Ich glaube, dass die Rechtsradikalen den Diskurs über Geflohene derart vergiftet haben, dass es in Deutschland kein echtes Bedürfnis mehr gibt, die Situation der Geflohenen aus dem Iran, Irak, Syrien und Afghanistan wirklich zu erfahren. Wer aber ein Interesse daran hat, Schreckensnachrichten über Schreckensflüchtlinge in Deutschland zu lesen, der kann den ganzen Tag in der Onlineausgabe des Springerblattes Die Welt minütlich aktualisiert fündig werden. Die ersten 50 Nachrichten handeln immer davon, dass die Geflohenen da sind, dass sie Täter sind, dass sie Geld kosten, dass sie hinterhältig, dumm und gefährlich sind. Die Skandalisierung, Diffamierung und Denunzierung von Geflohenen ist Normalität geworden. Die Realität hingegen rückt in den Hintergrund. Mehr noch, mit nichts kann man sich in Deutschland derzeit angreifbarer machen, als mit dem Versuch, auf das Leid der Menschen in der Welt aufmerksam zu machen. Sobald man erzählt, dass im Jemen Kinder verhungern, dass in Libyen Männer und Frauen in Lagern gefoltert und vergewaltigt werden, fühlen sich die Zuhörer belästigt und beängstigt.
Auszug aus Mely Kiyaks aktueller Theaterkolumne “Das Leid lässt kalt”










