7. bis 29. April 2020
Einen re:publica-Vortrag an zwei verschiedenen Orten halten, von denen keiner die re:publica ist, wie schwer kann das schon sein
Leonhard Dobusch und ich haben im Dezember einen Vortragsvorschlag für die re:publica eingereicht: “Alles am Internet ist super”. Am 7. April fragt uns das Orga-Team per Mail, ob wir auch bereit wären, unseren Vortrag zu Hause zu halten und uns damit entweder aufgezeichnet oder live an der “ersten digitalen re:publica” zu beteiligen. Natürlich wollen wir das, bestimmt geht es ganz einfach. Schließlich machen alle gerade alles remote, Leonhard arbeitet an einer Universität und hält Vorlesungen von zu Hause, und ich habe in den letzten Wochen mehrmals Zoom, Jitsi und Whereby verwendet und dabei keine nennenswerten Techniksorgen verspürt. Wir machen eine Reihe von Plänen:
Im Laufe der folgenden Tage wird uns klar, dass schon ein Vortrag ohne irgendwelches Extragebastel kompliziert genug ist, und wir werfen alle Originalitätspläne wieder über Bord.
Vom Orga-Team, mit dem wir zu diesem Zeitpunkt schon einen längeren Mailwechsel hinter uns haben, erhalten wir eine Mail mit vier Anhängen, die uns über die Technikanforderungen aufklären sollen. Die Anhänge sind verwirrend. Nach einem Tag Nachdenken kommen wir zu dem Schluss, dass sie sich wohl auf eine Vortragssituation beziehen, in der eine einzige Person reden soll und nicht zwei, die sich an verschiedenen Orten aufhalten. Wir fragen noch mal nach und werden an die Technik verwiesen.
Parallel ermahnt man uns immer dringlicher, einen Termin für eine Technikbesprechung zu vereinbaren. In der Hoffnung auf Antworten auf unsere Fragen zu den Anleitungsdokumenten willigen wir ein. “Bestimmt wollen sie, dass wir irgendwelche Open-Source-Tools verwenden, von denen wir noch nie gehört haben”, sage ich sorgenvoll. “Bestimmt nicht”, sagt Leonhard, “das ist ja die re:publica und nicht der CCC. Die haben alle Macs!”
“Hier der Vmix Link für den Technik Check um 16:45”, schreibt uns die Technik. Ich lese mir vorher die Anleitung zu vMix durch, für den Fall, dass das bereits das Tool ist, das wir für die Aufzeichnung verwenden sollen. Andererseits ist in den Anleitungsdokumenten davon nicht die Rede, sondern von einem Open-Source-Tool namens OBS.
Zum Termin folge ich dem vMix-Link und gerate in eine Ansicht, die zweimal mich zeigt, davon einmal leicht zeitverschoben. Ich kann eine Technikerin hören, aber Leonhard fehlt.
Wir bekommen einen neuen Link für zwei Personen. Die nächsten zwanzig Minuten sehe ich Leonhard dabei zu, wie er mit einem Techniker telefoniert. Was besprochen wird, kann ich nicht hören, aber er sieht nicht glücklich aus.
Sonst passiert nicht viel. Ich trage das Oberteil meines Schlafanzugs, weil meine Vortragshemden in Berlin geblieben sind. Kann ja niemand ahnen, dass man im Pandemie-Exil ein Vortragshemd braucht.
Nach einer halben Stunde muss Leonhard weg, seine Kinder aus dem Kindergarten abholen. Später am Abend:
Unter anderem funktionieren mit der vorgesehenen Technik wohl keine Videos in der Präsentation, und dass wir beide Macbooks haben, schien den Techniker unangenehm zu überraschen. Leonhard hat viel Zeit in die Präsentation gesteckt und sie enthält eine ganze Reihe von Videos. Aber bevor wir etwas beschließen können, kommt vom Orga-Team ein neuer Vorschlag:
“Daher möchte ich euch gerne den Vorschlag unterbreiten, dass wir in unserem Zoom pro Account für euch eine Session anlegen ohne den üblichen Zoom Overlays, damit ihr da Remote alleine eure Session aufzeichnen könnt. Diese speichert ihr lokal ab und ladet sie auf unserem ftp-Server hoch (Zugang schick ich euch, wenn das eine Option für euch wäre).”
Wir nehmen das Angebot erleichtert an und testen gleich mal, ob es mit Zoom so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben.
Jetzt stellt sich heraus, dass Zoom und Keynote sich nicht vertragen, oder vielleicht sind es auch Zoom, Keynote und die Aufzeichnungsfunktion von Zoom. Eventuell sind unsere Macbooks einfach zu alt für so komplizierte Vorgänge, jedenfalls hängen in der Präsentation alle Videos, es ruckelt, und nach wenigen Minuten kommt die Übertragung ganz zum Stillstand. Das war also Plan B.
Leonhard hat einen Plan C: Ich soll mit dem Zug nach Wien kommen, wo er über ein hervorragend geeignetes Aufnahmestudio verfügt. Wien ist gar nicht so weit weg von Deggendorf.
Ich erzähle, wie sich meine Großeltern im Jahr 1933 wegen der Tausend-Mark-Sperre auch nicht besuchen konnten, weil meine Großmutter in Wien lebte und mein Großvater in Bayern. “Sie mussten sich in Tschechien treffen”, sage ich, “aber wenn ich so drüber nachdenke, ist das für uns wahrscheinlich auch keine Option.”
Plan D lautet: Wir nehmen alles separat auf und ein Mitarbeiter von Leonhard, der kompetent im Videoschnitt ist, wird die drei Einzelteile zu einem gemeinsamen Video verarbeiten.
Mein Plan E stößt nicht auf Gegenliebe, so dass es bei Plan D bleibt. Am nächsten Tag halten wir den Vortrag zweimal hintereinander, ich im erprobten Kinderzimmer-Diaabend-Setting, Leonhard in einem Büro in Wien.
Ich habe ein gutes Mikro bestellt, dessen Ankunft man mir für vorgestern versprochen hat. Ersatzhalber trage ich das In-Ear-Headset meiner Mutter, das sie seit ein paar Wochen besitzt. Sie hat es sich gewünscht, nachdem ich ihr fürs Krankenhaus-Mehrbettzimmer meine Kopfhörer für ihr iPad geliehen hatte und sie gemerkt hat, dass sie damit besser hört. Das Headset hat ein Mikro am Kabel, aber nur versehentlich: Ich habe die Verdickung des Kabels beim Bestellen für einen mechanischen Lautstärkeregler gehalten. Wenn dieses Mikro nicht gut genug ist, kann ich daran nichts ändern, es gibt hier nur das eine.
In Zoom sehe ich Leonhard, mich und die Presenter-Ansicht der Keynote-Präsentation. Gleichzeitig zeichne ich mich mit Quicktime beim Reden auf. Leonhard benutzt für die Videoaufzeichnung ein zusätzliches iPad. Die Videos der Präsentation haben für mich keinen Ton und ich kann den Text auf den Slides nicht erkennen, aber alles andere funktioniert relativ reibungslos.
Jetzt müssen nur noch alle Einzelteile des Vortrags zu Lukas ins Burgenland und das fertige Ergebnis zur re:publica gelangen. Meine beiden Vortragsvideos haben zusammen 5 GB. Zuerst fällt mir gar nicht ein, wie ich so große Datenmengen irgendwohin transportieren könnte. Da ich von Leonhard mehrmals die Präsentation via WeTransfer bekommen habe, frage ich, ob das eine Option wäre. Leonhard glaubt, dass das jenseits der Obergrenze für kostenlose WeTransfer-Accounts ist. Während ich ihm noch sehr schlau erkläre, dass sich das Problem durch Aufteilen der Datei mit “split” lösen lässt, fragt er, ob ich für Dropbox oder Google Drive bezahle.
Es ist schon so lange her, dass ich es gar nicht genau weiß, und ich muss erst nachsehen, wie viel Speicherplatz ich für dieses Bezahlen bekomme. Erfreuliche Mengen! 100 GB im Google Drive und 2 TB in der Dropbox! Auch das ländliche bayrische Internet erweist sich als überraschend schnell und befördert die 5 GB innerhalb von etwa zwanzig Minuten ins Netz. Ich brauche nur noch die Links zu den Dateien an Lukas zu mailen. Das neue Remote-Vortragsdasein ist zwar komplizierter, als ich es mir vorgestellt habe, aber immerhin sind die Probleme mit der Übertragung größerer Dateien dafür kleiner, als ich dachte.
(Kathrin Passig)












