Tag 1112 / Der Kiosk ist vermintes Gebiet
Jetzt fällt mir ein, woher ich diesen Ausdruck kenne - vermint. Das hatte mal einer in der Meetingpause gesagt (Tag 976). Dass der immer noch mit mehr als zwei Jahrzehnten Trockenheit die verminten Gänge im Supermarkt meidet.
Montag oder Dienstag hatte ich mich in so einen verminten Gang stellen müssen, weil die Schlange an der Kasse so lang war. Sehr mulmig gefühlt. Zur anderen Kasse gewechselt, als die öffnete.
Der Kiosk ist vermintes Gebiet, dachte ich, als ich die Straße lang ging, in der ein Laden Met verkauft und ein anderer nur Whisky. Einen Nur-Cola- oder Nur-Wasser-Laden gibt es hier nicht. Eigentlich wollte ich zumindest noch Wasser kaufen, wenn ich doch schon zu zerschossen für meine anderen Einkäufe bin. Aber ich kann kein Wasser kaufen gehen. Nicht in dieser Verfassung. Nicht in verminten Kiosken, Spätis, Supermärkten, die mehr Wein- als Wassersorten haben.
Gefühlt eine Stunde in zwei Bussen und an einer Zwischenstopphaltestelle verbracht. Für eine Strecke von weniger als 6 km. Mir im Bus, an der Haltestelle, auf dem Fußweg gesagt: Nein, nicht alle werden sich nach so einer Tort(o)ur, nach einem Rush-Hour-Horror-Trip zuballern. Die Kinder nicht. Und die sind auch genervt. Und auch nicht alle Erwachsenen. Das ist mein Suchtdenken, mir einzureden, alle haben dieses Ventil - Trinken - nur ich Arme, habe dieses Ventil nicht mehr. Vielleicht kommen Muttis heute beim Gute-Nacht-Geschichte-Vorlesen runter oder Vatis beim Wäschefalten oder sie vergessen schnell, wie beschissen diese Busfahrt war.
Ich weiß gar nicht, warum ich so heftig heulen musste, als ich Frau Blubber mittags sagte, ich sei jetzt da. Ich konnte gar nicht sprechen, ohne ein verzogen-verheultes Gesicht zu machen. Ich möchte so nicht sein vor ihr. So fragil.
Die Rose, welche sie mir geschenkt hat - vermutlich zum Geburtstag, ohne Glückwünsche auszusprechen - habe ich am Alexanderplatz verloren, als ich den Neptunbrunnen fotografierte. Dann bin ich nochmal zurück und habe sie aufgehoben, um sie schließlich im Friseursalon zu lassen. Absichtlich. Weil ich heute noch so viel unterwegs sein würde, begründete ich das aufgedrückte Geschenk.
Die Farbe hatte Frau Blubber gut gewählt. Die meisten Worte heute wieder nicht. Aber einige eben doch.
Das war nicht in Ordnung von mir, erst so spät in die Einrichtung zu gehen. Ich habe Herzrasen bekommen, als ich Zeugniskopien zusammengesucht habe für die postalische Bewerbung. Mein ganzes Leben auf schwarz-weiß-Papier. Haptisch löst das deutlich mehr in mir aus, als wenn ich PDFs aneinanderbatsche und losmaile oder hochlade. Heute ist das Glas für mich halb leer. Ich habe verkackt. Im Berufsleben. Krank, Arbeit, wieder krank, jetzt Praktika. Heute passt das Selbstbewusstsein der Anschreiben nicht zu meinem Werdegang und Ist-Zustand. Ich leide unter meinen Zwängen. Drei Tüten um den Bewerbungsumschlag herummachen müssen, weil es schneeregnet, weil kein Tropfen drauf darf und kein Katzenhaar, kein Fussel. Ich weiß überhaupt nicht, wo das Originalzeugnis von meinem letzten Arbeitgeber ist. Überall Stapel, Haufen, Zeug in meiner Wohnung. Drei Jahre abstinent, aber die Wohnung ist eben so wie eine Wohnung ist, wenn einem Trockenbleiben schwerfällt/-fiel, und wenn sich vorher sehr viel Chaos angestaut hat.
Dienstagmorgen gegen halb sieben war ein Mann im oberen Stockwerk gegenüber auf einem schlechten Trip, glaube ich. Er hat immer ein Wort in seiner, nicht meiner Muttersprache wiederholt. Der Zustand wirkte psychotisch. Ich habe recht egoistisch gedacht: Bitte spring da jetzt nicht runter - von dem Fensterbrett, auf dem er im Schneidersitz saß, das Außenfensterbrett, hinter sich die ins Zimmer hineinragende Fensterscheibe. Ich bin rauchend schon mal Zeuge geworden wie dieser Mann eine kleine Tüte vom Drogentaxi geliefert bekam. Aber man kann auch allein von Alk auf so einen schlechten Trip kommen, nur denke ich, mein Alkoholismus-verseuchtes, Jahrzehntelang auf die vermeintliche Existenz von "böseren Drogen" trainiertes Hirn im ersten Moment nicht an Alk. Ich denke an Koks, Ketamin, Pilze, Crystal.
Ich muss mich immer wieder selbst beruhigen: Wenn du so heftig heulst, dann macht das total müde, das ist nicht immer gleich "Die Tablettendosis ist doch zu niedrig, ich muss wieder erhöhen, ich will nicht erhöhen, ich kriege nichts gebacken im Leben, wenn ich so schnell erschöpfbar bin, nach nur fünf Stunden aus dem Haus, dann werde ich...". Das ist gerade eine sehr anstrengende Phase. Ich bewerbe mich. Meine Nachbarin ist komisch drauf und rummst noch mehr als sonst. Ich mache mir Druck, weil ich eine Anstellung haben will. Ich kämpfe gegen die Unsicherheit. Ich kämpfe gegen’s Verkriechen und Resignieren wollen. Ich kämpfe auch jeden Tag gegen die Sucht. Das läuft inzwischen meist ganz automatisch. Das kann ich genau genommen gar nicht als "täglichen Kampf" bezeichnen. Heute wäre vielleicht auch "Suchtdruck" zu hoch gegriffen, doch Konsumgedanken, Gedankenspiele, viel Denken an den Stoff, meinen Stoff, die Alltagsdroge, das Bier, den Wein, die Wirkung vom Alkohol, heute war das da.
Beim Friseur nach einem Meeting direkt im Anschluss gesucht. So verwöhnt und bequem bin ich, dass mir eine Stunde überbrücken oder 45 Minuten Fahrt zu viel ist. AA, NA, English AA - so viel Auswahl an Hilfsangeboten, an rettenden Verbindungsmöglichkeiten. Passt mir alles nicht. Wird zu spät. Morgen früh raus.
"Ich habe täglich getrunken." Erst diese Woche jemandem gesagt. Dann kann ich auch täglich ins Meeting gehen. Fürs Saufen war es nie zu spät. Um Wein zu holen, hatte ich immer noch Kraft. Und ich hatte eine Mutter, die mich aus dem Bett klingelte. Und die hätte ich jetzt auch, wenn ich wollte. Aber ich will alles alleine schaffen. Aufstehen, Wohnung aufräumen, einen Job finden, mich finanzieren, funktionieren...
Kartoffeln gekocht. An das "K" gedacht, das beim Kylie Minogue Konzert diese Woche als Dekoelement im Berghain gehangen haben soll. Und dass im Publikum gewitzelt worden sei, ob’s für Kokain oder Ketamin steht.
Kartoffeln! Das K steht für Kartoffeln.
Und auch, wenn man daraus Schnaps machen kann - Kartoffeln sind für mich etwas Gutes, Gesundes, Wohlgefühl-erzeugendes.
Wegen dieser Bewerbung heute auf zwei Ex-Arbeitgeber-Internetseiten gegangen. Vielleicht war es auch das und nicht nur das Haptische der Zeugnisse, was mich so runtergezogen hat.
Die existieren auch ohne mich. Ich zwar auch ohne die, aber diese Bittposition „Stellt mich ein, ich kann dies, das und das“ bekommt mir nicht.
Beim Kochen an den ersten Praktikumsbetrieb erinnert. An handgearbeitete Produkte. Versucht, zu analysieren, was war da besser für mich. Warum ging das drei Monate? - wenn auch nicht nur easy-peasy, aber es gab viele Wohlfühlmomente, viel Inspiration, viel Wachstum im Selbstvertrauen. Selbstvertrauen, welches heute im Arsch ist.
Wieso wieder für so Spießer-Büro-Jobs Herzflattern-Post-Bewerbungen?
Mittwoch ganz klar gewesen, erstmal schreib ich eine andere Bewerbung und dass ich da ganz offen und ehrlich den Wunsch äußere, deren Veranstaltungen mit auf- und abbauen zu wollen, dass mir der Wechsel zwischen konzeptionell-administrativ-sitzend-computernd und stehend-bückend-hebend-stellend-dekorierend wichtig ist, mir gut tut, ich nur immer wieder tolle Gedanken haben, wenn ich mich bewegen kann.
Warum sollte mich jemand einstellen mit diesen Eigenheiten, mit einer geringeren als 40-Wochenstunden-Bereischaft?
Erst mit der Absage von Donnerstagabend wieder den Beweis dafür bekommen, dass selbst die Firmen mit Schwerbehindertenvertretung und großem Diversity-Getue selbst in der elektronischen Bewerberkommunikation diskriminieren. Denen würde ich gerne schreiben, wie ihr Verhalten bei mir ankommt. Wie ich auch McDonald's schreiben will, dass ich seit dem Tierquälerei-Skandal keinen Big Mac mehr essen kann, dass ich den Blogeintrag bereue "McDonald's rettet mein Leben". Dass ich überhaupt gerne alle je gegessenen Burger denen auf die Anzüge erbrechen möchte. Dass mich dieser Fall einen Schritt mehr Richtung Vegetarismus lenkt.
Mir bleibt viel zu wenig Zeit für Agatha!
Und auch das ist trockenheitsgefährdend.