Tag 2635 / Das poröse Zuhause meines Abstinenzprojekts ist ein Blog weit hinter dem Hier und Jetzt
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Tag 2635 / Das poröse Zuhause meines Abstinenzprojekts ist ein Blog weit hinter dem Hier und Jetzt
Tag 1452 / Den ganzen Tag mit nicht-jugendfreien Inhalten beschäftigt
Erst mit den für nicht jugendfrei deklarierten Inhalten auf tumblr, mit meinem Post von Tag 1413, der auch auf facebook gelöscht wurde. Dann mit nicht-jugendfreien Inhalten wie Vorhöfen, Lippen, Ständern und Stellungen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eines Tages extrem verpönt sein wird, in den sozialen Medien mit Alk zu posen. Und dass es irgendwann genauso zensiert wird wie die Nippel einer Frau. Ekelhaft findet Leah diese Männer, die immer überall gleich ihren Oberkörper entblößen müssen, sobald mal die Sonne scheint. Mich gestern auf der Rigaer mit meinem Trinkpäckchen geschämt, nicht zeigen wollen, Angst vor Sprüchen von den Erwachsenen, die immer noch an Bierflaschen hängen, bei dem Platz da. Ich werde ja sogar in AA auf mein Trinkpäckchen angesprochen! So unnormal ist es, Saft aus einem Mini-Tetra Pak zu trinken!!!
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Ich stehe nicht auf und wasche mich als erstes, ich mache mir kein Frühstück schön. Aber Samstag hab ich mal die Geschirrhaufen vom Tisch genommen, damit Platz ist für die Butter, für den Honig. Ich kann mein "Leben nicht meistern". Mir fehlt äußere Struktur. Mit "Ende 30 gelernt, Stullen zu schmieren" (Tag 1124) während der LTA-Maßnahme. Und danach quasi wieder verlernt das mit den regelmäßigen Mahlzeiten. Um wieder äußere Struktur zu haben, gebe ich gerade ganz viel auf, was resultiert in: mehr Unordnung, mehr Staub, keine Kraft. Kraft investiert in zum Teil "falsche" Dinge, Posts bei Instagram.
Geräuschempfindlich trotz genug Schlaf. Ich bin reizbar, gereizt und ängstlich, dass meine Psyche sich so sehr verändert, dass ich mich von den Lahmbacken abwende. Als ob das Alkoholikersein noch so sehr in ihnen drinsteckt und in mir nicht.
Gerade "vom Leben gemeint sein", gefordert, "Du bist dran". Sich eigene Struktur (wieder) schaffen. Neue Morgenrituale fern ab von Rauchen. Den Schreibtisch freiräumen, Schreiben können, mit einem guten Stuhl. Gymnastik, Yoga, Joggen. Beten. Sicherheit durch Regelmäßigkeit.
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Nach dem 12-Schritte-Meeting vorbei an der Drei-Stufen-Bar. Zweieinhalb Stunden lang rumgestreunert. Soll keiner wissen, wo ich bin, was ich mache, wo ich hingehe. Und dann dokumentier ich’s doch und knipse und vergesse die Asche und zu dem Brot-an-Schwäne-Verfütternden will ich nicht zurück. "Die sterben davon!" sag ich zweimal laut. "Die sterben davon! Die sollen Algen und Blätter und Insekten fressen. Guck mal, wie dick die sind." "Du bist auch dick", sagt er. Er hat eine Fahne. "Du stirbst davon!" könnte ich laut sagen.
Mich stört der Alk, die Raucherei vorm Huxleys nicht so. Ich überlege schon wieder, in eine Kneipe, naja diesmal eher Gaststätte, zu gehen, um zu schreiben. Ich kriege meine Gedanken sonst nicht so gut sortiert. Vor allem nicht mehr in den Apps mit Minischriftgröße.
Mutti, lass uns ne Woche nach New York oder ein paar Tage nach London. Coolere Meetings, andere Menschen, andere Verkehrsschilder. Oder lass uns jeden Tag ein anderes Restaurant in Berlin ausprobieren oder abwechselnd Café, Restaurant, Ausstellung, Kino, lass uns mal viel unternehmen!
Tag 1450 / Wahrscheinlich stecke ich mitten im Rückfall
Verhaltensrückfall. Gedanklich nicht im Hier sein können. DA arbeiten, DIESE Katzen haben oder mit DEM im Bett sein wollen. Immer in irgendner App, in irgendnem Programm online auf der Suche. Bloß nicht im Jetzt sein. Nicht fühlen, wie ich mich fühle - einsam, allein. Lieber angeilen, Brustwarzen härten. Mutti nicht anrufen, nicht um Hilfe, sie hier her bitten.
Die Agatha von früher hat viel mehr gespürt, bei den Aussagen anderer, in der Außenwelt, überhaupt. Sich nicht mit Twitter beschäftigt. Keine Chatapp mal eben im Affekt für Sexting mit jemandem installiert.
Die Agatha von früher hat auch in Extremsituationen extrem viel gechattet, Körperfotos gemacht, zum Beispiel in der Klinikzeit Ende 2016.
Die Agatha von früher ist nicht ziellos durch Berlin gelaufen. Sie hatte ein Haustier. Sie hatte Liebe jeden Tag. Täglich Offlinekontakt mit einem Lebewesen.
Tag 1030 / heute wie verkatert
Wenig Schlaf. Nach 3.15 Uhr hat mich der Brechdurchfall erst zur Ruhe finden lassen. Ich hab’s so schwer. Alles ist mir zu viel. Der eine Supermarkt hat dies nicht, der andere jenes nicht. Die Wildlederbürste gefällt mir nicht. Ich kauf sie trotzdem. Die Brillen wirken heute alle nicht so optimal von der Stärke her. Die Brillenfrau fummelt mir zu viel in ihren Haaren rum. Warum kaufen alle so viel? Warum spielen die mit ihren Kindern alle hier im Einkaufszentrum? Warum schreibt Paul sowas? Ob ich zur AA-Silvester-Feier komme? Die bei dm an der Kasse nimmt Crystal, Heroin oder irgendwas anderes, das so deformiert. Wir lächeln uns an. Wir sind Verbundene. Der Mann auf dem dm-Magazin nimmt häufig viel Alk. Diese andere Art von Gesichtsdeformation wie ich sie erst vor einiger Zeit abschütteln konnte. Jägermeister macht verhältnismäßig viel Werbung auf den Flatscreens in Einkaufszentren. Endlich mal wieder scheiße drauf! Geil wär’s, wenn es sich nicht so krisenmäßig anfühlen würde. Der junge Mann geht mit Sporttasche ins Drogentherapiezentrum. Die Frau gerade sah aus wie meine Ex-Chefin. Wir haben uns angelächelt. Ja, ich bin es. Die, die am letzten Arbeitstag die externe Festplatte hat mitgehen lassen. Warum, weiß ich nicht mehr. Ich hatte Schiss. Wovor, weiß ich nicht mehr. Den Tränen oft nah heute. Dann bei AA. Und zack: Vorbei mit “Endlich mal wieder scheiße drauf!” Gesagt, ich würd das Jahr gern verlängern.