« Ich will lieber in die Hölle mit ihr als ohne sie in den Himmel! »
Das schreibt Friedrich Gundolf (sinngemäß) am 21. Juni 1926 an Stefan George, und teilt ihm damit mit: Elisabeth Salomon zu heiraten.
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« Ich will lieber in die Hölle mit ihr als ohne sie in den Himmel! »
Das schreibt Friedrich Gundolf (sinngemäß) am 21. Juni 1926 an Stefan George, und teilt ihm damit mit: Elisabeth Salomon zu heiraten.
🜁 DIE BEGEGNUNG
Legende des Meisters und des Jüngers
Man erzählt, dass es um die Jahrhundertwende geschah, als die Städte noch im Dunst der neuen Zeit flimmerten und die alten Götter schweigend in den Bibliotheken standen.
Da trat ein junger Mann – Friedrich Gundolf – mit brennendem Geist und unruhigem Herzen in einen jener verborgenen Räume, in denen Stefan George seine wenigen Erwählten empfing.
Gundolf sah den Meister und wusste im ersten Augenblick, dass hier eine Macht stand, die nicht aus Büchern, sondern aus Ursprung sprach. George aber erkannte in dem Jüngling eine seltene Mischung aus Hingabe und Kraft, aus Empfänglichkeit und Formwillen.
So begann es.
🜂 DIE WEIHE
George sprach nicht viel. Er stellte keine Fragen. Er wartete, bis der andere sich selbst offenbarte.
Und Gundolf offenbarte sich: mit glühenden Worten, mit einer Bereitschaft, sich formen zu lassen, mit einer Sehnsucht nach Gesetz, die George wie ein stilles Opfer dargebracht wurde.
Der Meister nahm ihn an – nicht mit einem Satz, sondern mit einem Blick, der sagte: Du gehörst jetzt zu denen, die wissen.
Von diesem Tag an war Gundolf nicht mehr nur Schüler, sondern Jünger.
🜄 DIE GEMEINSAME ZEIT
Sie gingen nicht nebeneinander, sondern ineinander.
Gundolf wurde die Stimme, die Georges Geist in die Welt trug. Er schrieb, deutete, kämpfte, und George ließ ihn gewähren, solange er im Bannkreis blieb.
Der Kreis schloss sich um sie: Wolters, Wolfskehl, die Jüngeren – doch zwischen allen war es Gundolf, der dem Meister am nächsten stand.
Man sagt, George habe in ihm den idealen Schüler gesehen: glühend, gebildet, bereit, sich zu opfern für eine höhere Form.
🜃 DER BRUCH
Doch kein Bannkreis hält ewig.
Als Gundolf begann, ein eigenes Leben zu führen, eine Liebe zu wählen, die nicht vom Meister sanktioniert war, erschütterte dies die Ordnung.
George, der keine Teilung duldete, zog sich zurück. Er sprach nicht mehr. Er ließ die Tür fallen.
Gundolf schrieb, bat, hoffte – doch der Meister blieb stumm.
So endete die Legende, nicht in Streit, sondern in Schweigen.
🜇 NACHKLANG
Und doch: Wer die Briefe liest, wer die Werke kennt, wer die Stimmen der Zeit hört, weiß, dass zwischen ihnen etwas blieb, das nicht stirbt:
die Erinnerung an eine geistige Wahlverwandtschaft, die so stark war, dass sie beide prägte – und beide verletzte.
ZWEI SEELEN
An Gundolf und George
Zwei seelen die sich suchten In worten und in blicken Die sich in kunst und wissen In einander schmücken.
Zwei seelen die sich fanden In hymnen und in küssen Die doch in reu und buße Aus einander müssen.
Zwei seelen die sich trennten In schmerzen und in schweigen Die sich in tod und ruhm Mit einander zeigen.
AMBROSE · THE · POET
AN GUNDOLF
Warum so viel in fernen menschen forschen und in sagen lesen Wenn selber du ein wort erfinden kannst dass einst es heisse: Auf kurzem pfad bin ich dir dies und du mir so gewesen! Ist das nicht licht und lösung über allem fleisse?
STEFAN GEORGE
Stefan George und Friedrich Gundolf
Friedrich Gundolf
"Schließ Aug und Ohr für eine Weil vor dem Getös der Zeit": melancholische Zeilen, bekannt als das "Lied der Weißen Rose", weil Sophie Scholl es so geliebt haben soll. Geschrieben hat es aber der Germanist Friedrich Gundolf - ein Gedicht zum Abschied, erschienen kurz vor seinem Tod.
Geboren wird Friedrich Gundolf 1880 als Sohn eines jüdischen Mathematikprofessors in Darmstadt. "Große Männer" faszinieren ihn von Jugend an: Caesar, Dante, Goethe und Shakespeare sind für ihn Symbolgestalten ihrer Epoche. Ihnen widmet er auch seine wissenschaftliche Karriere als Professor an der Heidelberger Universität, arbeitet heraus, wie sie lebten und auf die Gegenwart wirken - ein Novum in der Germanistik. Der Titel seiner Habilitationsschrift ist Programm: "Shakespeare und der deutsche Geist". Die Fachwelt reagiert verhalten, vielleicht auch, weil das Publikum begeistert ist: Seine Bücher, elegant und mit leichter Hand geschrieben, erreichen Millionenauflagen. Und er wird ein Star bei den Studenten, obwohl er seine Skripte in einer "Art erhabenes Geleier" abliest. Hannah Arendt sitzt im Hörsaal, Golo Mann und Joseph Goebbels, der damals noch kein wüster Antisemit ist. Der "große Mann", der Gundolf in all diesen Jahren am meisten fasziniert, ist Stefan George. Der Lyriker nimmt ihn den blutjungen, bildschönen und charismatischen Mann 1899 in den Kreis seiner Anhänger auf, ändert den Geburtsnamen Gundelfinger in Gundolf und versucht, in ihm sein Dichter-Ideal zu verwirklichen. Der Schüler glüht vor Bewunderung: "Ich weiß, dass ich Ihnen vor allem verpflichtet bin, wenn ich überhaupt sehen gelernt, wenn ich einen Lebensinhalt habe", schreibt er. Meister und Schüler verehren einander zutiefst - solange, bis George einen neuen Liebling gefunden hat. Gundolf bleibt Georges engster Mitarbeiter. Aber es kommt endgültig zum Bruch, als der inzwischen 46-Jährige seine große Liebe heiraten will. Er hat die Frauen immer gemocht, hatte sogar eine uneheliche Tochter. Jetzt soll die langjährige Geliebte Elli Salomon seine Frau werden. George bekämpft sie mit allen Mitteln, aber Gundolf bleibt fest: Er will lieber "in die Hölle" mit ihr als ohne sie "in den Himmel", schreibt er am 21. Juni 1926. Es ist der letzte Brief an George. Unter der Trennung leiden beide, Gundolf wird todkrank. Er stirbt am 12. Juli 1931 an Magenkrebs und wird in seinem geliebten Heidelberg begraben.
Autorin des Hörfunkbeitrags: Jutta Duhm-Heitzmann
Redaktion: Hildegard Schulte