Raccolta Legs Weaver #14 / Frontispiz https://flic.kr/p/Yfz7dC

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Raccolta Legs Weaver #14 / Frontispiz https://flic.kr/p/Yfz7dC
Der zweite Augustgast
1.
Der August ist am MPI ein stiller Monat. Wir haben aber einen Gast, der ist fünf Wochen ein Praktikant in der Abteilung Rechtstheorie: Tom Sczimarowsky. Nach dem ersten Augustgast, the next big Friedrich, ist Tom nun schon der zweite Augustgast. Ab jetzt kommen Augustgäste in Serie vor, ab jetzt gibt es Ehemalige, Alumni oder Veteranen, ab jetzt könnten sie einen Verein, einen Club oder Bund bilden. Nach einem brillianten Abitur hat Herr Sczimarowsky, also der zweite Augustgast, u.a. Kunstgeschichte und Archäologie in Münster studiert, ist jetzt Student der Rechtswissenschaft an der Bucerius Law School in Hamburg - wo ich ihn als Teilnehmer der 'Anfängerübung' zur Grundlagenforschung kennen gelernt habe. Tom Sczimarowsky interessiert sich für Giambattista Vico, da können wir ihn mit unserem Interesse an Kulturtechnik, Rhetorik und Bildern sehr gut gebrauchen.
2.
Tom Sczimarovsky hat mit seinem Interesse an Vico gleich ein interessantes Forschungsprojekt zum Max-Planck-Institut mitgebracht. So etwas kann sich zu einem Dissertationsprojekt auswachsen. Ich habe im Gespräch gemerkt, dass ich mal wieder gar nix über Vico weiß, seitdem schaue ich mir einiges an - und Jürgen Trabant, hurra, hat es tatsächlich geschafft, angeblich dank COVID, endlich seine neue Übersetzung der Scienza Nouva fertigzustellen, die ist auch schon erschienen. Es gibt neue englische Übersetzungen - und es sind in den letzten Jahren auch interssante Texte erschienen, die sowohl auf Vicos Verhältnis zu Bildern als auch auf das Verhältnis zum Recht eingehen. Superstoff hat Herr Sczimarovsky also mitgebracht, da freue ich mich gleich noch mehr darauf, im kommenden Januar wieder an der Bucerius Law School zu unterrichten. Ich glaube ja, dass sie an dieser privaten Schule, anders als an jetzt zwar naheliegenden aber lieber ungenannten Orten, weitgehend schnarchnasen- und verhindererfrei sind. Vielleicht glaube ich das, weil Warburg auch aus Hamburg kommt und mit einer privaten Praxis öffentlicher Dinge die interessantesten Rechtsgeschichte und Rechtstheorie entworfen hat, vielleicht glaube ich das nur deswegen, weil meine Erfahrung mit deutschen, staatlichen Fakultäten und Fachbereichen nicht die besten wären, während es an Fakultäten außerhalb deutscher staatlicher Rechtswissenschaft immer fantastisch lief.
Domenico Antonio Vaccaro sticht ein Bild, das italienisch als dipintura bezeichnet wird. In einer der Auflagen der Scienza Nouva ist dieses Bild das Frontispiz des Textes. Dipintura ist meines Erachtens ein besonderer, technischer Bildbegriff, vergleichbar mit dem Bildbegriff argumentum (vgl. Steinhauer, Bildregeln 2009), der in der frühen Neuzeit kursierte. Dipintura ist ein Bild, das einem Text vorangestellt ist und das den Gedankengang, Gegenstand und Gliederung der Argumentation vorführen soll. Das Bild soll eine Übersicht über den folgenden Text liefern, Vico sagt u.a. auch, der Text solle so leichter memorierbar sein. Die Scienza Nuovo beginnt insofern mit einem Bild - und mit einem ersten Kapitel, das ein längerer Kommentar zu dem Bild, eine Bildbeschreibung ist. Das erste Kapitel steht wie ein Übersetzung zwischen dem Bild und den dann folgenden, allen weiteren Kapiteln. Vico, der als Jurist ausgebildet wurde und sich auch um einen Lehrstuhl für Recht bewarb, war an der Universität in Neapel als Professor für Rhetorik tätig, als auch dem Gebiet einer der historischen, juridischen Kulturtechniken. Die Rhetorik ist nicht die einzige juridische Kulturtechnik, zumal Rhetorik auch eher der Name einer Disziplin wurde und damit der Begriff eine Reihe von Kulturtechniken bündelt. Nicht nur Rhetorik, alle "Sekretärskenntnisse", alle gesellschaftlichen Techniken des Schreibens, Lesens, der Bildgebung, des Wissen-Machens, Wissen-Lassens, des Erscheinens und Schein-Machens, des Auftritts, der Feier, des Tanzes und des Tafelns sind zumindest bis Anfang des 19. Jahrhunderts klassiche juridische Kulturtechniken. Grammatik, Orthographie, Poetik sind wie Rhetorik juridische Kulturtechniken; Kameralistik, Policey- und Staatswissenschaften, Zeremonialwissenschaft: sie lehren juridische Kulturtechnik. Rhetorik ist also nicht die einzige Kulturtechnik, aber ein herausragendes historisches Beispiel. Vico lehrt in diesem Fach.
Seine neue Wissenschaft ist nicht nur Kulturwissenschaft, sie ist auch Rechtswissenschaft - und wie so viele Beiträge zu den juridischen Kulturtechniken findet die Lektüre der neue Wissenschaft später häufig unter dem Dogma der großen Trennung statt. Weil die Assoziation zum Recht nicht geleugnet werden kann, weil die vielen Referenzen zum römischen Recht in Vicos Text nicht übersehen werden können, wird diese Wissenschaft unterhalb der Schwelle der Rechtswissenschaft verortet. Hoffentlich einfacher gesagt unterstellen manche wohl folgendes: Wenn es Kulturwissenschaft ist, dann könne es keine richtige Rechtswissenschaft sein, nur so eine Art Halbwissenschaft vom Recht - das legen manche mit ihren Techniken der Übersetzung und Reinigung später dann Rechtswissenschaften nahe, für die Recht nur Recht sein soll und nur Recht Recht sein soll, in denen vor der Rechtswissenschaft ein epistemisches Monopol eingerichtet sein soll, das mit dem Beratungsmonopol der durch Staatsexamen qualifizierten Juristen korrespondieren soll. Vico schreibt in einer Zeit, in der noch nicht nur Juristen so richtig wissen soll, was Recht ist. Es gibt schon lange einen Juristenstand, aber das epistemische Monopol ist im 18. Jahrhundert noch nicht gesichert.
3.
Natürlich gibt es bei Vico ein Kapitel über Letter und Buchstaben. Er ist einer der Autoren, die in neuen Darstellungen zu Recht und Medien unterschlagen werden, um dort sagen zu können, bisher hätten Juristen nicht über die Bedeutung von Medien richtig nachgedacht - und erst die modernen, amerikanischen Geschichten und Theorien von Medien des Abendlandes hätten die Bedeutung der Schrift für eine westliche, rationale und rechtlich organisierte Gesellschaft gezeigt. Das ist in gewisser Hinsicht Unsinn. Seit dem es Rechtswissenschaft gibt, gibt es auch Medienwissenschaften, schon weil es Rechtswissenschaft erst in dem Moment gab, als Juristen zu allem in der Welt und außerhlab von ihr, also zu allen, wie es einmal heißt, menschlichen und göttlichen Dingen etwas zu sagen haben wollten, nämlich unter anderem ja oder nein.
Vico ist also einer zahlreichen Juristen, die auch Medienhistoriker und Medientheoretiker, vor allem aber Medienpratiker sind. Dass es in dem Buch ein Kapitel zu lettern gibt, wird auf dem Bild schon angekündigt: da liegt eine Tafel (ein dogmatisches Medium), darauf zwei Zeilen mit jeweils drei Lettern zu Anfängen zweier, ähnlicher Alphabete: ABK, ABC. Wird die Welt lesbar, da wird sie legal: Die dichte Behauptung wird überdenken lassen, was Lesbarkeit und was Legalität, was Gesetz und was logos heißen soll.
Reliure d’Art: Saint-Rémy-lès-Chevreuse (F) vom 22. bis 25.09.2022
Reliure d’Art: Saint-Rémy-lès-Chevreuse (F) vom 22. bis 25.09.2022
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