Die Zeitmaschine hat ein Diskettenlaufwerk
Am Samstag soll ich einen Plenarvortrag auf einer kleinen regionalen Konferenz – dem Norddeutschen Linguistischen Kolloquium – halten. Wie es der Zufall will, habe ich auf dieser Konferenz vor genau 20 Jahren meinen ersten wissenschaftlichen Vortrag gehalten, beruhend auf meiner Magisterarbeit, einer korpuslinguistischen Analyse des englischen Genitivs. Meine Idee: mein damaliges Vorgehen bei der Datenerhebung und Analyse mit dem Vorgehen zu vergleichen, das ich heute wählen würde, und dabei über die Entwicklung der Methodik und ihrer technischen Voraussetzungen zu sprechen.
Dazu brauche ich meine damaligen Daten. 1997 hatte ich ein Apple PowerBook 520c, das ich tatsächlich auch noch für meine Promotion verwendet und erst 2001 durch ein PowerBook G4 Titanium ersetzt habe. Um 2006 herum folgte ein MacBook, und vor ein paar Jahren dann ein MacBook Air. Zwar habe ich bei jedem neuen Rechner meine Dateien mitgenommen, aber die, in der sich die Daten meiner Magisterarbeit befinden, lässt sich nicht öffnen. Dunkel erinnere ich mich, dass ich damals FileMaker Pro verwendet habe, eine Software, die ich längst aus den Augen verloren hatte. Etwas Googeln ergab, dass sich solche Dateien nur mit der Originalsoftware öffnen lassen, vielleicht gerade noch mit der nächsthöheren Version.
Zum Glück fällt mir ein, dass ich das PowerBook bei meinem letzten Umzug in der Hand hatte – es muss im Keller liegen. Eine halbe Stunde und viel Staub später halte ich es in der Hand, auch das Netzteil ist noch vorhanden. Vorsichtig trage ich es nach oben und schalte es ein. Es startet tatsächlich, mit einem schüchternen und etwas zittrigen Vorläufer der vertrauten Apple-Fanfare. Nach sechseinhalb Minuten ist der Rechner hochgefahren, und die betreffende Datei ist schnell gefunden. Auch FileMaker startet klaglos und zeigt mir den Inhalt an. Unter den Export-Optionen ist auch „Text mit Tab“, einer der wenigen Standards, an die Apple sich immer gehalten hat. Ich exportiere die Datei und freue mich über die erledigte Aufgabe, als mir klar wird, dass ich keine Möglichkeit habe, die Datei auf einen anderen Computer zu übertragen. Der Computer hat nicht mal einen Modem-Anschluss (auf jeden Fall keinen, den ich als solchen erkenne).
Dafür hat er ein Diskettenlaufwerk, und mir ist so, als ob ich irgendwann in der Schwebe zwischen Disketten und USB-Sticks ein USB-Diskettenlaufwerk gekauft habe. Diesmal muss ich mehr Kisten durchwühlen, bevor ich das Gerät finde (es liegt in einer Kiste mit einem iomega Zip-Laufwerk und einem MiniDisc-Rekorder). Zum Glück habe ich auch eine Diskette aufgehoben – sie liegt in einer Kiste mit Andenken, die ich später meinen Kindern zeigen will. Und tatsächlich haben sowohl das Laufwerk als auch die Diskette die Jahre gut überstanden, und der Transfer der Textdatei verläuft langsam, aber problemlos.
Interessant an der Erfahrung war zum einen, wie vertraut mir die alte Technologie war, und zum anderen, wie unglaublich fern sie mir scheint. Mein 15 Jahre altes Auto kommt mir (bis auf den fehlenden USB-Anschluss) nicht vor, als stamme es aus einer anderen Zeit. Das PowerBook und die Disketten dagegen fühlen sich wie eine Zeitreise an.