Verletzung und oft mit Verlust von mehr oder weniger des Körperteils verbunden weil einfach zu matsch für Chirurgen
- Körperteil auf Eis und zusammen mit Menschen SCHNELL ins Krankenhaus!
- Niemals die Wirkung von Körpereigenen Opiaten und Adrenalin unterschätzen!
- Niemals die WIRKDAUER von körpereigenen Opiaten und Adrenalin überschätzen
Mehr gibt’s im Teil 2, wo wir uns mit mehr interessanten Fakten beschäftigen und uns Themen wie chirurgische Amputationen, Versorgung nach der OP und Spätfolgen beschäftigen. :)
















