Also bleibt positiv! Und denkt nicht so viele selbst vernichtende Sachen. Ihr seid toll!

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Also bleibt positiv! Und denkt nicht so viele selbst vernichtende Sachen. Ihr seid toll!
Tag 2177 / Kurz hatte ich überlegt, ob ich mir mal wieder am Freitag die Süddeutsche kaufe mit dem Süddeutsche Zeitung Magazin
Viele Ausgaben davon lagern in der Vitrine meiner Großmutter, als wären es wertvolle Schätze.
Selbstgemalte Bilder von mir hingegen verstauben unterm Sofa. Selbst gefertigte Fotografien lagern ungesehen auf meinem Klapprechner.
Beinah hätte ich mehr als den Eigenanteil für sechs Fremd- und Selbstschutzmasken in ein Printprodukt investiert, bis ich sah, dass die Blattmacher auf einer ganzen DIN A4-Seite pseudoredaktionelles Gattungsmarketing für Alkohol betrieben, die Droge Alkohol, ohne die Erwähnung ihrer Konsumfolgen verharmlosten.
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Die Nazis haben Haare, Koffer, Brillen aufgehoben
Außer menschliches Leben
Das ist eine Nazi-Wohnung hier Ich hebe alles auf und lasse kein Leben rein
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Zucht und Ordnung Sucht und Unordnung
Tag 1190 / Vormittags und abends gezittert
Vormittags wegen der ausgesprochenen Bewertungen der Frau beim Arbeitsamt, abends wegen der geschriebenen Abwertungen des Mannes, den ich eine Zeit lang traf.
Dabei verurteile ich mich selbst schon mehr als genug. Selbstentfremdungserleben.
Tag 788 / An Keksen hochziehen hilft immer noch
Ich war gestern schlecht drauf, ich bin heute schlecht drauf. "Selbst schuld" las ich in der Tagesmeditation von gestern oder vorgestern. Mir geht es so, weil ich so denke. Würde ich anders denken, ginge es mir besser.
Neuerdings habe ich ein Problem mit dem Wort "Alkoholikerin". Ich musste meine alte Firma anschreiben wegen der beruflichen Reha. Und wenn die jetzt fragen, was ich hatte? Was das für eine medizinische Reha war? "Ich habe eine Suchttherapie hinter mir und starte jetzt in die berufliche Reintegration" klingt besser als Alkoholentzug, Alkoholentwöhnung. "Welche Sucht denn?" "Alkoholsucht." Das wäre mir total peinlich vor den ehemaligen Kollegen und Chefs. In meinem Kopf ist es immer noch als schwerer abgespeichert, sich von illegalen Drogen zu verabschieden. Dabei sitzen da keine Horden Menschen vor den Restaurants, Cafés, Kneipen, in den Parks draußen rum und ziehen sich eine Line. Bei meinem alten Arbeitgeber haben die meisten weitergearbeitet, seit ich weg bin. Die funktionieren alle. Die halten durch. Die sammeln Jahr für Jahr Berufserfahrung. Ich habe jetzt über drei Jahre gar nicht gearbeitet. Und dementsprechend fühle ich Minderwert, Scham, Traurigkeit.
An Keksen hochziehen (Tag 448) hilft immer noch. Zumindest kurzfristig. Heute vom türkischen Bäcker. Ich mag dieses türkische Gebäck.
Tag 759 / Es wird nicht weniger beachtlich mit jedem Tag
Selbstmotivierungsparolen, Selbstabwertungunterbindungsparolen in der U8: I am an addict, a disabled, a fighter, a hero, a handicapped hero, a hypersensitive hero, a martyr, a power woman, a survivor, a warrior… Nicht immer vergleichen. Hör auf dich zu vergleichen, Agatha!
Einzelgespräch zum Abschluss der Suchtnachsorge: Früher kamen viele Leute erst in die Suchttherapie, die schon straffällig geworden, in die Prostitution geraten waren. Die Klientel ist jetzt ganz anders. / Und doch sind das ja immer noch in der Gesellschaft vorherrschende Klischees von Alkohol- und Drogenabhängigen. “Wie so ‘n Alki” - Ich hab mir nie 'n Flachmann am Kiosk oder sonstwo geholt. Trotzdem bin ich 'n Alki! Nicht alle “Junkies” leben auf der Straße. Die wenigsten wahrscheinlich. Der “Junkie” beispielsweise aus eben dieser Nachsorgegruppe ging im Anzug gekleidet seiner Arbeit als Buchhalter nach, obwohl er das Kokain zur Wirkungssteigerung irgendwann intravenös und nicht mehr nasal konsumierte./ Es sei eine “Leistung”, dass ich trotz der Schwierigkeiten, die in diesem, meinen Nachsorgejahr auftraten, nicht wieder getrunken habe. Manche würden bei solchen Schwierigkeiten rückfällig. Jetzt gäbe es auch gerade wieder einen neuen Rückfall in der Gruppe. Ich mag das Wort “Leistung” nicht. Welche kurz-, mittel- und langfristigen Pläne ich habe. Die Leitung wird mir im Abschlussbericht eine recht positive Abstinenzprognose bescheinigen. Wegen meiner Anbindung an Selbsthilfegruppen, weil ich psychotherapeutisch gut versorgt bin, weil ich jetzt schon über zwei Jahre am Stück abstinent bin, weil ich klar und reflektiert bin, weil ich realistische, “gesunde” Ziele habe. Abstinenzprognose also im Vergleich zu nach der Langzeittherapie verbessert. Einen Stein geschenkt bekommen, “weil Sie so ein besonderer Mensch sind”. Dabei denke ich: Kriegt bestimmt jeder. Vielleicht hat die Leitung mal in einem Steinkaufrausch zu viele aus dem Urlaub mitgebracht. Oder ein Verwandter hat einen Esoterikladen.
Rückweg U8: “Auf der Brunnenstraße gibt’s nicht ein deutsches Café. Wo soll ich denn da Kaffeetrinken?” klagt die alte Dame. Sie findet das “traurig, sehr, sehr traurig.” Jahrelang hatte sie dort gewohnt. Gerade in touristische Viertel gehört ein traditionelles Caféhaus, welches deutsche Kaffee- und Kuchenkultur bewahrt und vermittelt, finde ich. Eine Imbissbuden-, Bar-, Hotel-, Modeshop-Brunnenstraße ist total austauschbar.
Pressemeldung des Tages: “Essen Sie Bananen nicht auf nüchtern Magen!” Na, und ob! Wenn Ihnen morgens Bananen schmecken, so wie meinem Vati, so wie mir, weil wir nicht auf nüchtern Magen rauchen, nicht auf nüchtern Magen Kaffee trinken wollen, dann essen Sie bitte unbedingt Bananen! Überhaupt! Wie kann man bitte vor einer Obstsorte warnen!? Diese absurden Gesundheitswarnungen! “Trinken Sie nicht jeden Abend Alkohol!” Hätte es diese Meldung je gegeben, wüsste Google das! “Trinken Sie nur an vier Tagen im Monat, nur an 48 Tagen im Jahr Alkohol.” Konsumieren Sie Alkohol so wie Sie Kuchen konsumieren! Wie viel Kuchen erlauben Sie sich pro Woche? Ein Stück Kuchen unterscheidet sich in der Kalorienzahl nicht wesentlich von einem Glas eines alkoholischen Getränks. Eine Pizza, ein drei-Kugeln-Eis, … Die Apotheke am Helmholtzplatz warnt vor “versteckten Zuckerfallen”. Böser Zucker! Böser Ketchup! Böse Cola! Böser Marsriegel! Und ich wollte das nachbauen. Analog zu “Wisst ihr, dass in einem halben Liter Cola 20 Stück Würfelzucker sind?”, “Wisst ihr, dass in einem halben Liter Bier 15 Stück Würfelzucker sind?” Und so weiter. Für alle gängigen alkoholischen Getränke wollte ich das recherchieren, ggf. umrechnen, nachbauen und posten. Aber ich habe gar keine Zeit. Und Kraft. Heute schaffe ich auch nur zwei Termine, zwei Telefonate, eine Email, das verspätete Geburtstagsgeschenk und zwei Briefe zur Post und bin eigentlich schon nach dem ersten, schon nach dem Nachsorgeabschlussgespräch durch. Und das ist ja auch voll verständlich. Da geht was zuende, das mir sehr geholfen hat, was sehr wichtig war für meinen Genesungsweg. Das hätte ich auch gerne erstmal verarbeiten wollen, was wir da geredet haben, anstatt gleich weiterzuhetzen. Es wird nicht weniger beachtlich, jeden verdammten Tag trocken zu bleiben. Mein Gegenüber in dem Gespräch weiß das. Auf über 20 Jahre Arbeit in der Suchttherapie blickt der zurück. Und ich war ein Jahr lang ein kleiner Teil von dessen Arbeitsalltag. 110 Minuten pro Woche. Ich werde “regulär” entlassen.
Tag 576 / Im Anderen stört mich, was mich an mir stört
Ich kann im Anderen mich selbst erkennen, indem ich mich mit ihm identifiziere. Das stiftet Zugehörigkeit, Erleichterung, Zuversicht.
Ich kann im Anderen mich selbst erkennen, indem ich mich abgrenze. Das stiftet Selbstwertsteigerung, Persönlichkeitsentwicklung, Versöhnung.
Ich kann aber im Anderen mich selbst erkennen, indem mich im Anderen stört, was mich an mir stört. Das stiftet Abwehr, Fremd- sowie Eigenscham, Identifikation wider Willen.
Mich stört Muttis Unsicherheit, dabei bin ich selbst unsicher.
Und meine Unsicherheit hat mir von Jugendjahren an der Alkohol genommen. Also sehe ich in der Unsicherheit des Anderen auch eine meiner Konsummotivationen.
Überhaupt, in der Mutter treffe ich oft die alte Agatha. Die, die selbst durch Berlin fuhr mit Muttis Auto. Die, die nicht so schreckhaft war. Die, die nicht immer Meetings brauchte. Die alte Agatha, die nicht so viel kritisierte und schimpfte. Die, die ausdauernder war. Die, mit der man auch mal einen schönen Ausflug unternahm. Die, die sich alle anstrengenden Jobs vorstellen konnte. Jobs, in denen man viel reist, Präsentationen halten muss, wichtige Leute trifft, Jobs, die viel Zeit fressen, Jobs, in denen man Connections hat, Jobs, durch die man sich innerhalb der Branche einen Namen gemacht hat. ... Selbstabwertung Radikale Ablehnung Innere Verweigerung Reue über den neuen Weg Schwarz-Weiß-Denken Vergangenheitsidealisierung
Wahrscheinlich war diese alte Agatha auch sehr anstrengend.
Wer unterstützt eigentlich all die Eltern von Suchtkranken? Wer sagt denen, so wie ich es gesagt bekomme “Sie machen das gut.”?
Manchmal stört mich an Mutti sogar, dass sie mich in Abstinenz so unterstützt wie in der Saufzeit. Die hat immer Verständnis. Doch jetzt wäre es echt fatal, wenn sie diesen neuen Lebensweg nicht mitgeht. Sie gehört zu den wenigen Fachfremden, die nicht sagen: "Jetzt musst du aber langsam mal klarkommen."
Und da stört mich wieder im Anderen, was mich an mir stört. Diese Energie in die Abstinenz, so wie ich sie ins Saufen gesteckt hab, die gestehe ich auch mir nicht zu, das soll nebenbei laufen.
Tag 402 / So geht “unzufrieden trocken”
Willst du unzufrieden trocken sein, musst du so spät aufstehen und so spät frühstücken wie im letzten, schlimmsten Saufjahr. Du darfst niemanden anrufen. Guck möglichst oft auf den staubigen Fußboden und alles, was da rumliegt und nicht hingehört. Gut, dass du schon vergessen hast, gestern abgewaschen zu haben. Steht ja auch immer noch genug Geschirr rum zum Ärgern und Schämen. Um deine unzufriedene Trockenheit zu nähren, musst du dich nach dem Frühstück wieder hinlegen und wegen der Nachbarschaft grollen. Du musst ganz intensiv daran denken wie sehr dich der an die Hauswand gebeamte Scheiß-Film heute zwischen 0.30 und 1.30 Uhr am Einschlafen gehindert hat. Du musst krampfhaft überlegen, ob du das Ordnungsamt anrufst. Du musst Wohnungen in ruhigen Bezirken auf dem Smartphone suchen, weil dich ja auch die Altglasentsorgung, die aggressiven Graffiti "kill cops" und die verlebten Proll-Stimmen des Asi-Brüll-Rotz-Paares von Gegenüber so nerven. Jetzt auch noch Fluglärm! Google doch Flugschneisen, um dich noch beschissener zu fühlen. Mit deiner Internetrecherche zu Rückfallstatistiken warst du ja vorhin nicht so erfolgreich. Die Augen tun so krass weh vom vielen Smartphonegeglotze - das ist prima zum Unzufriedensein. Wenn du dich noch bescheuerter fühlen willst, zähl deinen Herzschlag und die Stolperer! So kannst du zusätzlich Angst befeuern. Vielleicht suchst du noch ein paar frauenfeindliche Pornobilder, um dir wieder zu verdeutlichen, dass du von hinten nicht so aussiehst. Und dass auch die Penisse, die dir real begegnen, ganz anders beschaffen sind. Wenn du jetzt masturbierst, um fünf Sekunden Glück in den bisherigen sechs Stunden Wachzeit zu empfinden, wirst du damit nur umso mehr bestätigen wie komplett irre und erbärmlich du bist. Da nützt dann auch Duschen, Schminken und zum Meeting Gehen nichts mehr. Denn der Gedanke, du bist besser als die anderen, passt ja nicht zur realen jämmerlichen Existenz. Wieder hattest du nichts im Briefkasten! Los fühl dich bitte noch schlechter! Du spürst schon Kopfschmerzen aufsteigen, weil du vor Frust die Zahnreihen aneinander reibst. In dem Meeting wirst du wieder hören wie glücklich trocken andere sind. Weil sie die Schritte arbeiten. Weil sie Sponsoren haben. Weil sie viel telefonieren. Du aber bist die Personifikation der Unzufriedenheit. Egal, ob trocken oder saufend. Nie konntest du mal mit deinem Ex irgendwo spazieren gehen, ohne dass dir irgendwas eingefallen ist, was dich unzufrieden machte. Deshalb hat Mutti ja auch, kurz bevor der Ex Schluss machte, zu dir gesagt, dass Tante T genau so, mit ihrem Immer-Nörgeln, Onkel O vertrieben hat. Mittlerweile nörgelst du nur noch dich selbst krank und kränker und unzufrieden und unzufriedener. Andere müssen nicht mehr unter dir leiden. Das ist doch ein Fortschritt für die Außenwelt! Guck doch bitte noch ein drittes Mal heute bei facebook rein. Es ist erwiesen, nicht nur an deinem eigenen Leib, dass facebook Schlechtfühlen erfolgreich fördert. Der ist an dem Urlaubsort. Die postet Fotos von sich und ihrem Freund. Er, dieser Sohn reicher Eltern. Sie, ach ja, inzwischen auch verheiratet, mit frisch bepflanztem Vorgarten. Irgendwer lädt immer ein Bild von etwas Alkoholischem hoch. Mit Essen oder ohne. Und irgendeine Seite, die du geliked hast, schreibt immer etwas über Alkohol, das dir Alkoholikerin weh tut. Geil, heute ist es der Beitrag der Süddeutschen Zeitung über einen Fotografen, der Freunde nach null, eins, zwei und drei Gläsern Alk portraitiert. Und wie sich die merklich schöner getrunken haben. Entkrampfte Gesichter. Super! Da kannste dich noch mal so richtig ärgern. Es gibt keine neuen Nachrichten! Aber da du ja so gern in Wut gerätst wegen der Regierung, wegen der mazedonischen Grenzsoldaten und wegen diesem und jenen, lies einfach ganz oft, wieder und wieder, mindestens einmal stündlich dieselben Überschriften. Die werden nicht besser dabei, aber deine Rage größer. Eine optimale Idee ist es auch, die Website des letzten Arbeitgebers aufzurufen. Dem ist das egal, wenn du dafür extra den privaten Surfmodus einschaltest. Denn ärgern wirst du dich trotzdem. Es kommt dann wieder hoch dieses Versagthaben, Nicht-Mehr-Dazugehören, die Minderbelastbarkeit, die Lebensunfähigkeit. Ja! So geht Unzufriedenheit. Unglücklichkeit auch. Beim Sport warste heute wieder nicht. Vier Wochen lang schon so faul, was? Oder doch nur drei? Oder sogar fünf? Los, sei sauer mit dir selbst! Du kriegst eine Stirnfalte davon, und das ärgert dich dann noch mehr. Genau! Stell dich auf die Waage! Ha! Selbst, wenn du die Klamotten abziehst, du hast zugenommen! Zwei Kilo etwa! Man! Noch ein Grund mehr zur unzufriedenen Trockenheit! Iss ruhig die Kekse da vom Bäcker. Und Gummibärchen, die im Flur rumliegen. Iss im Gehen oder in der Hocke! Nicht achtsam, nicht genießen. Tu dir nichts Gutes, damit das Schlechtfühlen bleibt!
Nein! Mach das nicht! Leg dich nicht in deine Entspannungsliege mit der Entspannungsapp! Zieh dir keine bequemen Sachen an! Nimm jetzt nicht auch noch eine frisch gewaschene Kuscheldecke!